Die Anreise und der Start
Eigentlich ist die Reise, an einen der nördlichsten Punkte Europas, eine Wissenschaft für sich. Dank Edelweiss Airlines und Havila Postschiff, ist es ein einziger Traum geworden.
Wiederum ein makelloser 1a Direktflug mit Edelweiss von Zürich nach Tromsø und eine Nacht in meinem Stammhotel Thon in der Stadt.



Schön hat es dieses Jahr noch geklappt, mit einem kurzen Abstecher in meine 🇧🇻-Lieblingsstadt. Hier habe ich wunderbar Zeit gehabt, alle Besorgungen für die ersten Tourtage zu machen und trotzdem noch einen kleinen Hike auf den Hausberg Fløya zu machen.


Während des Aufenthalts in Tromsø, habe ich schon mal vorausgeschaut, wie es mit dem Wetter und den Verhältnissen steht. Die ersten Prognosen sehen gut aus. Zwar werde ich wohl nicht viel von der Mitternachtssonne sehen, dafür soll es mehrheitlich trocken bleiben und was noch wichtiger ist dort oben: wenig Wind! In der Gáissane soll es noch sehr viel Wasser haben und da das Wetter nicht überragend sein wird, werde ich wohl nahe der Strasse bleiben bis nach Lakselv. Dies entscheide ich kurz vor der Gáissane.
Wenn es so sein wird, dann gewinne ich zumindest schon mal rund drei Tage auf die „Marschtabelle“.


Die Überfahrt nach Honningsvåg verläuft sehr ruhig und auch kulinarisch sehr gut. Ich kann Havila als Alternative zu Hurtigruten nur empfehlen!



Das Wetter ist leider ziemlich verhalten für solch eine Küstenfahrt. Doch mir ist es lieber wenn es jetzt noch runterlässt und ab dem 21.6. deutlich trockener wird.
Die Fahrt „über“ den Nordkapptunnel und der Blick auf den zweitletzten Campspot von 2015 am Tunnelportal, lässt viele Erinnerungen aufkommen. Auch an letztes Jahr, als ich mit Anja und Mel (travis-goes-norge.com) „mitgezittert“ habe, auf ihren letzten Kilometern bei Schnee und Eis.

Nach einem dreistündigen Aufenthalt in Honningsvåg (die geführte Nordkapp-Tour hab ich aber ausgelassen😉), sticht Havila nun wieder in die Barentssee, wo ich heute Abend in Mehamn ankommen werde.


Unterwegs passieren wir kurz vor dem Stop in Kjøllefjord die berühmten Finnenkirchen an der steilen Felsküste. Die „Lille Finnkjerka“ sind rund 600 – 700 Millionen Jahre alte Felsformationen, die den heftigen Stürmen an dieser Küste standhalten.


Nach ein paar Stunden umrundet das Schiff den nördlichsten Festlandspunkt Norwegens: Kinnarodden. Die schroffe Felswand fällt hier in die Gischt der Barentssee und im Moment ist das hier keineswegs ein gemütlicher Ort. Der Kapitän lässt durch die Lautsprecher verlauten, dass es gleich ziemlich ruppig wird und die Wellenhöhe bei rund 7-8 Meter liegt! Einige Gesichter bekommen jetzt auch die typisch grüngelbe Färbung und ich bin froh, einen der bequemen Sessel in der Bar erwischt zu haben.

Meine Entscheidung, die Tour am Slettnes Fyr zu starten statt hier, lässt mich das „Feierabendbier“ noch etwas mehr geniessen als sonst. Die Wetterfrösche prognostizieren hier am Kap für die nächsten 2, 3 Tage noch Sturmwinde, da hätte es definitiv kaum Spass gemacht, den Umweg zu machen.
Schon bald kommt die Durchsage, dass wir in Mehamn einlaufen werden. Meine kleine Kabine habe ich geräumt (die Innenkabine hat bei soviel Tageslicht auch Vorteile!). Das Schiff fährt langsam in den engen Mehamnfjorden ein, begleitet von ein paar Grindwalen und unzähligen Möwen.


Während die riesige Fähre sich langsam dem Hafen von Mehamn nähert, mache ich mich für den Landgang bereit. Ich bin alleine beim Ausgang und die restlichen Passagiere versammeln sich trotz Abendessen an der Reling, um das Anlanden zu beobachten. Der Hafen von Mehamn besteht nur aus einem alten Holzsteg und einer baufälligen Baracke, eigentlich erstaunlich für eine Ortschaft, die bis vor 30 Jahren nur auf dem Luft- und Schiffsweg erreichbar war.
Das riesige Tor senkt sich und ich begebe mich, beobachtet von hunderten Passagieren, als einziger an Land. Kein Mensch weit und breit und kaum bin ich an Land, geht das Tor gleich wieder zu und mit lautem Sirenengeheul legt die grosse Fähre wieder ab. „Was für ein Service“ denke ich mir gerade schmunzelnd. Da fährt das Schiff nur für mich nach Mehamn hinein, um mich an meinen Tourstart zu bringen.

Ich beobachte noch, wie das Schiff langsam rückwärts aus dem Fjord hinausgleitet und schultere meinen Rucksack. Ich bin tatsächlich alleine hier und irgendwie habe ich das schon fast vermutet.
Mit dem Leuchtturmwärter Jan Eirik habe ich abgemacht, dass er mich zum Leuchtturm rausfährt. Die 24 Kilometer sind nicht anders machbar. Dreimal habe ich mich noch rückversichert dass dieser „Taxidienst“ klappt, aber ich bin jetzt nicht mehr in der Schweiz und hier laufen die Uhren ab und zu etwas gemächlicher und nicht immer der Reihe nach. Aber was solls, irgendwie werde ich da schon rauskommen und ich habe ja die Telefonnummer von Jan Eirik.
„Ahh, bist du schon am Leuchtturm?“ meldet er sich überfreundlich am Telefon.
„Ähhh… ööhh.. tja, nein, ich stehe am Hafen und warte auf dich“ muss ich schmunzelnd zur Antwort geben.
Schnell wird klar, dass da etwas in unserer Kommunikation nicht geklappt hat. Ich frage nach einer Taximöglichkeit, doch Jan Eirik gibt mir zu verstehen, dass es sowas in Mehamn nicht gibt. Er wohnt im 20 Kilometer entfernten Gamvik und sein E-Bus hat kaum noch Batterieladung. Aber so hilfreich Norweger/innen auch immer sind, er probiert es trotzdem und will mich abholen kommen.
In der Zwischenzeit gehe ich zum einzigen Hotel hier in Mehamn, um meinen Proviantsack zu deponieren. Ich habe für den nächsten Tag ein Zimmer reserviert, da ich ja vom Slettnes Fyr hier durchkommen werde und da brauche ich schliesslich nicht das ganze Gewicht mitzuschleppen. Aber irgendwie lässt es mir der Kopf nicht zu, gleich meinen Rucksack ganz hier zu lassen, eigentlich brauche ich ja nichts beim Leuchtturm als die Zahnbürste und ein paar warme Kleider.
An der Reception ist eine junge, energische aber freundliche Russin die kaum besser norwegisch spricht als ich und englisch schon gar nicht, aber irgendwie versuche ich ihr klar zu machen, dass ich morgen wieder komme und dass der Proviantsack keinesfalls verloren gehen darf. Ich vertraue mal auf ihr wiederholtes „ikke problem, ikke problem“ (kein Problem) und verlasse das Hotel wieder. Draussen warte ich auf Jan Eirik und staune gerade, als ein grosser, schwarzer Tesla mit neongelber Aufschrift „Taxi Frederiksen“ heranrollt. Scheinbar hat sich noch nicht überall herumgesprochen, dass Mehamn scheinbar doch ein Taxi hat!
Kaum ist das Taxi weg, rollt auch schon Jan Eirik an und wir begeben uns auf den Weg nach Slettnes. Jan Eirik ist Mitbesitzer des Museums in Gamvik, welches auch den Leuchtturm verwaltet. Zudem betreibt er eine Herberge und ein Café am Leuchtturm im Wärterhaus. Er erzählt mir bei der Fahrt, dass das Haus 2024 eigentlich geschlossen ist, da alle Gebäude beim Leuchtturm von schädlichen Asbestplatten an der Fassade befreit werden. Da mache es keinen Sinn auf der Baustelle Gäste zu bewirten, aber mich würde dies wohl kaum stören und er freut sich sehr, dass ich mich entschieden habe, meine Norge på langs Tour am Leuchtturm zu starten und nicht am Nordkinn. Er erzählt mir viel über die Geschichte des Leuchtturms, von der Ortschaft Gamvik und dass das Nordkinn ein Hotspot für Ornithologen und Vogelfreunde aus aller Welt ist. Nirgendwo in Norwegen gibt es eine solche Vielfalt an Vögeln wie hier, was mich überaus neugierig auf die nächsten Tage macht.
Unsere Fahrt führt über den nördlichen Teil der Nordkinnhalbinsel Richtung Gamvik, der nördlichsten Ortschaft Europas. Die Landschaft ist sehr karg und rau. Die Strasse zieht sich über viele Kilometer, oftmals in sehr langen Kurven der Küste entlang und ich schlucke ab und zu gerade etwas leer, denn das werde ich morgen zurücklaufen. Jan Eirik weisst mich ein paar Mal drauf hin, dass mich die Bauarbeiter am Leuchtturm morgen sicher schnell nach Mehamn zurückfahren würden. Er muss leider nach Tromsø und kann mich nicht zurückbringen. Ich muss lachen und versuche ihm immer wieder zu erklären, dass ich diese Strecke absichtlich laufen will und ich deswegen keine Fahrt brauche. Jan Eirik schüttelt nur lächelnd nur den Kopf, „na gut wenn du meinst…“.
Schon von weitem sehe ich den rot/weissen Leuchtturm stehen und die letzten vier Kilometer Schotterstrasse zum Turm scheinen wie ein Film vor meinen Augen zu verstreichen. Jetzt bin ich tatsächlich da, am Slettnes Fyr!

Jan Eirik bringt mich zum Wärterhaus und zeigt mir mein Zimmer. Ich habe das ganze Haus für mich! Das Café wurde gerade letztes Jahr renoviert und auch die Zimmer sind traumhaft schön. Jan Eiriks Frau hat am Nachmittag extra noch überall Blumen hingestellt und alles etwas wohnlicher gemacht. Eigentlich wäre heute auch ein grosses Fest hier, wie jedes Jahr am längsten Tag des Jahres: Midtsommer. Wegen dem grauen Wetter, habe ich diese Tatsache schon etwas ausgeblendet, obwohl dies auch der Grund für meinen eher etwas späten Start der Tour war. Aber mit der Mitternachtssonne am längsten Tag des Jahres, wird es heute definitiv nichts.
Jan Eirik zeigt mir auch noch die Kühlschränke in den beiden Küchen, welche randvoll mit Lebensmitteln sind. Ein üppiges Frühstück ist garantiert!





Als die Hausführung beendet ist, wünscht mir Jan Eirik alles Gute für die Tour und drückt mir den Schlüssel für den Leuchtturm in die Hand!
„Der Leuchtturm gehört heute dir Martin, geniess es und fühl dich wie Zuhause“. Dann verabschiedet sich Jan Eirik und ich kämpfe gerade etwas mit meinen Emotionen. Ich bin total überwältigt von diesem Moment und schlicht einfach sprachlos (was ja hier im Moment auch keine Problematik darstellt).
Ich trete nochmals in den rauen Wind und vor den Leuchtturm, als ich am Horizont die „Pollux“ von Havila vorbeiziehen sehe.

Ich blicke noch lange auf die Barentssee hinaus und geniesse mit jeder Faser meines Körpers diesen mysthischen Ort, das raue Wetter und den Duft des Nordmeers. Irgendwie will das alles hier noch nicht so richtig in meinen Kopf. Ich brauche wohl zuerst mal eine Mütze Schlaf um richtig anzukommen, mir bewusst zu sein, wo ich bin und was ich hier tue.
Die ganze Nacht höre ich den Wind am Haus rütteln und mein Schlaf ist nicht wirklich erholsam. Aber es ist wohl eher die Aufregung die mich nicht tief schlafen lässt. Egal, zuerst mal ein kräftiges Frühstück, dann geht es zur Leuchtturmbesichtigung.
Ich schliesse die Eisentüre auf und ziehe die Türe hinter mir wieder zu. Der Turm besteht aus fast 8 cm dickem Stahl und schützt perfekt vor dem extrem rauen Wetter hier oben. Der Leuchtturm wurde im 2. Weltkrieg von der deutschen Wehrmacht komplett zerstört und danach von den Einwohnern hier wieder aufgebaut. Der Leuchtturm ist nicht nur der nördlichste massive Leuchtturm Norwegens oder Europas, es ist der nördlichste der Welt. Ich hatte schon immer ein grosses Faible für Leuchttürme, aber hier ergreift mich gerade sehr viel Ehrfurcht und Staunen.






Im unteren Bereich sind noch alte Instrumente und Bedientafeln ausgestellt, während auf vielen Bild- und Schrifttafeln vom Bau des Turms und dem Betrieb des Leuchtfeuers berichtet wird. Während ich über edle Holztreppen in den 30 Meter hohen Turm steige, höre ich die ungeheure Gewalt des zunehmenden Windes am Turm reissen. Und ob man es glauben will oder nicht, dieses Stahlungetüm bewegt sich ganz leicht im Wind und die Vibrationen sind deutlich spürbar.
Als ich in die Leuchtkanzel komme, ist die Wärme der Lampe deutlich zu spüren. Mittlerweile ist das auch keine Glühbirne mehr, doch selbst diese neuartigen Leuchtmittel werden sehr warm. An der Wand ist ein kleiner digitaler Schaltkasten, der die Leuchtmittel steuert. Ja, der Leuchtturm ist immer noch in Betrieb und wird auch auf den Seekarten als Navigationsmittel ausgewiesen. Der Leuchtturm wird von Tromsø aus gesteuert und die Zeit der ansässigen Leuchtturmwärter ist längst vorbei. Natürlich haben heutzutage die Leuchttürme längst ihre absolute Wichtigkeit verloren und die Schiffe navigieren mit Satellitenunterstützung und haben zig redundante Sicherheitssysteme. Doch gerade in der heutigen krisengeplagten Zeit, kann ein einfaches Leuchtmittel plötzlich wieder an Bedeutung gewinnen.
Lange bleibe ich im Turm und kann meine Augen nicht von der unglaublichen Aussicht trennen. Hier zu stehen, bedeutet mir unglaublich viel und für mich gäbe es keinen besseren Ort, um meine Tour zu starten, welche hoffentlich in etwa 120 Tagen, wieder an einem Leuchtturm einen weiteren Höhepunkt feiert.

Die Zeit vergeht wie im Fluge und ich muss mich langsam auf den Weg machen, es wartet meine erste Etappe nach Mehamn, 24 Kilometer.
Immer wieder ziehe ich noch um den Leuchtturm und bleibe fasziniert stehen, um diesen Moment in mich einzusaugen. Ich kann mich kaum trennen von diesem Ort, etwas hält mich eisern zurück. Der Wind verteilt meine Tränen über das ganze Gesicht und ich weiss eigentlich gerade nicht, was das für Tränen sind. Ist es die unglaubliche Vorfreude, ist es dieser Moment hier draussen, die Tatsache dass ich es wieder geschafft habe einen Traum zu verwirklichen? Ich weiss es nicht….ich muss los!

Tag 1 / Slettnes Fyr-Mehamn

Endlich kann ich mich losreissen von diesem Ort. Meine ersten Schritte vom Leuchtturm weg, sind geprägt vom ewigen umdrehen, stehenbleiben und tief einatmen. Ich bin zutiefst berührt, aber jetzt muss ich endlich vorwärtsgehen, meine Tour hat begonnen!



Natürlich ist auch wieder Norgi in meinem Gepäck und er/sie wird mich auf meiner langen Reise begleiten!
Langsam entschwindet der Leuchtturm aus meinem Blick und ich folge der Kiesstrasse Richtung Gamvik. Schon von Beginn weg spüre ich deutlich den gewaltigen Unterschied zu 2013 und 2015. Ohne Proviant ist mein Rucksack gerade mal knappe 10 Kilogramm schwer/leicht und legt sich problemlos an meinem Rücken an. Selbst der starke Wind hat jetzt weniger Angriffsfläche und meine Schritte sind leichter als je zuvor auf einer Fernwanderung.

Kaum losgelaufen, begleiten mich schon dutzende Rentiere. Was für eine grosse Freude! Die Kleinsten sind gerade erst zur Welt gekommen und wuseln den Müttern hinter her. Mit ihren schon grossen und schwarzen Kugelaugen sind sie echt einfach nur süss und das noch etwas unbeholfene „Gestackse“, lässt mich immer wieder lachen.

Nach rund vier Kilometern endet die Kiesstrasse in Gamvik. Dieser kleine Ort gilt als das nördlichste Dorf in Europa. Die einzige Beschäftigung hier sind die Fischverarbeitungsstellen um Gamvik und Mehamn, was sehr viele Gastarbeiter anzieht. Wahrlich kaum ein anderer Ort weist soviele Nationen auf in der Bevölkerung wie Gamvik, denn bei 218 Einwohnern tummeln sich hier sage und schreibe Menschen aus 67 Ländern! Dies erfahre ich vom Geschäftspartner von Jan Eirik im Dorfmuseum. Bei Kaffee und Kuchen und einem Museumsrundgang, erfahre ich hier sehr viel über die Geschichte der Halbinsel, die Menschen die hier leben und den mittlerweile vielen Problemen, die das Leben hier nicht einfach machen. Sei es die Problematik mit Russland, den nun fehlenden Arbeitskräften und der hier sehr grossen Angst vor einem Konflikt mit dem riesigen Nachbarn, sei es die totale Vernachlässigung durch die Regierung in Oslo, oder die grossen Energiekonzerne, welche die Halbinsel mit fast 2000 Windturbinen überziehen wollen. Wahrlich eine Herkulesaufgabe, hier an ein positives Weiterleben zu denken!



Die Geschichte berührt mich und ich staune wie hart im Nehmen diese Menschen hier sind. So verlasse ich nach einem längeren Stopp diese eindrückliche Ortschaft und begebe mich nun auf die Strasse 8072 nach Mehamn.
Ich hatte etwas Respekt vor den längeren Strassenetappen, da ich nicht wusste wie gut es zum laufen ist. Doch ich bin sehr positiv überrascht, die Kiesstreifen der Strassenränder sind sehr breit und Verkehr ist kaum vorhanden. Das Wetter ist zwar grau und sehr windig, doch diese Rauheit gefällt mir. Ich packe mich warm ein und geniesse diese unendlichen Weiten und die Kargheit des nördlichen Nordkinns. Immer wieder erblicke ich die Strasse über mehrere Kilometer in sehr langgezogenen Kurven, oft fünf, sechs Kilometer lang. Ich mache mir schnell ein Spiel daraus abzuschätzen, wie lange ich brauche um bis zum Strassenhorizont zu laufen. Ich staune immer wieder, wie viel schneller ich gegenüber meiner Schätzung bin. Ein Blick auf die GPS Uhr zeigt eine Durchschnittsgeschwindigkeit von sechs bis manchmal fast sieben Km/h an!







Kilometer um Kilometer zieht an mir vorbei und das rhythmische Knirschen meiner Schuhe im Kies, lässt mich in eine andere Welt abgleiten. Meine Gedanken haben sich gelöst von der Anspannung, den technischen Dingen, den grossen Plänen, Ausrüstung und alles was im Vorfeld zur Tour dazu gehört.

Schon bald erreiche ich den Hauptort der Nordkinn Halbinsel Mehamn, da wo ich gestern mit der Fähre angekommen bin. Die Ortschaft weist keine grossen Blickfänge auf. Fischverarbeitung, eine Touristencenter mit Camping, ein Hotel, ein neues grosses Einkaufscenter und ein Flughafen, mit zwei Flügen am Tag nach Tromsø und Hammerfest. Ich checke im Arctic Hotel ein und nehme mit Erleichterung meinen Proviantsack entgegen. Danach geht es zum Einkauf um den Proviant mit Frischprodukten zu ergänzen und der Tag wird mit einem saftigen Elchburger im Hotel abgeschlossen.
Am Morgen widme ich mich zuerst den Wetterprognosen und muss freudig feststellen, dass ich vorwiegend trockenes Wetter habe, ab morgen soll es sogar sehr sonnig werden. Der hier oft sehr stürmische Wind bleibt zum Glück aus, was die Überquerung der Hochplateaus um einiges angenehmer und einfacher macht. Die Schneesituation hat sich in den letzten zwei Wochen praktisch erledigt und der späte Start macht sich nun sehr positiv bemerkbar. Natürlich kommt mir nun auch entgegen, dass der Winter 23/24 sehr schneearm war.
Die nächsten drei Etappen bis Ifjord sind nun durch die Strasse vorgegeben. Es gibt keine sinnvolle Alternative zur Strasse, aber wenn alles so bleibt wie bis anhin, dann kann ich gut damit leben und werde die sehr langen Etappen zu Beginn wohl auch gut „überstehen“.
Nach einem sehr ausführlichen Frühstück, werfe ich meinen Rucksack auf den Rücken und mache mich auf den Weg.
Tag 2 / Mehamn-Hopseidet



Immer wieder stehen an den Siedlungsgrenzen orange Schilder für den Winterverkehr. Hier darf bei Schnee und Eis nur in Kolonnen, zu bestimmten Zeiten die Strasse befahren werden. Zuerst kommt ein Schneepflug, dann die Autos und zum Schluss wieder ein Schnee- und Strassendienstfahrzeug. Die Strasse kann im Winter bei Schnee und Wind innerhalb weniger Sekunden nicht mehr sichtbar sein und dann würde es viel zu gefährlich.


Zum Glück lässt mich der Wind etwas in Ruhe. Für Pausen muss ich aber hinter die Böschung der hochgebauten Strasse, um etwas Schutz zu finden. Sehr schnell kann man hier auskühlen und dann wird das laufen sehr beschwerlich. Nach rund der Hälfte der Strecke, entdecke ich eine kleine Hütte, in deren Windschatten ich gut eine längere Pause machen kann.

Kurz nachdem ich mich dort ans Haus gesetzt habe, fährt ein Auto heran. Ein älterer Mann steigt aus und stellt sich als Jon vor. Er ist Rentierhirte aber kein ethnischer Sami. Er wohnt unweit von hier, das ganze Jahr in einem kleinen Haus. Schnell kommen wir ins Gespräch und er erzählt mir von seiner Arbeit. Ich frage ihn ob es nicht hart sei, bei Wind und Wetter hier oben die Rentiere zu halten? Er lacht und erwidert „Ich und arbeiten? Für was? Die Rentiere arbeiten für mich, das ist viel angenehmer!“. Ich muss nun auch lachen, so kann man es natürlich auch sehen. Er fragt mich nach meiner Wanderung und wohin ich heute noch gehen will. Er rollt die Augen als ich von Norge på langs rede und erwidert, dass er jedes Jahr wieder Menschen treffe, die diese lange Wanderung machen. Verstehen könne er dies nicht, aber er sei jedes Mal sehr beeindruckt von dem Vorhaben. Wenn ich schon nach Hopseidet gehen wolle heute, dann könne er mir eine Hütte zum übernachten anbieten. Es gebe dort eine Gemeinschaftshütte für die Gemeindebewohner von Mehamn und die könne jeder nützen. Er habe einen Schlüssel dazu und werde ihn mir bringen wenn ich wolle. Na klar, das ist natürlich eine tolle Überraschung, denn in diesem Geländeschlauch Hopseidet kann der Wind ziemlich heftig blasen. Ich schätze dass ich in rund drei Stunden dort bin, also machen wir das so ab. Ich bedanke mich ganz herzlich bei ihm, sage ihm aber auch, dass er wegen mir nicht extra weite Wege fahren müsse, ich habe ja ein Zelt dabei. Mit einem Handschlag verabschieden wir uns und schon braust Jon wieder seines Weges.

Was viele wohl als ziemlich langweilig empfinden, geniesse ich gerade sehr. Mir machen diese langgezogenen Strassenstücke nichts aus und es hat schon fast etwas meditatives hier entlang zu laufen. Ich brauche auch keinerlei Hörbücher oder Musik um mich abzulenken oder die Zeit zu verkürzen. Die Geräusche der Natur, der Wind, die Schritte im Kies und all meine Gedanken fühlen sich völlig frei. So merke ich kaum, dass ich plötzlich kurz vor Hopseidet stehe. Vis a vis sehe ich schon den kurzen Aufstieg der Strasse zum Nordkynvegen, den ich morgen begehen werde.


Der Abstieg nach Hopseidet runter ist beeindruckend und noch viel beeindruckender, oder eher beklemmender, ist die ganze Geschichte hier. Hier wo sich entscheidet, dass die Nordkinn Halbinsel noch zum Festland Norwegens gehört und keine Insel ist, besteht bloss ein Landübergang von rund 200-300 Metern. Und beinahe wäre die Nordkinn Halbinsel zur Insel geworden, wenn der Plan der deutschen Wehrmacht im 2. Weltkrieg aufgegangen wäre.

Strategisch war die Nordkinn Halbinsel sehr wichtig im 2. Weltkrieg. Die Barentssee war durch die Deutschen sehr gut bewacht, um der russischen Nordmeerflotte den Durchgang zu verunmöglichen. Die Halbinsel wurde faktisch zerstört, so ja auch das Leuchtfeuer in Slettnes.
Um den Norwegern eine Befreiung der Halbinsel auf dem Landweg zu verunmöglichen, wurde der Plan gefasst, bei Hopseidet von Westen her die ganze Landenge durchzusprengen und somit ein Landübergang zu verhindern. Zig Tonnen Dynamit wurden herangeschafft und man begann Stück für Stück einen Kanal in die Landenge hineinzusprengen. Heute ist dieser Kanal noch deutlich sichtbar und die Strasse muss einen grossen Bogen um diesen künstlichen Fjord herummachen. Doch schon bald ging der deutschen Wehrmacht der Sprengstoff aus und die letzten 200-300 Meter konnten nicht mehr ausgesprengt werden. Hinzu kam ein permanentes feindliches Feuer der norwegischen Partisanen.
Der Frust und die Wut sass tief bei den deutschen Soldaten und so entlud sich dieser damit, dass sie bei der benachbarten Fischersiedlung die sechs dort wohnhaften Männer aus den Hütten holten und sie erschossen.
Heute steht dort ein Denkmal zu Ehren der Fischer und erinnert an dieses fürchterliche Massaker.

Ein weiteres Denkmal an der Strasse in Hopseidet ist deutlich positiver und zeigt zum Glück auf, dass Menschen auch grossartige und verbindende Bauwerke entstehen lassen können. Mehamn war bis 1989 nur auf dem Schiffs- und Flugweg erreichbar. Zu unwirtlich war das Hochplateau um eine Strasse dort rüber zu führen. Doch 1989 war es dann nach vielen Jahren Bauzeit endlich soweit, der legendäre Nordkynvegen konnte eröffnet werden.
In Hopseidet steht auch noch ein kleines WC Häuschen und ein grosser Parkplatz mit Tisch und Bänken. Ich bin etwas früher dort als geplant und so mache ich mir zuerst mal eine Nuddelsuppe bis Jon eintreffen wird.
Aber naja, ich kenne ja mittlerweile meine norwegischen Pappenheimer und die Abmachungen mit ihnen. Ich muss etwas schmunzeln, als Jon auch nach zwei Stunden immer noch nicht eingetroffen ist und da ich schon etwas damit gerechnet habe, habe ich vorsorglicherweise einen Zeltplatz gesucht. Ich habe ihm ja auch gesagt, dass er sich keine Mühe machen soll. Auf der anderen Seite der Strasse sehe ich auch das Gemeinschaftshaus vor welchem ziemlich viele Autos stehen. Da wäre wahrscheinlich auch kein Platz für mich gewesen, ist ja schliesslich Wochenende.

Die Nacht war kurz, also das was man hier oben Nacht nennt! Die nächsten zwei Monate muss ich mich daran gewöhnen, dass es 24 Std. am Tag hell ist und im Zelt ist dies natürlich nochmals deutlicher spürbarer. Auch haben sich in der eher sehr windarmen Nacht, die ersten Mitbewohner nervig vorgestellt: Mücken!
Tag 3 / Hopseidet-Bekkarfjord


Die Nacht war kurz, weil ich früh los will um den vorhergesagten Kaiserwettertag voll ausnützen zu können. Es liegen rund 40 Kilometer vor mir, plus 450 Höhenmeter rauf, gleich zu Beginn des Tages.


Kaum steigt die Strasse an, löst sich der Hochnebel schnell auf und der Himmel strahlt im tiefsten Azur. Ich bin völlig hin und weg von diesen Aussichten. All die Farben mit den tiefblauen Seen, das aufkommende grün des Fjells, die Schneeresten entlang der Strasse und eine unheimlich schöne Stille. Immer wieder wird die Stille durch Schreie von Adlern, Bussarden und Falken durchbrochen. Rentiere en Masse die durch das Fjell rennen und auch die ersten Goldregenpfeifer mit ihrem kläglichen Gefiepe, starten den Soundtrack des Fjells.




Die Sonne heizt ziemlich ein und nur eine kleine Brise sorgt für etwas Abkühlung. Zum grossen Glück ist frisches, kühles Trinkwasser in Norwegen frei Haus und bei jeder Gelegenheit halte ich den Kopf ins Wasser und kann mich nach Lust und Laune erfrischen.
Eine grosse Dankbarkeit erfüllt mich für diese wunderschönen Verhältnisse! Ich will mir gar nicht ausdenken, wie das hier oben auch sein kann mit Sturm, Regen und Schnee. Sehr oft denke ich an Sophie (Weitwanderin) und ihre Tour vor zwei Jahren zurück. Sie war hier Ende Oktober unterwegs und wir hatten fast täglich Kontakt. Die Bedingungen waren knallhart und eigentlich definitiv nicht mehr machbar. Heftiger Sturm, Schneefall und Eisesglätte auf der Strasse, doch Sophie war ihrem Ziel mittlerweile so nahe, dass aufgeben keine Option war. Als sie über dieses Plateau lief, versuchte ich mit Google Maps und zig Karten, irgendwo etwas wie einen Unterstand oder ein Haus zum Schutz für sie zu finden. Per Zufall erkannte ich auf den Satellitenbilder einen kleinen Unterstand: Reinoksevannet. Ein kleiner Rastplatz mit einem sehr eigenwilligen Gebäude, das vor Sturm kaum Schutz bieten konnte, aber für Sophie war es wohl schon fast ein Paradies.
Jetzt stehe ich vor diesem Gebäude und bin froh, bei dieser „Hitze“ etwas Schatten für eine ausgiebige Pause zu finden. Was für Gegensätze!

Nach einem ausführlichen Mittagessen, lege ich mich einen Moment auf die Bank und nicke ein. Kurze Zeit später erwache ich, als eine ältere Frau mit dem E-Bike zur Hütte kommt. Wir kommen schnell ins Gespräch und ich erfahre, dass sie aus dem rund 24 Kilometer entfernten Bekkarfjord hochkommt und diese Tour wenn möglich zwei-, dreimal in der Woche macht! Wow, denke ich, die gute Frau ist ja ziemlich fit für ihr Alter. Ilse ist aus Deutschland und vor 60! Jahren nach Norwegen ausgewandert: die Liebe! Seit 30 Jahren lebt sie in Bekkarfjord und hatte mit ihrem Mann einen Bauernhof, den nach dem Tod des Mannes vor zwei Jahren nun die Kinder übernommen haben. Sie erzählt mir von ihrem harten Leben, aber beklagt sich keine Sekunde. Sie sei zwar mittlerweile etwas einsam und sie vermisse ihren Mann sehr. Doch die Natur hier oben im Norden gebe ihr alles zurück. Darum kommt sie so oft wie möglich hier hoch nach Reinoksevannet.
Aber es liegen schwarze Wolken am Horizont! Und wieder treffe ich auf die Sorge mit den Windrädern. Genau hier wo wir sitzen, sollen alleine 600 Stück davon aufgestellt werden, ein Ausmass, das man sich auch mit blühender Fantasie kaum vorstellen kann. Sie ist erschüttert und sehr traurig über diese Aussichten und sie tut mir in dem Moment sehr leid. Die Tränen kullern über ihre Backen und sie versucht irgendwie doch noch einen Sinn in dem ganzen Projekt zu finden. Ja, wir brauchen alle Strom und wir müssen etwas gegen den hier oben noch viel extremer wahrzunehmenden Klimawandel machen, aber warum so übergross? Das Nordkinn ist absolut einzigartig was die Vogelwelt angeht. Es gibt in Europa kaum einen Ort, an dem es so vielfältige und grosse Populationen aller Arten von Vögeln gibt. Man will sich im schlimmsten Alptraum nicht vorstellen, was das für ein Gemetzel geben wird, mit all den Windrädern!
Der Widerstand, gerade auch von den Samis, ist sehr gross und es wird mit allen rechtlichen Mitteln gegen die Projekte angekämpft. Doch für die Energiekonzerne gelten keine Umweltsorgen, hier ist reiner Profit gefragt und in den Fjells um Oslo herum, sind solche Anlagen halt nicht gefragt. Doch was ist die Alternative? Ilse sagt mit traurigen Augen, dass es wohl keine gibt, den Sparen wollen die Menschen nicht, das sei halt einfach so.
Worte die mir ins Herz gehen und es wird nicht das einzige Gespräch auf meiner Tour bleiben, dass diesen Konflikt unserer Gesellschaft deutlich aufzeigt. Lösungen gäbe es zur Genüge, doch leider lassen sich mit diesen kein gutes Geld verdienen!
Ich kann nicht anders als Ilse ein Lächeln zu schenken und ihr zu sagen, dass auch ich als etwas jüngerer noch Hoffnung habe, wenn es Menschen wie sie gibt auf dieser Welt. Sie drückt mir ganz fest die Hand, lässt einen grossen Seufzer ins Fjell entfliegen, lächelt und schwingt sich wieder auf ihr E-Bike. Sie müsse sich langsam auf den Weg nach Hause machen, mit 87 sei man halt nicht mehr so frisch und zwinkert mit den Augen.
Mich haut es fast von der Bank… 87?? Ich winke ihr noch nach und packe meinen Rucksack, schliesslich habe ich auch noch diesen Weg vor mir, aber zu Fuss!

Mein Weg führt mich weiter Richtung Torskefjorddalen. Eigentlich hatte ich hier während der Planung einen Platz ausgesucht um zu campieren, doch es macht im Moment einfach Spass weiterzulaufen. Die Aussicht auf das grosse Tal ist schlicht einzigartig. Durch das Gegenlicht der Sonne, sind die Farben auf den Bildern leider nicht so grandios wie sie mein Auge sieht. Aber man hätte gerade Lust einfach dort runter zu laufen und in das Tal einzutauchen.



Nach knapp 35 Kilometern erhasche ich den ersten Blick auf den grossen Bekkarfjorden. An einem Parkplatz setze ich mich neben einen grossen Camper mit deutschen Kennzeichen hin und geniesse die prächtige Aussicht. Es geht nicht lange bis das ältere Paar mich fragt, ob ich gerne einen Kaffee möchte. Sie haben meine Flagge am Rucksack gesehen und das Schweizer Kreuz erkannt. Sehr gerne nehme ich die Einladung an und geniesse frischen Kaffee und selbergemachte Kekse. Die beiden sind schon seit drei Wochen unterwegs und haben noch etwa vier Wochen Zeit, bis sie nach Hause zurückkehren. Ganz beiläufig erzählen sie mir, dass sie beide pensionierte Kriminalhauptkommisare in Rostock waren. Sie haben sich auf der Arbeit kennen- und liebengelernt. Immer wieder interessant, was für Menschen man so beiläufig auf der Tour kennenlernt.
Es wird aber langsam Zeit, mir einen geeigneten Zeltplatz zu suchen und schon bald erkenne ich einen herrlichen Platz, mit wunderschöner Sicht auf den Fjord.


Schlussendlich nach solch einem perfekten Tag, noch einen solchen Zeltplatz oberhalb des Bekkarfjords zu ergattern…was will ich mehr! Doch die knapp 40 Kilometer Strasse lassen sich nicht verstecken. Leichte Entzündungserscheinungen lassen grüssen. 2013 ist wieder präsent. Das heisst ab jetzt noch mehr aufpassen, ein zweites Mal will ich das nicht erleben. Doch mittlerweile habe ich auch eine Strategie entwickelt, wie ich präventiv einwirken kann. Am Morgen ist alles wieder okay und ich bereit für die nächste Etappe nach Ifjord.
Tag 4 / Bekkarfjord-Ifjord

Der vierte Tag beginnt wie der dritte aufgehört hat, mit purem Sonnenschein! Temperaturen 5.30 um die 20 Grad, lassen schon die ersten Schweissperlen auf der Stirn zurück, als ich Bekkarfjord erreiche. Dieser kleine Ort beherbergt die drei nördlichsten Landwirtsschaftsbetriebe der Welt.
Hier hat die Strassenlauferei für einen kurzen Moment eine Pause, denn es gibt eine schöne Abkürzung rüber zum Fjord. Bis jetzt konnte ich die Strassenlauferei relativ problemlos bewältigen und ich hoffe es bleibt noch etwas so.
Es ist schon sehr warm am Morgen, kein Wunder, dass ich schon knapp um 7.00 Uhr dem ersten Bauern bei der Arbeit begegne. Pedder pflügt gerade sein Feld, als er mich sieht und spontan zu mir rüberfährt. Wir kommen ins Gespräch und schon bald kommt die Frage: „Hast du auch Hunger? Möchtest du auch ein Glas Milch der nördlichst gemolkenen Kühe der Welt trinken?“. Wie könnte ich da nein sagen!
Und schon sitze ich bei Pedder in der Küche und geniesse ein 1a Frühstück. Über eine Stunde erzählt er mir von dem Leben hier, seinen Träumen, seiner Angst, den Hof nicht weitergeben zu können und seine ersten Ausflüge als Tour Guide für King Crab fishing Tours. (Bekkarfjord Experience). Dass er den Hof verkaufen will, tut ihm zwar weh, doch er sieht jetzt mehr Zukunft im Tourismus und da die Kinder auch schon alle aus dem Haus sind und seine Frau als Lehrerin in Lebesby einen gut bezahlten Job hat, sieht er dem ganzen positiv entgegen.
Wieder eine wunderbare Begegnung, die mich ein wenig in das Leben auf Nordkinn hineinblicken lässt. Eine herzliche Gastfreundschaft, wie man sie in Norwegen immer wieder geniessen darf!
Tusen takk Pedder! Det var veldig hyggelig å møte deg🙂








Die Wanderung über das weglose Fjell ist traumhaft schön und einfach. Ab und zu sehe ich ein paar Spuren und kann locker einer Telefonleitung folgen. Beim laufen muss ich immer wieder gut aufpassen, denn die Legenester der Rypen (Schneehühner) sind oft kaum auszumachen. Es hat sehr viele hier, es scheint ein gutes Jahr zu sein.
Während ich so vor mich hinlaufe, bemerke ich nicht, dass ich die Abkürzung zur Hauptstrasse runter verpasst habe und auf einen ATV Track, eine Spur für vier- oder sechsräderige Geländefahrzeuge, geraten bin. Diese führt laut Karte nach Lebesby runter. Na gut, auch nicht schlecht, denn dieser kleine Ort hat einen Dorfladen und der hat zurzeit geöffnet.

Nach der wohltuenden Erfrischung mit frischen Brötchen, Salami, Käse und kalter Milch, mache ich mich wieder auf den Weg. Jetzt allerdings wird mir bewusst, dass ich mit dem Umweg nun 17 statt 13 Kilometer Strasse vor mir habe. Und ganz schnell stelle ich fest, dass es mit der Gemütlichkeit ein Ende hat. Die Strasse ist sehr eng, kurvig und unübersichtlich. Hinzu kommt ein höllischer Lastwagenverkehr und es sind jetzt, bei Ferienbeginn, auch schon viele Camper unterwegs. Immer wieder muss ich in den Strassengraben ausweichen, denn es hat keinen begehbaren Kiesstreifen mehr.
Oftmals sind die Kurven sehr unübersichtlich und die Autos kommen sehr schnell um die Biegung geschossen.


Ich spüre je länger je mehr ein übles Unbehagen in mir aufsteigen. Bei jedem Auto zucke ich zusammen und ich spüre dass ich zittere. Ich laufe nicht mehr, ich jogge schon fast über die Strasse und fluche vor mich hin. Immer wieder muss ich Pausen einlegen und mich beruhigen, damit ich wieder den einen oder anderen Kilometer vorwärts komme.
Es wird immer offensichtlicher, dass ich scheinbar meinen Crash 2015 mit dem Camper im Sennalandet nicht verarbeitet habe, sondern verdrängt. In mir steigt Panik auf und rationales Denken ist nicht mehr möglich. Ich bin völlig perplex über die Situation und mir wird klar, dass ich das nicht weitermachen kann. Ich versuche mich trotzdem bis nach Ifjord durchzubeissen, aber das ganze wird ein harter Kampf. Ganz schnell spüre ich auch wieder, wie die Entzündung im rechten Bein anspricht, ausgelöst durch das enorm hohe Tempo und den Asphalt.
Einen Kilometer vor dem Hotel In Ifjord, weckt mich ein heftiger Regenguss aus meiner Lethargie und ich bin so was von erleichtert, endlich die „Oase“ sehen zu können.
Als Belohnung, wartete das neu gestaltete Hotel Oace in Ifjord mit Hotelzimmer, Essen und gutem Bierchen! Statt wie errechnet 26 Km, komme ich mit dem unbeabsichtigten Schwenker nach Lebesby, wieder auf satte 34 Km.
Und wie weiter?
Aus Zeitgründen und der anfänglich schlechten Wetterprognose, habe ich mich frühzeitig dazu entschlossen, den Bonus: Gáissane, fallen zu lassen und der Strasse nach zu gehen. Mittlerweile hat sich Wetterprognose allerdings um 180° gedreht und es erwartet mich wunderbares Hochdruckwetter. Ich bin gerade ziemlich im Clinch, wie ich weitergehen will. Mein grosses Ziel auf den ersten Etappen war immer der grossartige Stabbursdalen National Park und jetzt hätte ich absolutes Topwetter bis nach Alta, vielleicht sogar bis durch das Nábár hindurch. Die Bonusvariante über die Gáissane würde mich aber zusätzlich mindestens vier Tage kosten.
Und jetzt kommt auch noch ein Planungsfehler dazu, denn ich habe fast kein Gas mehr und hier ist nichts erhältlich. Der nächste Ort wäre Lakselv!
Das heisst, ich muss morgen so oder so mit dem Bus nach Lakselv und komme so zumindest, zu einem Ruhetag nach 126 Km. Die Variante, dann mit dem Bus einen Tag später nach Ifjord zurückzufahren um in die Gáissane zu gehen, macht aber zeitlich keinen Sinn und ich würde zwei super Tage im Bus sitzen.
Die Strasse ist definitiv aus dem Programm gestrichen, der heutige Tag hat mich soviel Energie gekostet und so ein schlechtes Gefühl hinterlassen, dass ich darauf sehr gut verzichten kann!
Etwas unbewusst, gibt es mir somit auch gleich die Antwort, ob ich es beim 2. Mal schaffe, durch ganz Norge ununterbrochen zu laufen. Obwohl dies nie eine Priorität für 2024 gewesen ist, war es halt trotzdem im Hinterkopf. Doch eigentlich bin ich jetzt nicht ganz unglücklich, wenn sich dieser „Druck“ von selbst erledigt und ich schon von Beginn weg dadurch freier in meinen Entscheidungen sein kann und ich mich nicht an „falschem“ Ehrgeiz festhalte. Schade dass ich die 2. Chance nicht nutzen kann, aber dafür steigt jetzt auch die Chance bis nach Lindesnes zu kommen, ohne wieder wegen den gleichen Problemen abbrechen zu müssen.
Zudem gibt das mir jetzt ungeplant noch etwas Reservezeit, die ich gerne entgegennehme. Auch wenn ich spüre, dass Etappen über 35 Kilometer gut möglich sind, will ich mir mehr Zeit nehmen. Solche Begegnungen wie heute, solche wunderbaren Tier- und Landschaftsbeobachtungen wie die letzten Tage, sind für mich tausendmal mehr wert, als viele Kilometer und Leistung!
In diesem Sinne, freue ich mich jetzt auf Stabbursdalen, gutes Wetter und in c.a. fünf Tagen, in Alta einlaufen zu können.
Es folgt das nächste Kapitel : Stabbursdalen N.P. und Alta
