Allgemein

Schuhe,Schuhe,Schuhe…

Wenn es um die Ausrüstung einer langen Tour geht, steht die Frage nach dem passenden Schuh in etwa gleich wie die des Rucksacks, nämlich ganz oben!

Immer wieder werde ich angefragt was ich denn trage, was ich empfehlen kann und was meine Erfahrungen sind. In diesem kleinen Erfahrungsbericht werde ich dies gerne mal kundtun und vielleicht habe ich sogar den einen oder anderen Tip mit dabei:

Um es gleich vorneweg zu nehmen, den ultimativen Tip oder die Kaufempfehlung gibt es auch von mir nicht, denn beides gibt es schlicht nicht. Kaum ein menschlicher Fuss ist gleich wie der andere, darum sind viele der Schuhtests nicht relevant oder aussagekräftig. Kaum ein Mensch der die Schuhe zum gleichen Zweck nutzt, gleich läuft oder sich um den Schuh kümmert.

Persönliche Erfahrung: Ich komme aus dem alpinen Bereich, sei es vom Klettern, Hochtouren oder Trekking. Fast die Hälfte des Lebens habe ich tagtäglich, viele Stunden, meine Füsse in schwere Bergschuhe gepfercht, sei es auf der Arbeit, im Cockpit oder in der Freizeit. Man kann vielleicht sagen, dass ich in solchen Schuhen auf die Welt gekommen und aufgewachsen bin! Als ich mich entschied Norge på langs zu laufen, hiess das für mich komplett anders zu denken was das Schuhwerk anging. Ich konnte nun wirklich nicht mit einem steigeisenfesten, zwei Kilogramm schweren Bergschuh fast 3000 Kilometer durch das Fjell zu laufen. Da ich auch im Umfeld nicht auf allzu viele Erfahrungswerte zählen konnte, informierte ich mich anhand all der Tests im Internet, Zeitschriften oder anderen Portalen. Und tatsächlich, es schien den Trekkingschuh zu geben: den Hanwag Alaska GTX. Sehr viele Fernwanderer trugen ihn und waren allem Anschein an sehr zufrieden. So entschied ich mich, entgegen meinen Prinzipien, den Schuh zu kaufen und erst dann zu testen.

Zwei Paar Schuhe und etwa 5000 Kilometer später, zolle ich diesem Schuh einen grossen Respekt. Gerade die extremen Verhältnisse im Wasser 2013 (wo er mehr die Aufgabe eines U-Bootes hatte) und 2015 im Schnee, zeigten die grossen Qualitäten des Schuhs auf! Die Weichheit des Lederschuhs, die sehr grosse Dämpfung der Sohle waren für mich zu Beginn ein grosser Gewöhnungsfaktor. Meine Füsse schienen damit aber keine Probleme zu haben. Da hatte die enorme Strassenlauferei mehr Tribut gefordert und hier spielte es definitiv keine Rolle welchen Schuh ich benutzte, Asphalt tötet jeden Fuss!

Für kürzere Touren 2-4 Wochen und anspruchsvolleres Gelände, wie z.B. das Narvikfjell, war mir die Trekkingschuh Variante allerdings dann doch zu weich. Mit der Zeit verlor der Hanwag Alaska GTX deutlich an Stabilität um die Knöchelachse, weil das Leder immer geschmeidiger wurde. Die Dichtheit des Nubukleders ist trotz intensiver Pflege auch irgendwann an der Belastungsgrenze angekommen. Die Gore Tex Membrane verhinderte zum Schluss auch keinen Wassereinbruch mehr und wenn Wildleder mal mit Wasser kontaminiert ist, wird der Schuh schwer, wird pampig und hat auch einen ziemlich üblen Geruch im Programm.

Was ich eigentlich schon nach der Norge på langs Tour geplant hatte, führte ich nun aus und wechselte wieder zu den Bergschuhen zurück. Gerade in den letzten Jahren haben sich viele Hersteller von traditionellen Bergschuhen auch mit dem boomenden Trekkingsektor befasst und ihre Schuhe weiterentwickelt. Entstanden sind nun Zwitter der beiden Sparten, welche viele Eigenschaften miteinander verbinden. Die Schuhe sind meist alle bedingt steigeisenfest, haben eine Gore Tex Membrane kombiniert mit Wildleder und heute Standart: eine Vibram Sohle. Am auffälligsten ist aber das deutlich reduzierte Gewicht, dass zuweilen unter 1600 Gramm/das Paar fällt.

Meine Füsse scheinen ein gewisses Flair für italienisches Schuhhandwerk zu haben und so kam für mich entweder La Sportiva oder Scarpa in die Auswahl. Beide Schuhmarken trage ich seit Anbeginn meiner Bergzeit und konnte noch nie etwas negatives feststellen.

Mit dem La Sportiva Karakorum Trek wählte ich 2018 einen Schuh der neusten Generation von kombinierten Modellen. Tragbar im Gebirge, aber auch prädestiniert für das lange Trekking mit hohem Gewicht, erwies sich der Schuh als perfekte Variante für mich.

Der Schuh ist deutlich massiver als ein typischer Trekkingschuh und daher wohl für die meisten Wanderer nicht geeignet, oder zumindest sehr gewöhnungsbedürftig. Für meine Zwecke aber hervorragend geeignet, sei es im Geröll, auf der Strasse und kombiniert mit Gamaschen auch beim furten von kleinen Bächen. Doch genau da trat ein überraschendes Problem auf, der Schuh war an beiden Füssen undicht. La Sportiva untersuchte den Schuh und stellte beidseitig gerissene Gore Tex Membranen fest. Es musste sich definitiv um einen „Montagsschuh“ handeln, denn Undichtheit war noch nie ein nennenswertes Problem bei La Sportiva. Selbstverständlich wurde mir umgehend Ersatz angeboten, oder ich konnte einen anderen Schuh wählen. Da die Entwicklung mittlerweile sehr viel Fahrt aufgenommen hatte, entschied ich mich für 2020 weitere Modelle zu testen.

Bei La Sportiva fiel mir sehr schnell der neue Trango Alp Evo GTX ins Auge. Nahtlos, eine Gore Tex Membrane und wieder einen Deut leichter, waren für mich ausschlaggebende Faktoren den Schuh zu testen. Das der Schuh etwas weniger bullig ist als der Karakorum, kommt mir deutlich entgegen und das weniger an Gewicht fühlt sich hervorragend an. Hier einen bedingt steigeisenfesten Bergschuh an den Füssen zu haben, der auch für die Kletterei geeignet ist, muss man schon wissen…. den spüren tut man es definitiv nicht mehr. Kombiniert mit der Gore Tex Gamasche sind Bachläufe bis 30-40 cm Wasserstand und einer Breite von 50 Metern problemlos zu durchwaten, ohne nasse Füsse zu bekommen. Gerade im Norden ein nicht unwesentlicher Vorteil!

Leider ist der Test in Norwegen bis jetzt „Coronabedingt“ ins Wasser gefallen, doch ich bin mir sehr sicher, dass dies kein Problem für diesen hervorragenden Schuh werden wird.

Der Markt ist breiter geworden und so hat auch Scarpa, welcher bis jetzt ein sehr spezifisches Programm für den alpinen Gebrauch führte, sich an das Trekkingbusiness herangewagt. Gerade die Familie der Ribelle-Schuhe war als typische Klettersteig- und Alpinschuhe bekannt. Mit dem Ribelle Lite HD hingegen, hat sich das Blatt gewendet. Die weitherum bekannte, sehr steife Fiberglas Einlage in der Sohle, die oft einen etwas eigenen Gang des Trägers hervorbrachte, wurde deutlich abgespeckt. Die Zehenpartie wurde etwas mehr abgerundet und das Perwangerleder ausgedünnt, was ein deutlich geringeres Gewicht bedeutet. Mit gerade mal noch 660 Gramm je Schuh, ist diese Variante wohl eine der leichtesten seiner Kategorie, trotz der hohen Stabilität und Festigkeit. Auch hier ist die bedingte steigeisenfestigkeit Programm und somit ist der Schuh auch bestens im Gebirge einsetzbar.

Der La Sportiva Trango, wie auch der Scarpa Ribelle Lite HD, erfüllen alle Wünsche von mir. Stabilität, Tragekomfort, Gewicht und Dichtheit überzeugen in allen Bereichen. Die Einsetzbarkeit ist nahezu unbegrenzt, selbst längere Strassenabschnitte liegen jetzt drin!

Die einzige Herausforderung wird wohl sein…. welcher Schuh kommt mit in den Norden 😉 Hier wird aber wohl der Trango die Nase eine Spur vorne haben.

Ein paar persönliche Tips: Braucht es spezielle Schuhe für eine Fernwanderung? Grundsätzlich nein. Der überwiegende Teil jener, die sich für eine Fern- oder Langdistanzwanderung entscheiden, werden wohl schon Erfahrung mit Wanderungen gemacht haben. Der typische „Kerkeling-Coachpotato-Hiker“ ist wohl eher in der Minderheit. Wer bis jetzt einen Schuh am Fuss hatte und damit zufrieden war, sollte sich nur bedingt auf Experimente einlassen. Es gibt Läufer die mit einem 50 Euro Schuh aus dem Billigdiscount glücklich sind, es gibt Läufer die sich für 1000 Euro einen persönlich zugeschnittenen Leistenschuh an ihren Problemfuss schneidern lassen. Egal wie und egal was, wenn es passt, sollte man seinem Schuh treu bleiben. Bei einer bestimmten Marke zu bleiben macht im allgemeinen Sinn, denn man hat sich an den Schnitt, die Passform und vielleicht auch an andere Details gewöhnt und kann den Schuh einschätzen. Aber es kann Sinn machen, sich innerhalb der Markenfamilie umzuschauen, evt. gibt es dort Nuancen, die sich auf 1000 Kilometer positiv bemerkbar machen können. Ich habe mich in 30 Jahren auf zwei Marken konzentriert, die wie für meinen Fuss geschaffen sind. Da ich ein breites Spektrum abdecke, vom Klettern, Hochtouren bis zur Fernwanderung, benutze ich meist zwei verschiedene, an die Verhältnisse angepasste Schuhpaare.

Braucht es Beratung bei der Anschaffung eines neuen Schuhs? Wenn man ganz genau weiss was man will, dann wohl kaum. Ich empfehle aber immer wenn möglich, eine persönliche Beratung in Anspruch zu nehmen. Gerade wenn man über die Jahre eine Vertrauensperson auserkoren hat, die selber über eine grosse Erfahrung besitzt, kann dies die eine oder andere negative Überraschung fernhalten. Gerade wenn ein Schuh nicht passt, defekt ist oder Fragen auftauchen, z.B. über die Pflege, dann helfen solche Menschen enorm viel weiter. Nicht zu verachten ist der persönliche Draht der Kundenberater zu Herstellern oder deren Vertreter. Für mich ein wichtiger Aspekt und ich schätze auch den Kontakt zu Profis, den Herstellern, ihrer Philosophie der Entwicklung eines Schuhs. Ich habe hier schon einige Male davon profitiert!

Muss ein neuer Schuh eingelaufen werden? Die heutigen Materialien sind deutlich „liebevoller“ zu den Füssen, als die alten Lederstiefel von früher. Eigentlich kann man die Frage mit Nein beantworten, der Schuh passt sich sehr schnell an den Fuss an. Für längere Unternehmungen würde ich aber ein eintragen weiterhin empfehlen. Tritt auf den ersten Kilometern trotz allem ein Problem auf, kann dies unter Umständen ein sehr unangenehmer Reisebegleiter über lange Zeit werden. Wenn ich einen neuen Schuh vor einer längeren Tour anschaffe, dann setze ich diesen schon beim „Training“ ein. Meist haben die Schuhe schon c.a. 300-500 Kilometer auf dem Tacho, wenn ich damit losziehe.

Sind länderspezifische Marken besser? Eine oft gestellte und sicher auch berechtigte Frage. Sind skandinavische Schuhe besser für das Fjell gemacht, oder amerikanische Dessertboots für die Wüste in Arizona? Die Entwicklung ist in den letzten zehn Jahren enorm fortgeschritten, was die universelle Nutzung der gesamten Ausrüstung angeht. Die Unterschiede sind zum Teil so minimal, dass sich vielleicht noch Profis damit befassen. Ob der schwedische Lederstiefel besser im Fjell ist, als der italienische, ob die Kletterausrüstung aus der Schweiz besser ist für die Alpen als die amerikanische, das werden wohl die wenigsten wirklich entscheiden können. Hier spielen wohl mehr die persönlichen Präferenzen, Vorzüge und schlussendlich auch der Preis! Auch wenn ich oft bekannte Marken trage, ist mir der Name, und wenn vertretbar… der Preis aber auch das Herstellerland völlig unwichtig. Ich habe meine Entscheidungsparameter und wenn ein Artikel diese erfüllt, dann werde ich es auch anschaffen. Dass in der heutigen Zeit Nachhaltigkeit selbstverständlich sein sollte, spricht für sich. So informiere ich mich laufend über die Herstellung der Ware, den ökologischen Fussabdruck (der auch heute leider immer noch nicht überall wirklich befriedigend ist!) und bin immer wieder im persönlichen Kontakt mit Verantwortlichen. Schöne Hochglanzprospekte, teuer produzierte Produkte-Teaser und unersättliche Social Medias Performances imponieren mir keineswegs. Nicht mehr benötigte Ausrüstungsgegenstände, Kleider oder Schuhe die noch gut nutzbar sind, finden seit Jahren den Weg ins Hochland von Nepal, überbracht durch einen persönlichen Kontakt.

Wie gut muss Schuhpflege sein? Wie schon oft in meinem Blog erwähnt, habe ich eine spezielle Beziehung zu meinen Schuhen! Eine die sich aber über all die Jahre bewährt hat, den „pflegst Du Deine Schuhe, pflegst Du damit auch Deine Füsse“! Wenn ich in den Wander- oder Gebirgshütten die Schuhe betrachte und wie mit denen umgegangen wird, dann bleibt meist ein ungläubiges Kopfschütteln zurück. Das Kopfschütteln wird dann noch etwas intensiver, wenn ich die Leute über ihre „schlechten“ Schuhe und die „unfähige“ Schuhindustrie reden höre. Eine gute und sinnvolle Pflege verlängert nicht nur die Nutzungsdauer, sondern auch das Wohlbefinden der Füsse. Schuhe nach einem langen Tag zu reinigen, innwendig und aussen trockenen zu lassen (wenn möglich nicht auf dem brandheissen Ofen!!) und wenn nötig einzufetten oder imprägnieren, wäre eigentlich kaum ein Aufwand und würde dem Schuh auch gerecht. Denn, alle die es nicht machen, sollen sich doch mal 24 Stunden ohne Schuhe in ihrer Umwelt bewegen… ich bin sicher, der eine oder andere wird das Schuhwerk wieder schätzen lernen! Übrigens, jeder Hersteller weist auf seinen Kanälen auf die richtige Pflege hin und so sollten dann die synthetischen Schuhe nicht mehr mit Wachs eingecremt werden 😉 Oft beobachtet…..

Gute Schuhe=keine Probleme? Wenn es so einfach wäre, hätten Orthopäden wohl keine Arbeit mehr! Nebst den Schuhen, sollte natürlich auch deren Inhalt gepflegt werden. Bei Problemfüssen wie Senk- Spreiz- oder Plattfüssen ist ein Gang zum Spezialisten angebracht. Mit den heutigen Einlagen sind praktisch alle Schuhe auch für solche Leute einsetzbar. Der Aufwand lohnt sich immer, den Probleme mit den Füssen, gehen zu Lasten der Gelenke und des Rückens. Heutzutage werden die Füsse immer mehr zu Gesichtern. Jede kleinste Art von Hornhaut wird weggeraspelt, es werden fettigste Cremen benutzt um ja eine geschmeidige Ferse zu bekommen. Alles Dinge, die den Fuss immer empfindlicher machen. Schutzfaktoren wie Hornhaut oder Verdickungen der Haut fehlen und die Blasen sind vorprogrammiert. Da braucht es dann nur noch eine kleine, feine Naht im Schuh und schon ist das Desaster da. Der Fuss wird über eine lange Zeit im Wanderschuh keinen Schönheitswettbewerb mehr erhalten, aber er wird sich selber schützen, mit all seinen Mechanismen. Wer als Vorbereitung ab und zu barfuss läuft, den Wanderschuh auch mal auf dem Arbeitsweg anzieht, der Natur freien Lauf lässt, wird deutlich weniger Probleme haben. Ich habe definitiv gut reden, habe ich doch selten bis nie Probleme mit meinen Füssen. Ausser 2013 auf meiner Norge på langs Tour! Die Kombination aus vielen Faktoren, meine Unwissenheit und sicher ein wenig auch mein Ehrgeiz, haben dazu geführt, dass ich in eine scheussliche Beinentzündung geraten bin, die mich 1500 Kilometer durch Norwegen begleitet hat und schlussendlich auch zum Abbruch führte. (Nachzulesen in meinem Buch: Schritt für Schritt nordwärts). Schlussendlich habe ich vieles daraus gelernt und auch die Konsequenzen daraus abgeleitet.

Gibt es etwas zwischen Fuss und Schuh? Und ob! Die Socken, oder Strümpfe, werden viel zu wenig beachtet und es ist gut zu beobachten, dass viele sogenannten Schuh- oder Fussprobleme eigentlich von den Stofffetzen im Schuh herrühren. Die Tradition, in Wanderschuhen dicke und warme Socken zu tragen, hält sich bis heute ehern. Man verspricht sich das immer noch als Allheilmittel gegen Blasen und weiss oft nicht, dass gerade zu dicke Socken genau dies fördern können. Die Innenschuhe sind heute fast bequemer als Hausschuhe, eigentlich würde nichts dagegen sprechen ohne Socken in die Schuhe zu hüpfen. Durch die immer grösser werdende Dichtigkeit gegen innen, wird die Atmungsaktivität gegen aussen immer anspruchsvoller. Gute Luftzirkulation im Schuh ist das A und O gegen Blasen und dadurch bekommt die Socke einen wesentlich höheren Stellenwert. Wenn eine Stelle trocken reibt im Schuh, dann stellt man das relativ schnell fest, es brennt und stört, verursacht zum Teil sogar einen leichten Schmerz. Ist die Reibung feucht, stellt man dies meist zu spät fest, der Schaden ist angerichtet. Hier spielt die Socke eine grosse Rolle! Eine Abhandlung über Socken zu schreiben, würde aber definitiv zu weit führen, hier sind die, sprichwörtlich, Geschmäcker zu unterschiedlich. Mein Tip: Lieber eine dünnere, eng anliegende Socke anziehen und ein zweites Paar griffbereit haben, regelmässig wechseln und trocken lassen (kann gut zum trockenen am Rucksack angehängt werden). Falls die Gefahr einer Reibung besteht, lieber dort prophylaktisch ein Blasenpflaster aufbringen. Auf jedenfall, bei geringster Wahrnehmung einer Scheuerstelle, wenn möglich, lange kühlen und sofort ein Pflaster anbringen. So verschwindet die Blase schnell wieder, ohne dass das hässliche aufschneiden und aufstechen notwendig wird. Dies sollte sowieso vermieden werden, da die Folgen einer Infektion tausendmal schlimmer sind!

So, das war ein kleiner Exkurs in die Welt meiner Schuhe und Füsse. Ich hoffe, vielleicht die eine oder andere Frage beantwortet oder Inputs gegeben zu haben. Wer noch Fragen hat oder mehr Informationen zum eben vorgestellten hat, dem werde ich gerne weitere Auskünfte geben: npl2013@bluewin.ch

Selbstverständlich werden viele Läufer ihre eigenen Erfahrungen, die sich von meinen unterscheiden, gemacht haben. Ich bin weder ein Ortophäde, Schuhhersteller oder Arzt und beziehe mich einzig und alleine auf meine Erfahrungen und Informationen, die ich, laut meinem persönlichem Trackbook, auf rund 20`000 Kilometern in den letzten 10 Jahren gesammelt habe. Und bisher ist eigentlich auch alles rund gelaufen… 🙂

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Walserweg Nr. 35 (CH)

Hier ist er nun also, der Bericht zum Walserweg Nr. 35 im Kanton Graubünden/Schweiz.

Ich gebe zu, es ist schon etwas anderes, eine Tour in der Schweiz zu planen, wenn man sich schon wieder ein paar Monate mit Norwegen befasst hat. Doch der kleine chinesische Mistkäfer hat auch mich betroffen und so macht man das BESTE aus der ganzen Situation. Es war ja auch Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet in diesem Winter im Norden soviel Schnee gefallen ist, dass ich den Start zu meinem neuen, grossen Projekt in Norge, aufgrund zuviel des weissen Pulvers, wohl hätte verschieben müssen! Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben und so habe ich eine gewisse Zeit gegen Ende September reserviert, um zumindest einen Teil doch noch absolvieren zu können. Und da wir Schweizer, anders als viele andere, wahrscheinlich noch mit einem Einreisebann bis mindestens Mitte August belegt sind, macht Herbst durchaus Sinn.

Doch Trübsal blasen ist nicht mein Ding und die Lust auf`s laufen und erleben umso mehr. Die Schweiz „musste“ es nun also sein und ich gab mir acht gut bepackte Tage in den Rucksack. Doch wo in der Schweiz? Es müssen Berge mit rein, etwas Schweiss darf auch laufen und eine Gegend, die ich noch nicht besucht habe. So sass ich hinter den PC und klickte mich bei Schweizmobil rein.

Diese tolle Seite eröffnet alle „wanderbaren“ Möglichkeiten des Landes. Alle Wander- und Themenwege, Routen-berechnung, Infrastruktur entlang der Wege und vieles mehr. Das Ganze gibt es für einen kleinen Obolus im Jahr und zusätzlich eine APP, welche auch perfekt als GPS genutzt werden kann.

Durch eine Beschreibung im Radio, war mir der sogenannte Walserweg noch in den Ohren. In die Karte geschaut und schon nach kurzer Zeit war klar, das muss es sein!

Der Walserweg Graubünden führt in 23 Tagesetappen von San Bernardino im bündnerischen Misox nach Brand im österreichischen Vorarlberg. Der Weitwanderweg erstreckt sich auf historischen, naturnahen Wanderwegen über rund 300 km durch abgelegene Walser Gemeinden und Talschaften und ist mit der Routen-Nummer 35 signalisiert. Walserweg Homepage

Diese Beschreibung genügte schon um meine Neugier zu wecken. Die Etappen sind für einen Fernwanderer zum Teil relativ „kurz“, beinhalten aber auch grosse Höhenunterschiede. So bastelte ich mir in meinem anvisierten Gebiet acht Tagesetappen zusammen und konnte so auf eine anspruchsvolle Tour blicken.

Fast 170 Kilometer und vor allem gut 21`000 Höhenmeter auf meinem Weg von Vals nach Davos. Acht grosse Pässe warteten auf mich und so konnte ich nun nur noch auf gutes Wetter hoffen.

Dieses Jahr habe ich meine 50 Lenze erreicht und so wollte ich mir auch noch gleich ein kleines Geschenk machen. Ich buchte an jedem Etappenort ein Gasthof-, Hotel- oder B&B Zimmer inkl. Frühstück und Abendessen. Das würde bedeuten, dass ich mit einem kleinen 5 Kilogramm schweren „Rucksäckchen“ unterwegs sein konnte. Unterwegs gab es immer wieder die Möglichkeit einzukaufen, einzukehren, im schlimmsten „Wetterfalle“ auch ein Postauto oder den Zug zu nehmen. Das ganze Paket würde mir ein sorgenfreies und lockeres Wandern ermöglichen und die Distanzen und Höhenmeter würden sich etwas relativieren. Trotz der Coronakrise und dem vermehrten aufkommen von Schweizer Wandervögeln, waren alle Unterkünfte noch buchbar. Die Wetterprognose versprach ein stabiles Azorenhoch, keine Gewitter (was in den Bergen doch den einen oder anderen Vorteil hat) und perfekte Temperaturen.

Ich beabsichtigte, trotz erhältlichen sehr guten Wanderführern, ohne grosse Kenntnisse der Geschichte und der Landschaft, die Welt auf mich wirken zu lassen und wo möglich, mit den „Walsern“ in Kontakt zu treten. Der einheimische Volksschlag wird gerne als etwas verschlossen, grimmig und brummelig beschrieben. Doch ich kenne als „Bergler“ die Vorurteile diesbezüglich nur zu gut und würde mit diesen Attributen ohne weiteres Paroli bieten können 😉 Ich war gespannt…….

Freitag: Die Anreise war dann schon eine eher zähe Angelegenheit. Fast sechs Stunden dauerte die Zugs- und Busfahrt in den hintersten Kanton Graubünden, ins Valsertal. Vals, bekannt für seine grossen Thermalquellen und deren Hotels und natürlich durch das gute Valserwasser, eine Schweizer Mineralwassermarke. Das enge Valsertal mit seinem Hauptort, wird geprägt durch die grossen Gebäude der Quellen und der Mineralwasserfabrik. Dahinter liegen gleich die alten, mit Granitplatten gedeckten Stein- und Holzhäuser im typischen Walserstil.

Vals

Ich beziehe meine erste Logis im neu renovierten Hotel Alpina Vals. Ein wunderschönes kleines Hotel inmitten des Dorfkerns. Dies ist nun also mein Startort für die nächsten acht Tage. acht Tage die vor allem durch einen Wegweiser geprägt wird, den mit der Nummer 35….

Die Nummer 35 darf es sein…..

Samstag: Nach einem wunderbaren Frühstück, packe ich meinen kleinen Rucksack und mache mich auf den steilen Weg Richtung des ersten Passes, dem Tomülpass, 2411MüM.

Mit knapp 24 Kilometern Länge und etwas mehr als 3000 Höhenmeter, geht es gleich zur Sache. Bei dieser Etappe habe ich zwei „Normaletappen“ des Walserweges zusammengenommen.

Der Weg führt steil durch den Wald hoch, auf die wunderschöne Hochebene der Alp Riedboda. Der Weg wäre sehr gut machbar, wenn nicht 1,2 Tage zuvor, Kühe im Matsch da hochgelaufen wären. Naja, ein bisschen norwegisches Flair darf es dann auch sein.

Vals im Valsertal

Der Himmel ist noch mehrheitlich bewölkt, aber das ist ja auch das perfekte Laufwetter für mich, gerade wenn es ziemlich hochgeht. Auf der Alp Riedboda treffe ich dann auch auf eine grosse Mutterkuhherde. Ein Thema, dass sich gerade im Kanton Graubünden immer wieder wiederholt. Mutterkuhherden sind sehr verbreitet und können oft zu Problemen mit unvorsichtigen Wanderern führen. Mütter verteidigen ihre Kinder, so auch bei Tieren und dass manchmal ohne Vorwarnung. Daher gilt: Kühe mit Kuhkälbern in der Nähe, unbedingt mit etwas Abstand umlaufen. Auf keinen Fall mitten durch die Tiere laufen, das könnte ziemlich unangenehmen Kontakt bedeuten!!

Riedboda
Riedboda

Der Weg von Vals ins Safiental wird auch „Polenweg“ genannt. Dieser Weg wurde in den 40er Jahren von polnischen Internierten erstellt und gebaut. Lange Zeit war er dem Verfall verdammt, doch jetzt wird er wieder neu instandgesetzt und in seine ursprüngliche Form gebracht….ein beachtliches Bauwerk!

Ich komme auf dem Tomülpass an und erreiche die 2411 MüM problemlos. Auf dem Pass erinnert eine kleine Steintafel an den Ursprung…

Der „Polenweg“

Vom Tomülpass blicke ich ostwärts in das wunderschöne Safiental, die markanten Grauhörner und das Alperschälihora am Horizont.

Grauhörner und Alpenschälihorn
Safiental
Flanke des Piz Mellen und Schwarzhorn
Der „Polenweg“ schleicht sich ins Tal

Über die Alp Fallätscha fliege ich meiner ersten grossen Pause entgegen, dem Turrahuus im Talboden. Eigentlich wäre hier die erste „offizielle“ Etappe zu Ende, doch es ist gerade erst Mittag und so werde ich nach dem Mittagessen gleich die zweite Etappe nach Safien Platz in Angriff nehmen.

Nach einer kräftigen Bündner Gerstensuppe (was sonst 😉 ), führt der Weg wieder rund 400 Höhenmeter an der Westseite des Tales hinauf. Eigentlich wäre Safien Platz via Strasse in c.a. eineinhalb Stunden erreichbar, doch der Walserweg 35 nimmt hier einen seiner zig kleinen Umwege, die sich jedesmal lohnen!

Thalkirch
Safiental
Safien Platz

Der Walserweg führt mich wieder über die Baumgrenze hinaus auf 2000 MüM und eröffnet phantastische Blicke über das kleine und doch enge Safiental. Die knapp elf Kilometer vom Turrahuus bis nach Safien Platz sind schnell zurückgelegt und nach knapp zweieinhalb Stunden sehe ich auf Safien Platz hinunter. Wie beim Turrahuus, fällt der Blick unweigerlich auf das zweite hässliche Betonbecken der Kraftwerke in diesem Tal.

Allerdings sehe ich auch gleich meinen nächsten, morgendlichen Anstieg im Hintergrund, rauf zum Glaspass 1843 MüM. Das heisst, heute mal zuerst 700 Meter runter und morgen gleich wieder 600 Meter hinauf. Die typische Topographie des Walserweges!

Gasthaus Rathaus, Safien Platz

Im alten Gasthof Rathaus kehre ich ein, wo mich ein kleines, gemütliches Zimmer und ein grosses, leckeres Abendessen erwartet. Schon hier stelle ich fest….. es hat auch grosse Vorteile so zu reisen. Kaum Gepäck, eine warme Dusche und Essen und trinken soviel ich will, dazu ein weiches Bett….es hat was!

Sonntag: Für den zweiten Tag, liegt die kürzeste Etappe bereit und sie macht mir auch kein „Kopfweh“. Der Anstieg auf den Glaspass und dann geht es locker runter nach Thusis. 17 Kilometer und 2200 Höhenmeter sind machbar und werden mich am einzigen Tag mit etwas Nebel, Wolken und ab und zu einen Tropfen Regen, beschäftigen.

Weg zum Glaspass
Gasthof Rathaus inkl. Pool…

Der Weg hoch zum Glaspass, geht gleich etwas in die Schenkel und zieht in engen Serpentinen zur kleinen Siedlung Inner Glas hoch. Von dort führt mich die kleine Strasse zum Glaspass mit dem Berggasthof Beverin, wo ich mir eine heisse Schale Milchkaffee gönne. Kurz ist die Idee aufgeblitzt, an diesem kurzen Wandertag, den Piz Beverin einzubauen. Dies wäre hin und zurück in gut vier Stunden machbar gewesen. Doch der Blau-Weiss signalisierte Alpinweg liegt noch unter vielen Schneefeldern, es hat Nebel und ohne Steigeisen und Pickel wäre es wohl zu heikel gewesen. Also lasse ich den Tag ruhig angehen und mache mich nach einem kleinen Schauer auf den Weg runter nach Thusis.

Glaspass
Alpenidyll
Blick nach Thusis
Eigenartige Kreaturen auf dem Weg 😉

Und obwohl ich „rumeiere“ und kaum vorwärts komme, stehe ich schon am frühen Nachmittag in Thusis. Genusswandern pur, aber halt mit einer „Norwegenvorbereitung“ im Kopf und in den Beinen, da hilft auch die angezogene Beinbremse nicht viel!

Auf jedenfall finde ich auch in Thusis wieder die perfekte Erholung im B&B Gyger. In einer Bäckerei zu nächtigen, verspricht zumindest sicher ein leckeres Frühstück mit dem dazugehörigen Duft nach frischem Brot. Ich freue mich auf den nächsten Tag, der mit fast 29 Kilometern und 3000 Höhenmeter wieder etwas knackiger wird.

Für diesen Tag, werde ich auch für einen Moment den Walserweg 35 verlassen und auf den Via Spluga 50 wechseln. Der Grund liegt in einer der wohl bekanntesten Schluchten der Schweiz, der Viamala. Ich war noch nie dort und es geziemt sich als Schweizer, dort auch mal vorbeizuschauen. Vor allem wenn man mehr oder weniger neben der grandiosesten Schlucht der Schweiz, der Aareschlucht, wohnt 😉

Der Walserweg führt von Thusis nach Obermutten hoch und steigt dann nach Zillis ab, wo er sich wieder mit der Via Spluga für einen kurzen Moment vereint. Die Via Spluga führt von Thusis entlang der Schlucht nach Zillis und weiter nach Andeer.

Montag: Das Frühstück war wie erwartet ein wahrer Genuss und mit frischen Brötchen im Gepäck, begebe ich mich auf den Via Spluga. Heute soll nun auch das schon lange prognostizierte Azorenhoch in der Ostschweiz eintrudeln. Aber ich bin auch gerade froh nicht zuviel Sommersonne auf dem Kopf zu haben, die Temperaturen sind optimal und so komme ich hervorragend vorwärts und kann mir Zeit lassen.

Hoch über Thusis steht die Burg Hohen Rätien. Der Via Spluga führt nahe an ihr vorbei und so lass ich mir es nicht entgehen, ihr einen kleinen Besuch abzustatten.

Gut versteckt….Hohen Rätien
Für die nächsten Stunden mein Wegbereiter
Hohen Rätien
Hohen Rätien
Dem Maurer war sicher nicht langweilig 😉
Thusis
Blick in die Viamala

Seit der Bronzezeit finden sich hier Spuren von Siedlungen, aber das wirklich erstaunliche ist, dass bis heute niemand weiss, was die Burg Hohen Rätien für eine Aufgabe hatte….warum wurde sie gebaut? Ich nehme mal an…..frühgeschichtlicher Zweit- Wohnungsbau….

Die Via Spluga führt exakt der östlichen Schluchtkante entlang ins Zentrum der Viamala. Durch dichte Wälder, immer mit Blick in die tiefe Schlucht. Der eine oder andere wird hier vielleicht etwas den Atem anhalten, den der Blick taucht immer wieder in die gähnende Leere hinunter. Allerdings ist der Weg gut ausgebaut und breit und so absolut gefahrlos. Mit Kleinkindern würde ich hier allerdings nicht durchgehen wollen!

Da geht es schon mal 200 Meter runter…

Der Weg führt imposant der Schlucht entlang. Rechts geht es schon mal 200 Meter runter und links 200 Meter steil hinauf. Das Gebiet ist sehr steinschlaggefährdet und daher auch nur bei trockener Witterung zu empfehlen. Eine Attraktion erwartet mich kurz vor der eigentlichen Viamala Schlucht, der Traversiener Steg.

Ein bisschen norwegisches Hängebrückenflair
Der imposante Traversiner Steg

Diese Hängebrücke ist in der Tat sehr eindrücklich und für alle mit Höhenangst noch etwas eindrücklicher! Aber die Brücke ist sehr stabil gebaut und es schaukelt sehr wenig, also auch für ängstlichere Personen geeignet. Mittlerweile bin ich dem Hinterrhein schon etwas näher gekommen und der Weg führt nun ans Wasser heran. Immer wieder hört man Schreie aus der Tiefe der Schlucht, diese sind aber harmlos, denn die Schlucht wird hier sehr oft für`s Canyoning benutzt. Idyllisch verläuft der Walserweg hier immer wieder etwas hinauf, hinunter und gibt immer wieder wunderschöne Blicke auf die imposante Schlucht frei.

Idylle in der Viamala

Weltbekannt und viel besucht ist sicher der offizielle Viamala Schluchtenzugang. Mit einem modernen Eingangsgebäude, Informationen zur Schlucht, liegt der Eingang neben der Strasse. Der Via Spluga führt mich direkt dorthin und ich nehme natürlich die Möglichkeit wahr, die vielen Stufen hinunter in die Schlucht zu machen. Und sie ist wirklich eindrücklich!

Schluchteneingang
Der weisse Monolith

Noch immer ist ein Rätsel, wie der weisse, riesige Monolith in die Schlucht gekommen ist. Die Gesteinsart ist eine andere, als all jene die in der Schlucht zu finden sind. Das gewaltige tosen des Hinterrheins ist beeindruckend und man will sich gar nicht so richtig vorstellen, wie das dort unten war, als 1951 ein Hochwasser alles überspült hat und der Wasserpegel sage und schreibe 50 Meter!! höher war.

Die Schlucht aus der Vogelperspektive

Nach einem guten Kaffee beim Schluchtwärter, der mir noch ein paar Geschichten aus der Schluchtenvergangenheit erzählt, setze ich meinen Weg fort und überquere die Schlucht auf einer der zwei geschichtsträchtigen Bogenbrücken.

Nun führt mich der Weg für ein Stück ganz hinunter an den Fluss und ich begleite den Hinterrhein, bis sich die Landschaft langsam öffnet.

Landschaftlich sehr reizvoller Weg entlang des Flusses

Kurz vor Zillis, wird das Val Schons nun immer offener und ich treffe auch wieder auf den Walserweg 35. Mit Zillis und Andeer passiere ich zwei kleine Ortschaften, bevor der Weg langsam wieder ansteigt.

Zillis
Zillis

Es liegen noch 400 Höhenmeter vor mir und Innerferrera ist auch noch ein gutes Stück entfernt. Ich habe zwar genug Zeit, will aber trotzdem nicht mehr allzu viel Zeit vertrödeln, den die Viamala hat mich sehr beeindruckt und auch mehr Zeit gebraucht als gedacht. Via Bärenburg erreiche ich schon bald die nächste Attraktion, die Rofflaschlucht. Eigentlich wollte ich diese aus Zeitgründen auslassen, aber wenn man schon mal hier ist…..

Zum Glück habe ich es nicht gemacht! Obwohl die Schlucht sehr klein ist, ist sie nicht weniger imposant. Die Geschichte des Baus noch einmal mehr! Da wurde Anfangs 1900 die ganze Schlucht mit reiner Handarbeit aus dem Fels gehauen. Mit Hammer und Meissel und gut 8000 Sprengladungen, wurde ein beeindruckender Steg tief in die Schlucht gehauen, zu deren grösster Attraktion, dem Wasserfall. Hier ist es sogar möglich, unter dem Hinterrhein hindurch zu laufen.

Rofflaschlucht
Wasserfall….wo der Hinterrhein noch seine ganze Unschuldigkeit hat.

Der Besuch der Schlucht ist sehr lohnenswert! Nun mache ich mich aber definitiv auf den Weiterweg, der mich nun durch das Ferreratal zu den beiden Ortschaften Ausserferrera und Innerferrera bringt. Entlang des Hinterrheins sind immer wieder mächtige Felsblöcke zu sehen und es verwundert mich nicht, auch immer mehr Boulderkletterer zu beobachten. Ausserferrera ist tatsächlich ein kleines Mekka dieser Art von „Steinkletterer“. Dass es in Ausserferrera sogar ein Backpacker Hostel gibt, ist dann mehr logische Konsequenz.

Maggia im Bündnerland….
…oder doch mehr Verzasca??

Von Ausserferrera bis Innerferrera führt der Weg etwas eintönig der Strasse entlang. Zumindest sind die Felsformationen am Fluss sehr interessant und schön und man wähnt sich schon eher im Tessin. Vom Baden wird hier aber leider etwas abgeraten, denn es ist wie die meisten Wasserläufe in der Umgebung, Kraftwerkswasser. Das heisst, es können jederzeit Hochwasser oder Flutwellen entstehen, die sehr gefährlich werden können.

Nach knapp 30 Kilometern, erreiche ich spätnachmittags endlich Innerferrera. In dem kleinen Örtchen habe ich mir ein Zimmer im wiedereröffneten Gasthaus Alpenrose reserviert. Das junge ungarische Wirtepaar heisst mich herzlich willkommen und ich bekomme ein wunderschönes Zimmer mit Ausblick auf den Dorfplatz. Ein Feierabendbier, eine heisse Dusche und ein wunderbares Abendessen und danach in ein weiches Bett fallen…..was will man mehr!

Innerferrera am nächsten Morgen

Dienstag: Die beiden Wirte verwöhnen mich mit einem leckeren und reichhaltigen Frühstück, bevor es auf den Weg nach Juf geht. Die 19 Kilometer und knapp 1700 Höhenmeter habe ich während der Planung eher als ein Transit zum nächsten Ort abgehakt. Durch das Ferreratal und weiter ins Averstal führt mich der Walserweg in die höchstgelegenste, ganzjahres-bewohnte Gemeinde der Schweiz, sogar höchste Siedlung Europas, Juf auf 2126 Meter über Meer.

Doch ich habe die Rechnung ohne die alte Averserstrasse gemacht, die von hier auch nach Juf hochführt. Dieser Weg ist offiziell als Lokale Route 757 im Wanderwegnetz der Schweiz erwähnt. Und so wird aus einer in der Theorie eher langweiligen Etappe, ganz schnell eine der schönsten auf diesem Weg. Sicherlich hebt das nun angekommene Azorenhoch auch deutlich die Lust am wandern und so erwartet mich ein wunderschöner Morgen an diesem Dienstag.

Alte Averserstrasse 757
Alte Averserstrasse 757

Wer hier keine Lust zum wandern hat…..selber schuld! Der Weg steigt immer leicht und gemütlich an und ist landschaftlich ein Wunderwerk der Natur. Der Strassenbau und die Verhältnisse müssen zu jener Zeit einfach haarsträubend gewesen sein, umso erstaunlicher, dass ich hier eine breite, gut gebaute Strasse vorfinde. Steinschlag, enge Schluchten, Wasserläufe, alles das, was man heute leicht mit einem Tunnel umgehen kann.

Alte und neue Valle di Lei Brücke

Ich treffe auf die Valle di Lei Brücken, die nicht nur die Grenze zu Italien sind, sondern ziemlich eindeutig die Unterschiede im Brückenbau von 1895 und 1960 zeigen. Die Grenzformalitäten sind schnell erledigt, befinde ich mich doch nur für zwei Meter auf italienischem Boden 😉

Der wilde Averser Rhein

Kaum bin ich aus der Schlucht und dem engen Tal heraus, wird die Landschaft wieder sehr lieblich und es scheint, wie wenn die Menschen hier tunlichst darauf achten, möglichst alles so zu belassen, wie es früher einst war.

Campsut
Cröt

In Cröt wechsle ich ins Averstal hinein. Mittlerweile sind nur noch Nadelbäume zu sehen, ein Zeichen, dass ich langsam an Höhe gewinne.

In der Chella – Brücke

Das Kaiserwetter lässt die Szenerie in einem wunderschönen Bild erscheinen. Die Sonne wirkt aber auch deutlich auf meinen Flüssigkeitsbedarf, doch ich bin ja hier nicht in der Pampa und so freue ich mich doch gleich auf einen kleinen Lebensmittelladen in Avers-Cresta. Eingedeckt mit kühlen Getränken, einem Eis und ein paar sonstigen Leckereien für das Picknick, schreite ich neben der kleinen, weissen Kirche von Avers-Cresta vorbei. Sie ist das i-Pünktchen auf die umliegenden, noch schneebedeckten Gipfel des Averstal, schlicht traumhaft schön!

Die Kirche von Avers-Cresta

Nach einem schmackhaften Lunch am Avers Rhein, setze ich meinen Weg fort, Richtung Juf. Die Bäume verschwinden langsam und die Hochebene erinnert immer mehr an eine hochgelegene Alp. Vorbei an den beiden Skiliften des Averstal, sehe ich von weitem schon die kleine Siedlung Juf.

Averstal
Das Seitental Bergalga, Übergang ins Bergell nach Bondo
Juf, 2125 Meter über Meer

Die kleine Siedlung mit 29 Einwohnern hat an diesem Tag einige Besucher. Die beiden Terrassen der Gasthöfe sind voll besetzt und es tummeln sich überall Wanderer herum. Meine Freude auf ein kühles Bier an diesem Tag, lässt mich gleich zu „meinem“ Gasthof Alpenrose…….(ja,genau, schon wieder Alpenrose, aber der Name ist ja jetzt auch Programm, das Bündnerland versinkt gerade unter der Alpenrosenpracht!….) hingehen. Auf einer Tafel vor dem Gasthof werde ich darauf aufmerksam gemacht, dass heute der Service etwas eingeschränkt sein könnte, da der Hausherr zum vierten Male Vater wird. Und tatsächlich, er ist wohl gerade mit 200 Sachen Richtung Thusis unterwegs, seine hochschwangere Frau im Font des Autos und wohl ziemlich nervös! Nichtsahnend, das der gute Mann schon in zwei Stunden wieder am Herd steht…..das nennt man Expressgeburt!!!

Dieser Anlass ist dann auch verantwortlich, dass ich an diesem späten Nachmittag, auf einen Schlag so ziemlich alle Einwohner dieses Ortes kennenlernen darf. Und vor lauter Gratulanten-Aperos, verpasse ich noch fast meine wunderschöne kleine Kammer zu beziehen, zu duschen und sensationell lecker zu essen.

Naja, der Chef hat es nicht bekommen, aber seine Frau 😉
Artgerechte Haltung…
Urig schön!
Der Abend legt sich über Juf

Mittwoch: Beim Frühstück überlege ich die ganze Zeit, ob die gestrige Etappe an Schönheit wohl noch zu schlagen sei. Doch ich bin sicher, ein Highlight wird diese Etappe so oder so, denn mit der Fallerfurgga, steige ich heute über den höchsten Punkt der Tour auf 2837 Meter über Meer. Mit 19 Kilometern und rund 2900 Höhenmeter ist es auch knackig, falls nicht noch mehr dazukommt!

Als „Berggeiss“ freue ich mich natürlich immer wieder, wenn es so richtig toll in die Höhe geht. Und so steige ich zügig die ersten 400 Höhenmeter bis zum Stallerberg an.

Frühmorgens im Avers
Jägerhütte im Carblung
Blick über Juf und das Avers
Namenloser kleiner See auf dem Stallerberg

Ich mache noch einen kleinen Umweg und folge dem Weg nach Bivio und besteige den kleinen Hügel „Uf da Flüe“. Von dort gibt es einen tollen Blick auf das Surséstal und den Julierpass.

Surses und linkerhand die Julier Passstrasse

Doch mein erstes Ziel heute, liegt auf der anderen Seite und sieht noch ziemlich winterlich aus.

Mazzaspitze, das Massiv des Piz Platta im Hinzergrund und rechts der Piz Scalotta und Piz Surparé. In der Mitte die Fallerfurgga 2837 MüM

Im Sauseschritt geht es hinunter zum See und sogleich in den Gegenanstieg zur Fallerfurgga. Ich bin erst ein paar Tage unterwegs, doch ich merke, wie ich langsam in den Rhythmus komme. Der Virus Fernwandern hat mich wieder gepackt und lässt mich, trotz angezogener Handbremse, ziemlich Strecke machen. Mit läppischen fünf Kilo am Rücken und frisch gestärkt, läuft es sich auch definitiv leichter!

Schon seit dem Frühstück ist mir klar, dass heute wohl noch ein Gipfel auf der Rechnung steht. Das Wetter ist perfekt, die Landschaft grandios und die Möglichkeiten sind da. Die beiden rechts der Fallerfurgga, der Piz Scalotta und der Piz Surparé scheinen meine Wahl zu treffen. Kurz vor dem Pass halte ich rechts, das Schieferfeld hoch und wenn möglich, umgehe ich die sehr weichen Schneefelder.

Durch eine steile und brüchige Runse auf den Piz Surparé

Wie so ziemlich alle Berge hier in dieser Region, handelt es sich zum Teil um sehr feingliederigen Schiefer, der äusserst brüchig und rutschig ist. Drei Schritt vor, zwei zurück, ist das Motto! Doch der Surparé zwingt mich nicht in die Knie und so komme ich durch eine steile Runse hoch auf den Vorgipfel.

Piz Surparé

Kaum durch die enge Runse hindurch auf den Grat, springen etwa ein dutzend Steinböcke in die nächste Flanke Richtung Hauptgipfel. Ein phantastisches Schauspiel, mit welcher Leichtigkeit sich diese Tiere an Orten bewegen, wo wir Menschen nichts mehr zu suchen haben. Doch es ist auch gerade ein Zeichen, nicht weiter gegen den Hauptgipfel zu steigen. Ich lasse die Tiere in Ruhe, denn die Schneefelder sind noch arg tief und schwer.

Nach einer Pause steige ich wieder zum Pass hinunter…. es hat sich wirklich gelohnt da hochzukrabbeln!

Piz Surparé
Fallerfurgga

Der viele Schnee auf dem Pass verwirrt mich etwas, denn es war doch eigentlich ein sehr schneearmer Winter? Aber ja doch….. ich befinde mich hier ja auf der Alpensüdseite und nicht auf der Nordseite wie zuhause! Der Süden hat definitiv mehr Schnee bekommen diesen Winter, daher diese vielen Schneefelder. Und der Schnee hat es in sich! Knietief versinke ich in ihm und dass mit kurzen Hosen. Also Erfrischung bekomme ich so zuhauf, allerdings auch immer nassere Schuhe, doch auch die werden an der starken Sonne schnell wieder trockenen. Ich bin ja im Süden und es ist schon vor dem Mittag ordentlich heiss!

Ab 2500 MüM sind die Schneefelder weg und vor mir eröffnet sich ein wunderbar grünes und wildes Tal. Das Val da Faller mit seiner Minigemeinde Tga. Ich befinde mich hier im grössten Naturpark der Schweiz, dem Park Ela. Dieser Park besitzt viele Landstriche die komplett der Natur überlassen werden und in denen der Mensch nur sehr wenige Aktivitäten ausführen darf.

Val da Faller mit der Alp Plang
Tga

Während ich die Höhenmeter langsam abbaue und die Gemeinde Tga vor mir habe, prangt im Rücken die riesige Nordwand des Piz Platta. Der Piz Platta überragt mit seinen knapp 3400 Metern Höhe fast immer die Szenerie in dieser Region. Ein wunderschöner Berg in einer atemberaubender Landschaft!

Piz Platta 3392 MüM

Von hier führt mich nun eine kleine Kiesstrasse ins Tal hinunter, nach Mulegns, an die Julierpassstrasse. Allerdings wird der Tag dort noch nicht vorbei sein, denn es warten nochmals 600 Höhenmeter hinauf auf die Alp Flix! Meine Flaschen sind leer und ein kühles, erfrischendes Getränk wäre jetzt gerade richtig. (Die Bäche hier führen sehr viel Gesteinsmehl mit, was mehr gegen Karies und Zahnbelag als gegen den Durst hilft!)

Mulegns

Doch Mulegns erfüllt meinen Durstlöscherwunsch nicht, hier ist alles dicht und so wuchte ich mich zum oberhalb gelegenen Sur hinauf. Doch auch da ist der Laden zu und das Restaurant hat Ruhetag. An der Postautohaltestelle sehe ich, dass in zehn Minuten ein Bus nach Bivio abfährt…..that`s it! Ich habe ja mein Zimmer auf der Alp Flix auf sicher, Zeit habe ich genug, also ab nach Bivio.

Die Erfrischung gelingt perfekt und ist tatsächlich fast eine Erlösung und gibt mir genug Power für den letzten Anstieg an diesem Tag!

Street Art in Bivio

Zwanzig Minuten später bringt mich der Bus wieder zurück nach Sur und so kann ich gleich gestärkt weiterlaufen. Doch der Anstieg zur Alp Flix ist nicht ohne am Ende des Tages und jetzt merke ich meine zwei „kleinen Umwege“ doch deutlich in meinen Waden! Da sind doch noch etwa vier Kilometer dazugekommen und c.a. 350 Höhenmeter zusätzlich auf die 2900 errechneten.

Alp Flix 1975 MüM

Nach knapp einer Stunde erreiche ich das Plateau der Alp Flix und freue mich definitiv auf ein gemütliches Feierabendbier! Es ist ein Traum hier oben und ich habe selten so etwas schönes gesehen. Die Hochfläche und der Blick zurück auf den Piz Platta, die grosse Weite der Alp…..

Naja…..Hindernisse sind da, umgangen zu werden!
Freunde unter sich 😉
Alp Flix

Ich werde sehr herzlich im Berggasthof Piz Platta willkommen geheissen und bekomme auch noch das schönste Zimmer im Haus….wow…. was für eine Zimmeraussicht!! Ich bin schon nur platt was hier alles geboten wird, um es dem Gast so gemütlich wie nur möglich zu machen. Das junge Wirtepaar hat das Haus soeben übernommen, renoviert und eine wahre Oase daraus gemacht. Hier lasse ich es mir aber so richtig gut gehen, von Anfang bis zum Ende.

Da braucht es weder Bilder noch TV noch PC… was für eine Aussicht!

Die Alp Flix ist bekannt für den klaren Sternenhimmel. Kaum Lichtverschmutzung, kaum Dunst oder Nebel. Leider schieben sich beim Eindunkeln ein paar Wolken über den Himmel……oder war es doch der hervorragende Bündner Wein??

Berggasthof Piz Platta
Abendliche Stille auf der Alp Flix

Donnerstag: Nach dem hervorragenden 4-Gänger am Abend, erwartet mich schon am Morgen früh ein riesiges Frühstücksbuffet. Den Kalorienbedarf zu decken, ist auf dieser Tour definitiv kein Problem !!

Es ist wieder ein wunderschöner, sonniger Morgen und ich freue mich riesig auf einen anstrengenden und sehr abwechslungsreichen Tag im Walserland. Ich kann wohl ruhig von der Königsetappe sprechen, den mit 27 Kilometern und etwas über 4000 Höhenmetern, geht es so richtig zur Sache. Alleine 2700 Höhenmeter sind für den Abstieg reserviert!

Ich befinde mich heute fast den ganzen Tag im Parc Ela und bin gespannt, was der zu bieten hat.

Zu Beginn kann ich gemütlich über die Hochebene der Alp Flix laufen, bevor es zum ersten Pass hochgeht.

Alp Flix

Es hat sehr viele Schafe hier und diese sind sehr gut mit einem hohen elektrischen Zaun eingezäunt. Wo kein Zaun ist, wachen Herdenschutzhunde über die Tiere. Es gibt immer wieder Probleme mit diesen Hunden, da sie relativ aggressiv und hartnäckig die Herde bewachen. Aber es ist auch ihr Job, den auch hier haben sich mittlerweile der Bär und Wolf gezeigt und die Herde muss vor den Grossräubern geschützt werden. Dass ein Nebeneinander funktionieren kann, zeigt gerade dieses Beispiel hier. Es ist ein Mehraufwand, der sich am Schluss aber für alle Seiten rechnet. Ich habe keinen Schafhirten getroffen, der auch nur ein schlechtes Wort über den Bär oder den Wolf verloren hat, man hat sich arrangiert und lebt damit, was mich sehr freut und beeindruckt!

Der erste Übergang bei 2500 MüM vor imposanter,dunkler Kulisse
Piz d`Err

Hier bin ich nun wirklich umringt von den grossen Bergen des Park Ela. Die Landschaft ist wild und steinig, wechselt sich aber ab mit einer grell blühenden Flora ab, die sich in voller Pracht zeigt. Jeder Botaniker hätte hier sein wahre Freude…..ich auch!!

Schon seit Vals laufe ich zum grossen Teil durch ganze Blütenlandschaften, es riecht und duftet und ich habe immer wieder Lust, mich einfach hinzusetzen und das Ganze auf mich einwirken zu lassen.

Piz Colm

Am Piz Colm, öffnet sich die Szenerie ins Tal Sursés und seinen Hauptort Savognin. Vor mir türmt sich der Piz Salteras mit seiner ganzen Mächtigkeit auf…

Piz Salteras

Über den Furschelas da Colm Pass, steige ich auf die Alp d`Err ab.

Alp d`Err

Am Horizont kann ich schon den nächsten Anstieg zum Pass d`Ela erkennen und….. der ist noch ziemlich weit entfernt!

Am Horizont der Pass d `Ela

In unendlich vielen Serpentinen zieht der Weg immer höher Richtung Pass d`Ela. 700 Höhenmeter müssen nun absolviert werden um diesen Pass zu überqueren. Die Landschaft wird immer karger und steiniger und vor mir erhebt sich der 3339 Meter hohe Piz Ela.

Piz Ela

Der See Lai Mort liegt in seiner ganzen Ruhe vor dem letzten Aufstieg zum Pass und schenkt mir phantastische Spiegelungen in seinem klaren Wasser.

Lai Mort
Lai Mort
Pass d`Ela

Wie eine unüberwindbare Mauer steht der Pass d`Ela vor mir und lässt sogleich den Puls etwas höher gehen, c.a. 2724 Meter hoch 😉

Pass d`Ela 2724 MüM / Piz Tinizong 3173 MüM

Das Panorama ist schlicht atemberaubend schön. Die gewaltige Felsflucht des Piz Tinizong (der mich die ganze Zeit unweigerlich an den Langkoffel im Südtirol erinnert), die brüchige Wildheit des Piz Ela und der weite Blick runter durch das Val Spadlatscha.

Piz Ela

Nach einer gehörigen Stärkung, mache ich mich aber nun auf den Weg nach Filisur. Vor mir liegen gut 10 Kilometer und fast 2000 Höhenmeter bergab. Ich kann mich kaum sattsehen, halte immer wieder an, mache Bilder und bin so ziemlich sprachlos.

Piz Tinizong / Langkoffel?
Schuhabfahrt 🙂

Der Schnee ist hier zum Glück noch etwas besser durchgefroren und so kann ich die ersten 250 Höhenmeter relativ zügig „abfahren“ ohne allzu nasse Füsse zu bekommen. In der Orginalroutenplanung des Walserweges, wäre jetzt eigentlich gleich Feierabend, den ich treffe auf die, nur am Wochenende mit Hüttenwart besetzte, Chamona d`Ela des Schweizerischen Alpenclubs SAC.

Chamona d`Ela, SAC

Die Hütte ist leer und wahrscheinlich hätte ich sie heute auch für mich alleine. Doch bei der Planung war ich mir nicht sicher, ob ich hier wegen den Corona Einschränkungen Platz finden würde und so habe ich mich entschieden, gleich ein Zimmer in Filisur zu buchen. Aber dafür hat es einen gefüllten Vorratsschrank und ich kann mich hier gütlich an Linzertorte und Mineralwasser tun! Erstaunlich was ein bisschen Zucker für Auswirkungen auf die Leistung haben kann, denn nun fliege ich richtiggehend Richtung Filisur.

Val Spadlatscha
Auch hier werden ab und zu krumme Sachen gedreht 😉
Filisur in Sicht

Ich bin zugegebenermassen nicht ganz unglücklich, als Filisur langsam in Sicht kommt. Die Füsse brennen langsam und das stetige absteigen lässt die Waden auch kochen. Die letzten steilen, von der Sonne aufgeheizten Serpentinen zum Dorf runter, lassen die Vorfreude auf eine kalte Dusche immer grösser werden.

Filisur ist wie Thusis ein Eldorado für Eisenbahnfans aus aller Welt. Die Rhätische Bahn RhB ist weltbekannt für seine Linien und die grandiosen Bauten durch die Alpenwelt. Filisur ist bekannt durch seinen mächtigen Landwasserviadukt, den ich allerdings nicht zu Gesicht bekomme, da dieser etwas ausserhalb des Dorfes liegt.

Filisur ist aber auch bekannt, für seine pittoresken, frisch renovierten Häuser aus vergangenen Zeiten, welche heute alle bewohnt sind und sehr lebendig wirken.

Im altehrwürdigen Hotel Rätia darf ich das oberste Dachzimmer beziehen und mich von dem doch etwas anstrengenden Tag erholen. Unter der gemütlichen Pergola studiere ich die Wetterprognosen und sehe, dass ich morgen mit Gewittern rechnen muss. Es steht ein Pass an, der mich ins Sertig Tal bringen wird. Zeitlich könnte die Überschreitung genau auf das eintreffen der Gewitterfront hinauslaufen. Dieses Risiko ist mir doch etwas zu hoch, den ein Gewitter in einer Steinlandschaft auf 2500 MüM, ohne Schutz, ist nicht wirklich angenehm.

Ich entscheide mich, die Etappe morgen etwas abzukürzen und den Zug von Filisur bis nach Davos Monstein Station zu nehmen. Damit erspare ich mir ein 10 Kilometer langes auf und ab im Wald, das landschaftlich wohl eh nicht viel hergeben wird und komme so fast 2 1/2 Stunden früher am Pass an. Falls es dann doch nicht so schlimm sein sollte…..ich bin ja flexibel am Pass noch etwas nachzulegen 😉

Freitag: Die Zugsfahrt nach Davos-Monstein dauert keine 20 Minuten und der Aufstieg zur kleinen Ortschaft Monstein ist auch in 40 Minuten erledigt.

…geänderte Route ab Davos Monstein

So bin ich nun auf der sicheren Seite und kann es gemütlich auf den Pass Fanezfurgga angehen lassen. Am Himmel kocht es schon etwas, aber die Front ist noch nirgends zu sehen und spüren. Davos-Monstein besteht aus ein paar Häusern, einer Kirche und….einer der bekanntesten Brauereien Graubündens.

Davos Monstein

Über die schöne Oberalpa, geht es zur Alp Fanezmeder hoch. Und was für eine Alp ist das…..!! Selten habe ich so eine herausgeputzte Alp gesehen, Wiesen wie aus dem Bilderbuch, ebenes Land…. das muss definitiv der Traum eines Bauern sein!

Oberalpa mit Blick auf Monstein
Fanezmeder
Davos ist in der Nähe!

Über eine weitere Stufe gelange ich von der Fanezmeder ins Fanez. Ein wildes, kleines Tal, umringt von ziemlich brüchigen Bergen.

Fanez mit dem Pass im Hintergrund
Fanezfurgga

Als ich auf dem Pass ankomme, sehe ich immer noch nicht viel von Gewittern. Da ist also noch genug Platz, ein paar kleine „Schandtaten“ einzubauen und den Tag etwas in die Länge zu ziehen. Mit 14 Kilometer und knapp 1600 Höhenmetern geht da noch was! In meinem Rücken erblicke ich einen tollen „Kraxxelgrat“ mit einem kleinen Gipfel. Das wäre doch der „Kracher“ da noch hochzusteigen?

Chrachenhorn 2891 MüM

Gedacht, gemacht…. das Chrachenhorn soll meins werden und so steige ich die steilen Gras- und Schutthänge an, Richtung Nordostgrat. Am Grat heisst es dann etwas die Hände zu Hilfe zu nehmen und die Steilheit wird jetzt etwas anspruchsvoller. Es ist genau mein Gelände und ich fliege dem Gipfel zu, es macht höllischen Spass! Trotz des auch hier anzutreffenden Schutts und Schiefer, bin ich schon nach knapp 40 Minuten am Gipfel, wo eine Messsonde des Schweizerischen Lawinenforschungsinstitut Davos SLF steht.

Blick zurück zum Pass
Chrachenhorn 2891 MüM
Piz Ela und Piz Platta immer in Sichtweite
Ein definitiv zufriedener Steinbock!

Der Abstieg ist schnell gemacht und vom Pass geht es gleich weiter ins grandiose Ducantal. Das mächtige Tal ist umrahmt von steilen Bergflanken und hat in der Mitte eine Moräne, welche aus härterem Gestein bestehen muss als der Rest in der Umgebung. Auf der Moräne stehen 4-5 Meter hohe Steinplanken, die wie Haifischflossen talabwärts zeigen.

Piz Ducan mit seiner massigen Flanke
Haifischflossen im Ducantal
Ducantal

Ein paar Regentropfen deuten langsam auf die Wetterveränderung an und so gebe ich nun etwas mehr Gas, um noch trocken ins Sertig Dörfli zu gelangen. Das Ducantal ist unglaublich beeindruckend und wird von dem sehr lieblichen und grünen Sertigtal abgelöst.

Sertigtal

Ziemlich genau auf den Gewitter-Punkt gelange ich ins Hotel Walserhuus. Kaum eingetreten, giesst es wie aus Kübeln. Yepp…… gut gemacht Martin!

Ich staune zuerst einmal über dieses grosse Hotel und bin sehr beeindruckt über die hohe Qualität. Ich komme mir fast etwas „underdressed“ vor für dieses Haus, finde es aber urgemütlich und ich freue mich, noch einmal so richtig zuzulangen, bevor es morgen auf die letzte Etappe nach Davos geht.

Hotel Walserhuss, Sertig-Dörfli

Samstag: Dass die Erholung in diesem Haus perfekt war, muss ich wohl kaum betonen! Und dass das Frühstück schlicht der Hammer war….auch nicht!! Das Gewitter hat die Umwelt reingewaschen und bevor am Nachmittag das nächste im Anmarsch ist, werde ich heute zeitig nach Davos starten.

16 Kilometer, knapp 1800 Höhenmeter, das sollte doch bis am Mittag machbar sein. Von Sertig geht es an diesem wieder wunderschönen Morgen direkt hoch zur Tällifurgga.

Sertig

Es hat schon fast etwas kitschiges in dieser rausgeputzten Landschaft. Das Tal ist eine reine Augenweide und man wartet richtig drauf, dass gleich Heidi und Peter aus dem Gebüsch rausspringen. Vom Davoser Jakobshorn kommen mir die ersten Biker entgegen und so wähle ich eine etwas ruhigere Wandervariante direkt zur Tällifurgga hoch.

Sertig Dörfli

Ehe ich mich umschaue, stehe ich schon auf diesem Pass, erblicke gleich einen steinigen Grat zum Tällihorn und……………

Tällihorn 2683 MüM
Tällifurgga unter mir

……kann es einfach nicht lassen!

Über den langen Grat erreiche ich das Tällihorn und habe noch einmal einen herrlichen Ausblick ins Sertig hinunter.

Kitschig schön das Sertig mit dem Ducantal im Hintergrund

Durch das Rüedisch Tälli gelange ich auf die Alp hinunter, von wo eine sehr steile Alpstrasse ins Dischmatal hinunterführt. Der breite Wanderweg nach Davos wird an diesem schönen Samstag von hunderten Wandern aus Davos genutzt und ich habe ziemlichen Gegenverkehr. Mein Zeitplan geht perfekt auf und ich erreiche Davos Dorf exakt 30 Minuten bevor mein berechneter Zug abfährt.

Alp Rüedischtälli
Davos erreicht!

Diese wunderbare Tour dann noch mit ein paar Tagen „Cali-Ferien“ im Engadin abzuschliessen, rundet das Ganze perfekt ab!

Entspannen in „California“ 🙂

Fazit: Kurz gesagt…..eine Hammertour, bei Hammerbedingungen in einer Hammer Landschaft 🙂

Ich bin schlicht überwältigt von der Schönheit dieser Landschaft, diesem Ecken der Schweiz, den ich bis dahin noch nicht kannte. Der Walserweg 35 ist definitiv ein Juwel unter den Weitwanderwegen der Schweiz, wie Via Alpina 1 oder der Alpenpässeweg 6. Der Start und der Schluss des Weges, hätte ich vermutlich in fünf Tagen erlaufen können. Doch ich bin mir fast sicher, das Filetstück des Walserweges herausgepickt zu haben.

Einfach mal ohne grosses organisieren, Materialschlacht oder Plan B`s loszulaufen macht wirklich auch mal Spass! Sicher, finanziell muss man anders rechnen, als wenn es in Wanderhütten oder mit Zelt losgeht. Aber auch nur, wenn man die Kosten für die Anreise in ein fernes Land nicht mit einberechnet, das vergessen die meisten Leute. Die Gasthöfe und Hotels unterwegs bieten etwas vom besten was ich je erlebt habe und ich kann für alle Häuser nur meine vollste Empfehlung aussprechen!!!

Herzlichen Dank euch allen, es war genial bei euch 🙂

Für wen ist der Weg? Die Wege sind sehr gut markiert, relativ einfach zu begehen und sehr abwechslungsreich. Sicher, vor Höhenmeter sollte man keine Angst haben, die wird es in dieser Topographie jeden Tag zur Genüge geben! Da man fast jeden Tag von einem Tal zum nächsten wandert, gibt es Steigungen zuhauf. Doch muss man natürlich nicht gleich Etappen zusammenlegen wie ich es gemacht habe. Man findet immer wieder Gasthäuser am Weg, die die Distanzen kürzer gestalten. Schwierigkeiten gibt es praktisch keine unterwegs, abgesehen von Schneefeldern früh im Sommer. Der ganze Weg ist in der SAC-Skala als Rot/Weiss markiert und überschreitet eine T3 kaum. Ein paar kleine Abschnitte könnten als -T4 gewertet werden.

Wann ist es am besten? Man sollte sich bewusst sein, dass der Walserweg zum Teil Alpin, bis Hochalpin geführt ist. Das heisst, er führt mehrheitlich immer im Bereich von 2000 Höhenmeter durch das Land und hat mehrere Pässe zwischen 2500 – 2900 MüM. Schnee kann also fast das ganze Jahr ein Thema sein und man sollte sich auch „Kleidungstechnisch“ auf kalte Tage einrichten. Der Herbst wird sicher einer der schönsten Momente sein, wenn all die Nadelwälder, vor allem Föhren und Lärchen in ihrem Gelb erstrahlen und die Gipfel zum Teil schon eine weisse Kappen haben. Die Blütenpracht im Frühsommer ist allerdings ebenfalls eine Wucht…das kann ich jetzt bestätigen!

ACHTUNG: Die Unterkünfte sind zum Teil sehr klein und haben nicht allzu grosse Kapazitäten. Im Juli und August sind Reservierungen unerlässlich! Wem das alles etwas zu viel zum organisieren ist, sollte sich das Angebot auf der Walserwegseite genauer ansehen. Hier können Packages gebucht werden mit Übernachtungen, Verpflegung, Gepäcktransport wenn nötig und sogar Reiseproviant. Die Angebote sind meines Erachtens sehr preisgünstig und interessant!

Selbstverständlich kann man den Walserweg auch Stück für Stück absolvieren, man ist nirgends gebunden.

Walserkultur? Dank einer längeren Reisereportage im Schweizer Radio SRF 1, hatte ich schon viele Informationen im voraus über die Walsergeschichte. Ich tauche allerdings gerne zuerst in die „reale“ Welt hinein, um die Geschichte herauszufühlen und zu erleben. In den acht Tagen war das Ergebnis allerdings doch etwas ernüchternd. Man muss sich die Informationen schon zusammensuchen und wird wohl einiges nicht mitbekommen. Ich empfehle daher unbedingt das wunderbare Buch von Irene Schuler, welche sich dem Weg nicht nur als Weg sondern auch als Erlebnis angenommen hat.

https://rotpunktverlag.ch/buecher/walserweg-graubunden

Herzlichen Dank für euer Interesse und ich hoffe, ich konnte euch den Walserweg etwas näher bringen 🙂 Ich stehe sehr gerne für Fragen zur Verfügung und gebe auch gerne weitere Auskünfte : npl2013@bluewin.ch

Ich hoffe aber sicher auch, euch den nächsten Tourbericht wieder aus dem hohen Norden online zu bringen, werde mich aber jetzt weiter noch etwas der Schweiz widmen, bis es dann soweit ist. News folgen schon bald……

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CH statt N …. vorerst😉

Seit einer Woche wäre ich nun in Südnorwegen unterwegs,Startschuss zu einem längeren Norge Projekt,wenn da nicht dieser kleine Mistkäfer wäre! Da mir als Helvetier bis fast Ende August auch die Einreise nicht möglich sein wird,war eine kurzfristige Verschiebung auch kein Thema. Nun hoffe ich noch auf ein Fenster Ende September🍀 Der Frustt ist allerdings relativ,da ich auch ohne Corona umdisponieren hätte müssen,da der Süden und Norden noch tief im Schnee liegt dieses Jahr.Ironie des Schicksals😉 So befinde ich mich nun auf dem Weg nach Vals (GR), wo ich die nächsten 8 Tage auf dem Walserweg Nr.35 unterwegs sein werde.Da ich die 50 Lenze dieses Jahr erreicht habe,gönne ich mir jeden Abend ein gutes Essen und ein Bett.Und statt 25 Kg am Rücken,werden es nur 6 Kg sein! Damit mir über den Tag nicht langweilig wird,stehen knapp 180 Km und rund 21’000 Höhenmeter an👣👣👣👣👣 #hiking #walserweg #graubünden #natur #nature #schrittfürschrittnordwärts #exped #lasportiva #wandern #schweiz #myswitzerland https://www.instagram.com/p/CBnUdQEAvKQ/?igshid=1fsbw74ogankr

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„Schritt für Schritt nordwärts“ in Luzern

Am 12. November / 19.00 (Türöffnung 18.45) freue ich mich sehr im traditionsreichen Buchhaus Stocker in Luzern zu Gast zu sein. Es ist mir eine grosse Ehre mit meinem Multimediavortrag die neue Reiseliteraturabteilung besuchen zu dürfen um dort mit den Besuchern in die Tiefen des norwegischen Fjells eintzutauchen.

1625Stocker Mythencenter

Der Vortrag beginnt um 19.00. Danach wird vom Buchhaus ein kleines Apéro offeriert, bei welchem genug Zeit bleiben wird, Fragen zu beantworten und Gespräche zu führen.

Platzreservationen können direkt im Buchhaus gemacht:

+ 41 41 417 25 25 / stocker@buchhaus.ch

oder unter npl2013@bluewin.ch angemeldet werden. Herzlichen Dank im voraus dafür!

Ich freue mich auf einen gemütlichen Abend in Luzern!

 

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Tourbericht 2019 Online!

Es hat etwas gedauert und ich gebe zu… er ist auch etwas länger geworden! Aber die wunderbaren Verhältnisse 2019 haben einfach eine kürzere Version nicht erlaubt 😉

Viel Spass bei lesen !

Tourbericht 2019 / Narvikfjellet, Hinnøya Vesterålen

 

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Tourbericht 2019 demnächst….

Kategorien: Allgemein

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