Teil 11/13: Das vorzeitige Ende


Als ich mich am nächsten Tag auf den Rückweg nach Meråker mache (schon ein tolles Ereignis, diese 22 Kilometer zweimal zu laufen!), hatte ich eigentlich erwartet, total frustriert und enttäuscht zu sein. Doch ich bin es nicht. Warum soll ich mich über etwas ärgern, was ich nicht ändern oder beeinflussen kann. Sicherlich hätte ich es mit viel Mühe irgendwie geschafft weiter Nordwärts zu kommen, doch hätte das Sinn gemacht? Ich entschied, Nein! Während der vier Stunden nach Meråker muss ich vielmehr schmunzeln wegen all den Erlebnissen in den letzten Wochen, was ist da nicht alles passiert. Wie kann es sein, dass das alles geschah? Mittlerweile sind Morten und Simon bei traumhaften Bedingungen im Süden unterwegs. Aber ich freue mich natürlich riesig für die zwei und hoffte das sie weiter so gut vorwärts kommen würden.

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Abschied von Ferslia
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Wenigstens bin ich nicht alleine!

Mein treuer Begleiter für ein paar Kilometer

Kaum in Meråker angekommen, sitze ich schon im Zug nach Trondheim. Eine Stunde später bin ich dann frisch aus dem Fjell in der Grossstadt angekommen, und komme mir völlig fehl am Platz vor. Immer noch relativ schmutzig, unrasiert und verwildert, irre ich zum nächstbesten Hotel und nehme mir ein Zimmer für eine Nacht.
Während des Laufens, blitzt eine Idee auf wie ich weitermachen könnte. Doch dies braucht dringende Abklärungen im DNT Büro von Trondheim. Wäre es nicht möglich der Westküste entlang gen Norden zu laufen? Ich hatte vor Jahren die schmale Küstenstrasse mal abgefahren, und kann mich noch gut an die wunderschöne Gegend erinnern. Vielleicht wäre ja das eine Alternative zu Blåfjell und Børgefjell.
Die Leute im DNT Büro sind sehr erstaunt einen NPL Läufer in Trondheim zu sehen, kommt doch eher selten vor, dass sich einer so weit nach Westen wagt. Sie sind alle sehr nett und wollen mir natürlich bei der Planung für den Weiterweg helfen. Bei Kaffee und Kuchen brüten wir über viele Karten und müssen nach fast zwei Stunden resigniert feststellen, dass das Unternehmen „Küste“ wohl gestrichen wird. Das Problem ist, dass es einfach keinerlei Wege entlang der Küste gibt ausser der Strasse, und das würde bedeuten, rund 370 Kilometer Asphalt-Lauf. Dies ist natürlich in keiner Weise eine Alternative, schliesslich habe ich ja meine Beinprobleme genau von dieser Hartbelagslauferei. Nun, bleibt mir also nichts anderes übrig, als der E6 entlang Nordwärts zu ziehen und zu hoffen, möglichst viele Alternativen zum Asphalt zu finden. Das Kartenmaterial ist mitnichten aussagekräftig genug, da viele Waldwege oder Wege der Landwirtschaft gar nicht eingezeichnet sind. Nicht wirklich ein Aufheller, aber aufgeben ist (noch) kein Thema für mich, irgendwie werde ich es weiterschaffen, mittlerweile bin ich ja ganz gut im improvisieren.

Ich geniesse noch den schönen Tag in Trondheim, bevor ich am nächsten Tag wieder auf die gleiche Höhe von Ferslia zurückfahre. Allerdings bin ich nun westlich davon, im bewohnten Teil von Sør Trøndelag, in Levanger.

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Trondheim
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Trondheim

Was nun die nächsten Tage passiert, hat eigentlich mit dem „Norge på langs“ dass ich geplant hatte, nichts mehr zu tun. Es gibt nur noch ein Ziel – so schnell wie möglich gegen Norden zu kommen – . Ich habe in Trondheim noch mit Thor Inge von der Umbukta Fjellstue Kontakt aufgenommen, der mir bestätigt, dass im Norden die besten Verhältnisse herrschen. Trocken und zum Teil gegen 25° herrschen sogar in Tromsø, schon über viele Tage. 400 Kilometer nördlich des Polarkreises werden über 30° gemessen und seit Wochen ist nur blauer Himmel zu sehen. Da will ich hin, da muss ich nun so schnell wie möglich hoch. Zuerst entledige ich mich allem Material was ich nicht wirklich noch benötigen würde, Proviant werde ich kaum brauchen, da es entlang der E6 viele Verpflegungsmöglichkeiten gibt. Ich muss so leicht wie möglich werden, dann haben auch meine Beine weniger Schwierigkeiten auf dem vielen Hartbelag. Ich habe im Vorfeld der Tour, oft mit wenig Gewicht grosse Distanzen auf Asphalt absolviert, um meine Beine etwas an den Start in Lindesnes vorzubereiten. Vielleicht wird sich das nun auszahlen.

Als ich am nächsten Tag in Levanger ankomme, staune ich selber über die Gewichtsreduktion des Rucksackes. Da drückt nun doch eines weniger an Gewicht auf die Schultern und Beine. Anhand von drei Strassenkarten, die mir die Leute vom DNT in Trondheim schenken, mache ich mich nun auf den Weg. Die Tage fliegen nur so dahin und ich kapsele mich total von der Umgebung ab. Erstaunlicherweise finde ich immer wieder Alternativ –  Wege abseits der Strasse, die das Laufen um einiges erträglicher machen. Proviant ist absolut kein Thema, denn immer wieder komme ich an einer kleinen Ortschaft vorbei oder treffe auf eine Tankstelle. Übernachten tue ich im Zelt, auf zum Teil noch geschlossenen Campingplätzen, welche oft eine geringe Infrastruktur zur Verfügung stellen für Reisende mit Wohnmobilen oder Wohnwagen…… oder eben mich. Die Kilometerleistung wird immer absurder und höher, so sind 60 Kilometer plötzlich möglich. Meine Beine machen das ganze Spektakel erstaunlicherweise recht gut mit, vielleicht habe ich aber einfach auch nur ausgeblendet, dass da ein latentes Problem vorhanden ist. Wie abstrakt das Ganze wird, verdeutlichen die extrem kurzen Einträge im Tagebuch oder die vier Bilder welche ich innerhalb von fünf Tagen mache. Zum Teil beginne ich schon um 4.00 Uhr zu laufen um dem morgendlichen Verkehr auf der E6 auszuweichen, ich meide die Zeit um den Mittag, da dann schon die ersten Touristen mit ihren breiten Wohnmobilen unterwegs sind und laufe oft bis am Abend spät.

Als ich das Ortsschild von Trofors (40 Km. von Mosjøen) erreiche, habe ich alle Reserven, auch die physischen aufgebraucht. Ich bin nach diesem Dauerlauf wirklich fertig und meine Vorräte sind zur Neige gegangen. Das wichtigste waren aber die Salben für mein Bein, die mir jetzt fehlen, ich muss Nachschub haben. Kurzerhand und ohne zu überlegen, steige ich in den Zug nach Mosjøen. Was soll ich hier in Trofors suchen, was ich wahrscheinlich nicht finden werde, und Mosjøen ist ja so nah. Eine halbe Stunde später erreiche ich die kleine Stadt am Vefsnfjorden.

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Levangers Bohrturmfabrikation
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Jugendherberge Grong
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Svenningdalen

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Mosjøen

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Mosjøen

In Mosjøen beschaffe ich alle nötigen Dinge für die Weiterreise. Doch es bleibt ein mulmiges Gefühl zurück. Der gesundheitliche Aspekt, der mir über alles wichtig ist, kann ich nicht mehr ausblenden. Seit nunmehr drei Wochen ist diese Entzündung in meinem Schienbein, und die Veränderung ist nur marginal spürbar, sei es schlechter oder besser. Mittlerweile habe ich das Ganze zwar sehr gut im Griff und ich weiss wie ich ohne grosse Schmerzen über die Runden komme, aber wirklich gesund ist das sicher nicht!
Irgendwann muss ich mich entscheiden, wie es oder besser gesagt, ob es überhaupt weiter gehen kann. Seit der Ferslia Hütte haben mich schon leise Zweifel erreicht, ob ich es so bis zuoberst in den Norden schaffen kann. Das ärgerliche ist eigentlich, dass ich Fit bin wie ein gebundener Turnschuh, ich könnte Wälder von ihren Bäumen befreien, trotz all den Widrigkeiten in den letzten Wochen bin ich psychisch Top motiviert weiterzumachen, aber…….! Dieses „aber“ lässt mich nun entscheiden, dass ich von Mosjøen aus Richtung Korgen gehe und von dort in zwei Tagen Umbukta erreichen will. Dies ist ein nicht zu verachtender, weiter Lauf, doch ich will ohne jegliche Hilfsmittel und Medikamente schauen, ob mein Bein eine solch grosse Belastung aushalten wird. Wenn nicht, wird dies das Ende von Norge på langs für mich bedeuten.
In Umbukta lagerte mein drittes Depotpaket und ich kann dort eine zweitägige Pause einlegen und mich in Ruhe entscheiden. Im letzten Winkel meines Hinterkopfs, da weiss ich wohl schon hier, es wird bald zu Ende gehen, ich werde es bei einem verträglichen Tempo kaum mehr bis Mitte August ans Nordkap schaffen.

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Camping Korgen

In Korgen mache ich wohl auf einem der schönsten Campingplätze halt und geniesse die grosse Ruhe. Die Campingplatz Besitzerin ist riesig erfreut, dass so ein NPL Läufer auch mal bei ihr einen Stop einlegt. Normalerweise rauschen die Wanderleute auf der anderen Seite des Okstindan Gebirges via Gressvasshytta DNT an dieser Gegend vorbei. Sie berät mich in aller Ausführlichkeit, auch Betreffs der Besteigung des höchsten Nord-Norwegers, des Oksskolten. Dies war eigentlich noch ein grosser Wunsch von mir, diesen Berg zu erklimmen, denn von ihm hat man wohl eine der schönsten Aussichten weit und breit. Die Wetterprognose ist allerdings sehr durchzogen und da der Ostgrat noch immer Schnee hat, wäre gutes Wetter eine wichtige Voraussetzung für eine Besteigung. Doch ich werde mich kurzfristig entscheiden und zuerst in die Kjennvasshytta DNT laufen, die schon relativ nah am Oksskolten liegt. Die Campingplatz Besitzerin gibt mir den Tip, direkt vom Camping in das Leirskarddalen zu laufen, um von dort über das Tverrågskardet runter zur Kjennvasshytta zu gelangen. Dieser Weg würde auch genommen, wenn man an die im Westen des Okstindan Gebirges gelegenen Hütten Rabothytta DNT und Gråfjelhytta DNT erreichen möchte.

Gesagt, getan, am nächsten Morgen geht es durch das fünfzehn Kilometer lange, wunderschöne Leirskarddalen Tal, dass mich sehr an Zuhause erinnert. Ein enges Tal, beidseitig mit hohen Felswänden, und immer wieder irgendwelche Anzeichen von Stromproduktion. Das Wetter ist mir freundlich besonnen und so kann ich sogar zum Teil mit Sonnenschein, aber sicher ohne Regen rechnen.

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Korgen und Blick ins Leirskardalen

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Die schneebedeckten Okstinden und Okskalvan

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Das langgezogene Leirskarddalen

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Am Ende des Tals heisst es nun aufzusteigen ins Tverrå. Als Alpenländler ist man sich gewohnt bei einer kurzen aber heftigen Steigung, in vielen Serpentinen die Höhe zu ersteigen. Diese Praktik scheint bei den Norwegern noch nicht ganz durchgedrungen zu sein. Oftmals stelle ich fest, dass die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten eine Gerade ist, was ja auch stimmt, aber trotzdem mühsam sein kann. So habe ich hier nun satte 1000 Höhenmeter zu überwinden, auf eine Luftlinie von knapp zwei Kilometer gemessen. Aber da ist nichts mit Kurven und Serpentinen, es geht einfach gerade den Wald hoch. An und für sich kein Problem, doch mit 25 Kilogramm am Rücken und schon knapp 20 Kilometern in den Beinen, wird das doch, sagen wir mal, etwas anstrengend 😉

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Das Tverrå Hochtal entschädigt aber dann mit seiner wilden Schönheit. Ein wahrlicher Genuss hier durchzuwandern und die Ruhe zu geniessen.

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Tverråpass

Kurz vor dem Pass, gibt es dann doch noch etwas Spannung, als es einige nicht wirklich vertrauenswürdige Schneebrücken zu überqueren gilt. Oft wähle ich die deutlich längere Umgehung, da zum Teil Löcher von 4-5 Metern klaffen, da reinzufallen ist kaum empfehlenswert.

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Mittlerweile ist auch die Temperatur einiges gefallen und es zieht ein kühler Wind um die Ohren. Hat es nicht Tage zuvor geheissen, hier herrschen 25° und mehr? Das Wetter schlägt schon etwas um, morgen solle es einen Regentag geben und versetzt die Landschaft in eine wilde, raue Perle. Es ist mein Klima! Nicht dass ich etwas gegen Sonne und Wärme habe, aber ich liebe es, wenn der Wind um die Ohren pfeift und die frische, kalte Luft den Kopf freimacht, einfach herrlich.

Auf dem Pass angekommen, gibt es nun den gewaltigen Ausblick runter zum Kjennsvatnet. Einer der vielen, riesigen Stauseen, die nur durch sehr kleine, dezente Talsperren erkennbar sind. Hier ist ein Zentrum der Stromproduktion, schon von weitem sieht man eine grosse Baustelle am See. Leider werden hier viele wunderschöne Wildbäche brutal trockengelegt und verschwinden im Boden in grossen Druckleitungen, jedoch sind die Norweger so umweltbewusst, wenigstens ihre Kraftwerke vollständig unterirdisch zu bauen. Die Landschaft dankt es!

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Kjennvatnet

Als ich wieder etwas Empfang auf meinem Handy habe, checke ich das Wetter für die nächsten Tage. Dieses verheisst aber auch für die nächsten Tage nicht wirklich Bergwetter, so entscheide ich mich direkt zur Kjennvasshytta zu gehen und von dort schon 2-3 Tage früher nach Umbukta zu laufen. Der Oksskolten muss also weiter auf mich warten.

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Auf der zweitobersten Halbinsel lag die Kjennvasshytta, unten rechts, sieht man noch den Aushub der Grossbaustelle.

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Auch die Tage dieses Wildbaches sind demnächst gezählt und er wird verschwinden.

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Unten am Kjennsvatnet angekommen, gelange ich nach knapp einer Stunde an die Kjennvasshytta. Als ich das Gebäude von aussen sehe, bin ich schon ziemlich beeindruckt. Als ich das grosse Schloss mit meinem Schlüssel öffne, verschlägt es mir aber definitiv die Sprache…………

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Kjennvasshytta DNT

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IKEA??

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Sogar Sauna!!! (mit DNT-Schloss)

Ich alleine in dieser Villa, was ist das für ein Geschenk! Toll, was da so geboten wird in diesem Norwegen. Der Kücheneinrichtung sieht man an, dass da in der Hauptsaison Gäste bewirtet werden. Es gibt sogar eine kleine Karte mit allerlei Leckereien drauf, nun ja, diesen Vorteil habe ich zu diesem Zeitpunkt zwar nicht, aber hier kann man es aushalten.
Doch es gibt noch etwas anderes an diesem Ort, etwas was mir gar nicht gefällt…….Mücken!! Unglaublich, nun bin ich schon so viele Wochen unterwegs und hier sehe und spüre ich nun das erste Mal Mücken. Nicht dass ich diese Dinger gross vermisst habe, aber es ist schon etwas ungewöhnlich erst jetzt auf diese lästigen Viecher zu treffen. Doch es sind nicht nur Mücken, es sind eine Art Killermücken, die ich so noch nicht erlebt habe. Die Biester sind extrem aggressiv und aufdringlich! Das ungewöhnlich lange, warme Klima hat wohl wie ein Brutkasten gewirkt und die Aggressivität gefördert.

Nach einem fürwahr fürstlichen Nachtessen geniesse ich die Stille am Fenster, die Landschaf ist so richtig vereinnahmend. Schon bald werden die Augenlider immer schwerer, es war ja auch ein langer, anstrengender Tag. Also ab in die Heja, morgen wird wieder ein langer Tag anstehen bis nach Umbukta. Kaum bin ich in meinem kleinen, gemütlichen Zimmer eingenickt, höre ich Autos vor die Hütte fahren. Was ist das? Kommt da jemand zu mir? Ich gehe ans Fenster und staune nicht schlecht, zwei Kleinbusse sind vorgefahren und vier Erwachsene stiegen aus und eins, zwei, drei, vier……. acht Kinder!!!! Na, das wird wohl noch interessant werden. Tatsächlich kommen sie herein und stellen sich freundlich vor. Es sind zwei Grossfamilien aus Mo i Rana, die über das verlängerte Wochenende drei Tage hier verbringen wollen. Na gut, etwas Gesellschaft kommt mir gerade recht, ich hatte ja bisher noch kaum Kontakt mit anderen Menschen. Nachdem sie ungefähr eine Viertelstunde zu viert, Taschen und Kisten ausgeladen und in die Hütte gebracht, und den riesen Kühlschrank bis in den hintersten Winkel gefüllt haben, laden sie mich auf ein paar Bierchen und das Nachtessen ein. Mein Magen ist zwar bis obenhin gefüllt, aber so ein Feierabendbierchen kann ich kaum ablehnen. Es wird ein sehr gemütlicher Abend und wir reden über Gott und die Welt………und das Wetter. Es ist tatsächlich so, dass bis vor zwei Tagen hier noch der Hochsommer herrschte. Über fünf Wochen Prachtswetter und sehr warm und nun hat es umgeschlagen! Langsam vermute ich, dass ich der Grund für das Wetter bin. Seit dem Beginn der Tour lief ich permanent in einem Tiefdruckwirbel und jetzt hier auch noch, es scheint, dass ich die Dinger richtiggehend anziehe, Wahnsinn! Und vor mir und hinter mir sind beste Verhältnisse.

Ich ziehe mich dann doch langsam in meine Kiste zurück – hatte ich doch den richtigen Riecher und wählte ausgerechnet das kleine Zimmer neben der Küche aus – , die Leute wollen etwas Rücksicht nehmen und mich schlafen lassen. Doch wie es halt so ist, etwas Alkohol bei Erwachsenen und tollwütige Kinder welche die Verbrecher im oberen Stock gleich dutzendweise jagen, lassen den Geräuschpegel doch im oberen Bereich ansiedeln. An Schlaf ist kaum zu denken, daher entscheide ich mich wieder an den Küchentisch umzusiedeln. Nun wird es noch gemütlicher, ein weiterer Gang wird serviert….. Sushi mit warmen Sake. Jawohl, genau das brauche ich jetzt, dieses warme Getränk wird mich wohl definitiv ins Reich der Träume bringen. Und so ist es dann auch, ich verabschiede und bedanke mich herzlich bei den netten Leuten und ziehe mich alsbald zurück und schlafe den Schlaf des Gerechten.

Um 6.00 bin ich dann schon an meinem Kaffee, es soll früh losgehen. Heute ist Regen angesagt, doch das wird mir nicht viel ausmachen, denn dann sind die Mücken auch nicht so aktiv.

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Der Oksskolten war definitiv in Wolken verpackt.

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Aber auch ich kann mal Glück mit dem Wetter haben. Nach knapp einer Stunde hört es auf zu regnen und zwar gleich für den ganzen Tag. Es legt sich eine mittelhohe Wolkenbasis über das Land, welche die Szenerie in eine Märchenlandschaft verwandelt. Durch das Storskardet – Tal wabern mir immer ein paar Nebelfetzen entgegen und der Wind bläst mir leicht säuselnd um die Ohren. Es ist eine absolut fantastische Stimmung, die man mit dem blausten Himmel nicht konkurrenzieren kann. Der Blick zurück an den Oksskolten,der sich ab und zu bis zum Gipfel zeigt, bestätigt mich, den Umweg über die Gressvasshytta nicht zu machen. Das Wetter ist zu unsicher und der Grat hat doch wesentlich mehr Schnee als angenommen. Nach zwei Stunden komme ich an den Rand des Storskardet und blicke auf das grosse Storakersvatnet. Ebenfalls ein Stausee, mit der Besonderheit, am Ostufer eine Halbinsel zu besitzen, auf welcher wahrscheinlich halb Mo i Rana ein Ferienhaus besitzt. Während der Ferienzeit sogar mit einem Gesundheitszentrum ausgerüstet, liegt diese Halbinsel wie ein Fremdkörper in dieser einsamen Gegend und passt irgendwie so nicht rein.

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Storakersvatnet

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Storakersvatnet

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Während ich so vor mich hin laufe, die Landschaften in mich einfliessen lasse, nistet sich immer mehr der Gedanke ein, dass es wohl bald fertig sein wird mit dieser Tour. Wie ein Film flimmern mir all die Erlebnisse der letzten Wochen vor meinen Augen durch. Es ist ein extrem emotionaler Moment, grosse Demut erfasst mich und lässt mich noch tiefer in all das Erlebte eintauchen.

An der Grasfjellkoja, einer kleinen Schutzhütte, rufe ich Thor Inge in der Umbukta Fjellstue an, um mein Kommen anzumelden. Er ist leider in den nächsten Tagen nicht in Umbukta, freut sich aber sehr, dass ich es bis hierhin geschafft habe und heisst mich herzlich willkommen in seiner Fjellstue. Ich habe eigentlich gehofft ihn zu treffen, gerade er, der Norge på langs zweimal gelaufen ist, hätte mir vielleicht noch ein paar Tipps geben können. Nun ja, vielleicht hätte ich diese Tipps ja auch gar nicht mehr gebraucht.

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Grasfjellkoja

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Kurz vor Umbukta gibt es noch ein Moor zu durchqueren. Das ist nun wirklich kaum mehr zu toppen. Die Skandinavische Luftwaffe (Mücken) hat zum Grossangriff geblasen. Die Kleider sind unter der schwarzen Wolke kaum mehr zu erkennen, die Biester stechen sogar durch die dicksten Kleider hindurch. So schnell es nach sieben Stunden noch geht, gilt es aus diesem Sumpf zu kommen und in die rettende Fjellstube zu kommen.

Völlig zerstochen und nassgeschwitzt, unter all den Kleidern die ich aus Schutzgründen anhabe, laufe ich, vor lauter Freude schreiend, in Umbukta ein. Es ist aber in erster Linie eine riesige Freude darüber, dass ich es geschafft habe nach Umbukta zu kommen. Es ist ein gewaltiges Gefühl, mehr als die Hälfte zum Nordkap geschafft zu haben, egal was noch kommen wird.

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Umbukta Fjellstue

Vor der Türe entledige ich mich zuerst den tausenden von Mückenleichen und einigen der Kleiderschichten. Die Umbukta Fjellstue hat ein kleines und gemütliches Restaurant und ein paar Hotelzimmer im Annex. Maria, welche das Restaurant bedient, begrüsst mich mit grossen Augen, sieht aber wohl gleich, um was es bei dieser Gestalt geht die da zur Türe reinkommt. Ich stelle mich vor und frage nach meinem Depot Paket und der Übernachtungsmöglichkeit, die mir Thor Inge reserviert hat. Ich kann zwischen dem Staburet und einem Hotelzimmer wählen. Das Staburet, ein kleines Häuschen neben der Fjellstue dass für Norge på langs – Läufer reserviert ist, ist zwar frei, doch ich wähle eines der neu gebauten Hotelzimmer. Der Grund ist die Bodenheizung, nichts lernte ich in den letzten Wochen mehr schätzen als ab und zu eine Bodenheizung, um meine Kleider zu trocken!

Paket bekommen, Hotelzimmer bezogen, geduscht und hungrig, stehe ich alsbald wieder in der Gaststube. Maria gibt mir eine Menukarte, auf welcher die üblichen vier Auswahlmöglichkeiten der meisten norwegischen Kleingaststätten stehen und fragt mich, welches ich den gerne hätte. Ohhh, ich denke ich fange oben an und esse mich mal durch die Karte, kann es gut gebrauchen! Mit grosser Freude über soviel Hunger, schwingt sich Maria in die Küche. Als ich beim zweiten Gang bin, sehe ich plötzlich im rechten Augenwinkel eine dunkle Gestalt am Fenster vorbeifliegen. Da kommt ein Wanderer mit riesigem Rucksack und langem Bart daher. War es Zufall, aber das muss doch wohl auch so Verrückter sein wie ich, denke ich. Wenn der jetzt zur Türe reinkommt und nach einem Paket fragt, würde mich das wahrlich nicht verwundern………. er fragt nach einem Paket! Als er mein Paket neben mir sieht, muss auch er schmunzeln……. “ Norge på langs?“ Pål Inge war im April noch auf Skiern in Lindesnes gestartet und wundert sich doch etwas, warum ich denn schon hier sei, obwohl ich deutlich später startete. Nachdem er sich im Staburet eingenistet und geduscht hat, setzt er sich zu mir und bestellt ebenfalls die Karte……zweimal!!! Mensch, der Junge hat Hunger, und er sieht auch so aus. Er hat sich etwas mit dem Proviant verschätzt und ist doch schon ziemlich hungrig hier eingetroffen. Er hat in der letzten Nacht kaum 300 Meter neben der Kjennvasshytta campiert. (Wenn Pål gewusst hätte,was da für ein gefüllter Kühlschrank in der Hütte stand!)

Wir essen uns durch den Abend, geniessen ein paar Bierchen und haben uns viel zu erzählen. Er ist sehr erstaunt über die Bedingungen die ich erwischt hatte, er kann über seine nicht klagen, und trifft eigentlich erst hier in der Region Umbukta, auf etwas schlechteres Wetter. Der Vergleich zwischen unseren Touren ist schon frappant. Wozu er fast drei Wochen brauchte, die Strecke durch das Blåfjell und Børgefjell zu durchqueren, brauchte ich nur kurze fünf Tage der E6 entlang. Wir beschliessen mindestens noch einen Tag zu bleiben, um uns zu erholen, und unsere verschiedenen Erlebnisse auszutauschen. Wir haben beide den gleichen Weiterweg, allerdings wird er zum Nordkinn hoch laufen und ich plane ja zum Nordkap zu gehen. Am nächsten Tag dürfen wir ein Auto der Fjellstue brauchen, um an die vier Kilometer entfernte Grenze zu Schweden zu fahren. Dort steht ausser einem Grenzstein nichts anderes, als der Måtbussen. Ein paar geschäftige Schweden kauften sich vor Jahren einen alten Schulbus, bauten diesen aus und füllten in mit Lebensmitteln, Süssigkeiten und Alkohol, und verkaufen nun hier für wesentlich billigere Preise als in Norwegen.

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Als wir mit gefüllten Säcken zurückkommen, geht Pål ans weiteressen und ich ans Telefon. Nach den drei Tagen, welche ich mir als Test veranschlagte, bin ich eigentlich nicht ganz unzufrieden mit meinem Bein. Aber es ist über die ganze Zeit ein leichter, dumpfer Schmerz spürbar der mir Sorgen macht. Ich rufe eine Freundin an, die als Sportärztin in einem Sportzentrum arbeitet. Sie nimmt sich sehr viel Zeit, um eine Diagnose zu machen. Nach zwanzig Minuten eingehender Fragerei ist der Fall so ziemlich klar. Es ist definitiv eine Sehnenscheidenentzündung und keine Knochenhautentzündung wie ich zuerst vermutete. An und für sich keine schwerwiegende Sache, doch die einzige Behandlungsmöglichkeit besteht darin, das Bein ruhig zu stellen, super! Meine Symptome würden ausserdem auf eine beginnende, chronische Entzündung hinweisen, welche mit zunehmender Dauer schwerwiegende Folgen haben könnte. Würde die Tour noch eine Woche dauern, würde ich dies laut Ärztin verantworten können, aber 6-7 Wochen sind auf jedenfall zuviel. Punkt, Aus, Schluss……das war`s! Eigentlich hätte ich jetzt masslos enttäuscht, traurig oder wütend sein können, doch ich bin es nicht. Im Gegenteil, irgendwie bin ich sogar erleichtert, endlich eine definitive Ansage zu haben. Nun ist klar, dass die Tour beendet ist, denn meine prioritäre Vorgabe war immer, dass die Gesundheit an erster Stelle kommt und das ohne Ausnahme.

Am nächsten Morgen geniesse ich mit Pål nochmals das hervorragende Frühstück (bin nicht sicher, ob die danach überhaupt noch was essbares hatten in Umbukta ), und verabschiede mich von ihm und wünsche ihm alles Gute für den Rest der Tour. Ich setze mich wieder in die Gaststube und warte auf die nachlassenden Regengüsse. Stunde über Stunde vergehen und ich beginne schon fast mit meinem Rucksack zu reden, aber der Regen lässt nicht nach.
Eigentlich will ich ja nur noch 2,3 Tage laufen, um die Tour etwas ausklingen lassen, bevor ich nach Hause gehe. Thor Inges Tochter leistet mir etwas Gesellschaft und spricht davon, noch nach Mo i Rana zu fahren um Besorgungen zu machen. Sollte ich vielleicht mitgehen und erst morgen zur Hütte hinauf laufen? Oder soll ich weiter warten? Ich bin ja nicht wasserscheu, doch ich habe in den letzten Wochen zu oft das Vergnügen bei strömendem Regen Kilometer um Kilometer zu bewältigen. Ich sage ihr, wenn ich noch da bin wenn sie nach Mo I Rana fahren würde, würde ich mitkommen.

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Umbukta

Dre Stunden später, sitzeich in Mo i Rana an der Mole. Mein  Rucksack ist komplett entleert in einer Pension, wo ich ein Zimmer bezogen habe. In der rechten Hosentasche habe ich ein Ticket für den Zug nach Oslo, ich warte auf ein SMS, welches mir mein Travel Agent als Bestätigung für den Flug zurück in die Schweiz schicken wird und daheim ist alles informiert, dass ich in drei Tagen Zuhause ankommen werde. Was ist passiert?? Ich kann es eigentlich bis heute nicht genau sagen, doch als nach dem Mittag eine riesige Regenfront vor Umbukta steht und das Wetterradar heftige Niederschläge zeigt, muss wohl der sprichwörtliche Tropfen das Fass zum überlaufen gebracht haben. Ich sah wohl keinen Sinn mehr für die nächsten Tage, da auch die Prognosen von Stunde zu Stunde schlechter wurden. Doch es war gut so, die Entscheidung war sicher richtig, auch wenn es zu diesem Zeitpunkt doch sehr hart war. Ich tippe meinen Entschluss, abzubrechen, auf meinen Blog, schreibe Morten und Simon eine SMS, dass ich die Tour beenden werde und wünsche ihnen für ihre Tour noch alles Gute. Danach stelle ich das Handy ab, packe ein Sixpack Bier und c.a. ein halbes Kilo Erdnüsse und mache mir einen nachdenklichen Abend.

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An der Mole von Mo I Rana (im Hintergrund sieht man eine riesige ,schwarze Gewitterwand welche sich auf Mo I Rana und somit Umbukta zubewegt. Heftigste Niederschläge gehen an diesem Abend auf die Gegend nieder).

Die Rückreise am nächsten Tag ist emotionsgeladen. Es wird mir das erste Mal so richtig bewusst, was für eine enorme Strecke ich da abgelaufen bin. 14 Stunden bin ich von Mo I Rana bis nach Oslo im Zug unterwegs, und Oslo ist ja auch noch lange nicht auf dem Breitengrad von Lindesnes! Wie fühlt sich das wohl an, vom Nordkap heimzureisen?? Es ist gewaltig und ich begreife jetzt endlich die Zahlen in meinem Tagebuch – ich habe an jedem Tag die Kilometer nachgerechnet, welche ich zurücklegte – und was sie für eine Bedeutung haben. C.a. 1410 Kilometer habe ich absolviert und das sind noch 120 Kilometer mehr, als ich auf meiner Strecke geplant habe. 120 Kilometer praktisch nur Umwege und Alternativrouten, das ist schon happig.

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Endlich schön……. auf der Heimreise in Trondheim!

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Oslo

Wenigstensist die Laune noch so gut, dämliche „Selfies“ in Oslo zu machen, und es ist grundsätzlich auch eine Heimkehr in ein Zuhaus, dass ich unendlich liebe.

In Oslo schalte ich das erste Mal mein Handy ein und es explodiert fast! Eine halbe Stunde lang rattert diese kleine Kiste vor sich hin und glüht schon fast, als sie endlich still wird. Es ist unglaublich, wie viele Meldungen via Blog, SMS oder E-Mail auf meine „Tourabbruchsmeldung“ hereinkommen. Ich bin total überwältigt und wohl schon ziemlich nahe am Wasser gebaut, aber die Meldungen gehen wirklich tief ins Herz! Aus der ganzen Welt, von Neuseeland über Alaska bis nach Südamerika melden sich Menschen, die mich trösten wollen und mir Glück auf dem Heimweg wünschen. Hunderte Nachrichten von meinen Freunden und Bekannten die mich aufmuntern und mir zusprechen, das einzig richtige gemacht zu haben.

Ich freue mich riesig über all die Meldungen und es gibt mir auch Auftrieb auf meinem Rückweg, ich freue mich, auch endlich nach Hause zu kommen, in den Garten zu sitzen, ein gutes Glas Wein zu trinken und………. etwas zu essen!! 🙂

Weitermachen? Nochmals auf Norge på langs zu gehen? Die Tour zu Ende zu bringen? Sind das Fragen oder haben sich die Antworten darauf schon längst erledigt?

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