Teil 11/15 : Nábár, die Unbekannte

Der Tag war wirklich lang und anstrengend. Doch ich bin mehr als zufrieden mit dem Resultat. Da sitzt man jahrelang an der Planung und denkt sich die fürchterlichsten Sachen aus, bereitet Notfallpläne aus und malt sich aus wie das  wäre, wenn etwas schief gehen sollte und dann…….läuft man einfach da durch, wie wenn es ein Sonntagsspaziergang wäre. Zum schief lachen !

Nun sitze ich in der gemütlichen Nedrefosshütte und denke gerade daran, wie das wäre, wenn die Königin von Norwegen hier zur Tür reinkommen würde. Dies könnte nämlich der Fall sein, denn es ist die Lieblingshütte der Königin Sonja und man erzählt sich, dass dies Fischern tatsächlich schon passiert ist. Øyvind hatte mich im letzten Mail noch darauf aufmerksam gemacht, denn er hatte gehört, dass ein Besuch kurz bevorstehe. Und tatsächlich fallen die vielen blau, rot, weissen Wimpel und Girlanden an der Hütte auf. Später erfahre ich, dass die Königin tatsächlich fünf Tage vor uns in der Hütte war. Die königliche Jacht fährt dazu in den Reisafjorden und von dort geht es mit dem Schlauchboot zur Hütte hinauf. Ich muss schon etwas schmunzeln als ich das erfahre und…… was wäre das wohl für ein Abenteuer, sich in der Küche mit der Königin zu streiten wer jetzt den Abwasch macht und wer abtrocknet….. köstlich !

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Nedrefosshytta DNT

Der Königin fehlte allerdings etwas in der Hütte……. eine Sauna. Kurzerhand lies sie eine bauen und nun besteht also die Möglichkeit in Nedrefoss königlich zu saunieren!

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Die königliche Sauna

Christoph und ich sitzen nun aber am Abend noch einmal über den Karten und den Plan den ich habe. Den einzigen Punkt auf das Nábár hoch zu kommen, soll relativ einfach zu finden zu sein, dies hatten mir Simon und Øyvind bestätigt. Danach wird es wohl ans improvisieren gehen, doch bei diesen Verhältnissen wird das wohl kaum ein Problem bereiten. Wir wollen zeitig gehen um möglichst weit ins Nábár hinein zu kommen und so stehen wir auch schon sehr früh auf. Und was für ein Morgen begrüsst uns da !

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Reisadalen

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Reisadalen

Es ist schon sehr früh, sehr warm, windstill und traumhaft schön. Das wird ein Club Med – Wandern auf den ersten vier Kilometern !!

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Die Nedrefoss Hängebrücke (  im Hintergrund das Dach der Hütte )

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Entlang der Reisa auf dem Nordkalotleden

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2, 3 etwas ausgesetzte Stellen, welche mit Drahtseilen gesichert sind.

Der Nordkalotleden welcher hier nun noch rund fünfzig Kilometer bis an dessen Ende in Kautokeino folgt, ist schlicht traumhaft schön an der Reisa gelegen.

Der Järv ( Vielfrass )

Im Wald hören wir so früh am Morgen noch vereinzelt ein paar Järvs mit ihrem typischen Pfeiffen. Der Järv (Vielfrass) ist ein marderartiges Wesen, nur deutlich grösser und ausgerüstet mit einem relativ eindrücklichen Gebiss. Er ist vorwiegend in den Nachtstunden aktiv und haust in Erdgruben. Der Järv ist scheu, kann aber ziemlich aufdringlich und bösartig werden wenn man ihn überrascht oder bedrängt. Er flüchtet nicht in der Gefahr, sondern stellt sich der Gefahr in den Weg. Daher ist es empfehlenswert dem Järv aus dem Weg zu gehen und auch nicht gerade in der Nähe von seinen Bauten zu campieren. Auch wenn man ihn selten zu Gesicht bekommt (ich habe ihn auf Norge på langs nie gesehen) , hört man sein Pfeiffen in den Morgenstunden oft und seine Bauten, vorwiegend an Hügeln, sind immer wieder zu sehen.

Schon bald kommen wir an die Abzweigung, der zum Rundweg Imofossen geht. Der Imofossen ist wohl einer der eindrücklichsten Wasserfälle im Reisadalen. Jedoch ist es momentan so trocken, dass der Wasserfall wohl auch nicht viel Wasser runterstürzen lässt, daher verzichten wir auf den Umweg.

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Abzweigung Imofossen

Nach rund drei Kilometer ( von der Nedrefosshütte ) kommt der Rundweg wieder zurück auf den Nordkalotleden. Kurz zuvor hatten wir ein kleines Bächlein überquert, den Imojohka. Dieses Bächlein führt genau zu der Scharte, welcher den Durchgang ins Nábár bildet. Wir laufen allerdings noch c.a. vierhundert Meter weiter dem Weg entlang, bevor wir nach einer kurzen Steigung, durch die Bäume die Scharte entdecken.

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Kleine Steigung nach dem Zusammenschluss der Wege

Wir biegen nun links ab, durch ein kleines Sumpfgebiet, steil den Hügel hinauf und haben nun den Wasserlauf und die Scharte vor Augen. Es sieht relativ einfach aus, wenn man sich exakt dem Bachlauf des Imojohka entlang tastet.

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Die Scharte des Imojohka

Allerdings scheinen mir die steilen Felswände alles andere als stabil zu sein. Das Ganze ist extrem brüchig und Steinschlag scheint hier an der Tagesordnung zu sein. Wir halten uns genau in der Mitte der Scharte und können so gut über grosse Steinblöcke dem Wasser entlang hochsteigen. ( Bei Regen oder grosser Nässe, würde ich wegen Steinschlag dringend davon abraten hier hochzusteigen  !! ).

Die Scharte ist tektonisch höchst interessant. Die Verwerfungen der Gesteinslagen sind sehr eindrücklich, doch ich drücke etwas auf`s Tempo, den ich möchte hier möglichst schnell durch. Die Wärme des Tages und die Anstrengung, hier mit vollgeladenen Rucksäcken hochzusteigen, drückt den Schweiss aus allen Poren. Die Mücken attackieren uns von allen Seiten und machen das Ganze noch etwas mühseliger. Doch nach einer Stunde scheinen wir die Scharte hinter uns zu haben. Der Imojohka fliesst nun in einem immer enger werdenden Bachbett und wir entschliessen uns, den sehr steilen Austieg aus dem Tal zu nehmen und hangeln uns an Jungbirken den Grashang empor.

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Blick zurück in die Scharte ( gegenüber das Tal des Imofossen )

Endlich sind wir raus aus dem Tal, inmitten von einem dichten Birkenwald. Die Mückenplage erreicht nun den absoluten Höhepunkt. Wir sind beide schwarz von den Plagegeistern und versuchen so schnell wie möglich aus dem Gebüsch und Wald zu kommen. Wir befinden uns südlich des Gorzeroavvi als wir endlich aus dem Grünzeugs rauskommen. Wir erklimmen noch den nachfolgenden Ciikovárri, als wir uns wieder auf 700 Metern über Meer befinden und somit oberhalb der Waldgrenze. Vor uns liegt der mächtige Berg Duorsi, welchen ich schon vor drei Tagen entdeckt hatte. Wir lassen uns an einem kleinen Bach nieder um ein Pause einzulegen. Wow…. das war aber hart ! Die Hitze drückt uns nieder……..heiliges Kanonenrohr, was sage ich da ??? Aber tatsächlich, es ist die Hitze die uns zu schaffen macht!!

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Blick zum Djertá ( am rechten Rand das Halti Gebirge )

Der Blick rüber zum grossen Djertá und am Horizont das Halti Gebirge, macht mich ganz sprachlos. Mit einem tiefblauen Himmel übertüncht, sitze ich da in dieser grossen Tundra des Nábár. Ich lege mich auf den Rücken und entspanne mich nach diesem Kampf. Die Mücken sind nun auch endlich weg und die unglaubliche Stille scheint mich fast aufzufressen. Am Himmel beobachte ich etwas verdutzt drei grosse Flugzeuge, die nach Norden fliegen. Natürlich !! Die Polarroute der Langstreckenflugzeuge gibt es ja immer noch. Alle welche nicht über den Atlantik nach Amerika oder zurück fliegen, benützen die direkte Route  via Nordpol. Allerdings sind dies nicht mehr allzu viele, doch diese zeichnen nun ihre weissen Streiffen an das blaue Himmelszelt. Momentmal, das könnte mir doch noch von Nutzen sein ? Anhand der Kondensstreiffen sind nämlich die Höhenwinde sichtbar, welche die Grosswetterlagen vorauszeigen. Als die Streiffen sich nur langsam auflösen und vor allem fast über eine Stunde immer noch beinahe am gleichen Ort befinden, zeigt das deutlich, dass sich da kein Wetterumschwung ankündigt. Mein Herz jubelt, hier scheint Weihnachten, der Hauptgewinn im Lotto und mein Geburtstag auf einmal zusammenzutreffen. Kann man mehr Glück haben um das Nábár zu durchqueren ? Mit Sicherheit nicht!!

Ganze drei Stunden hatten wir bis hier unterhalb des Duorsi gebraucht und wir sind schon fast Schachmatt. Wir brauchen dringend eine längere Pause wenn wir noch weiter wollen und vor allem brauchen wir………..Wasser ! Ich kann es kaum glauben, aber Wasser scheint nun wirklich ein Thema zu werden. Es ist einfach Staubtrocken hier und die wenigen Pfützen und Bächlein sind nicht wirklich vertrauenserweckend ( Algen ) . Wir steigen immer höher der Ostflanke des Duorsi  hoch und erreichen schon fast den höchsten Punkt, als wir endlich einen grösseren Bach entdecken. Wasservorräte auffüllen und ein kurzes kühles Bad ist angesagt, bevor wir Ausschau nach einem guten Pausenplatz haben. Endlich sehen wir die riesige Vuobararássa Ebene. Ein kleiner Bach lädt zur Rast ein.

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Vuobararássa Ebene

Während der Pause erblicke ich den in der Karte eingezeichneten Rentierzaun im Westen und sogar ein paar Quadspuren der Sami. Öha…. scheint doch nicht ganz so ausgestorben zu sein wie vermutet. Mit dem Fernglas erblicke ich ein kleines Tal zwischen den beiden Hügeln  Buvrooaivi und dem Avvevákki. Dort scheint es auch ein Bachlauf zu geben und somit wird das wohl der Weiterweg nach Norden sein.

Schon während meiner Planung, habe ich mir Navigationspunkte abgesteckt, welche ich mit einem Kompasskurs ausgemessen habe. Wie schon erwähnt, bin ich etwas von der alten Schule betreffs Navigation und so blieb mein GPS mehrheitlich im Rucksack. Ich wollte schliesslich nicht irgend einem faden Pfeil hinterher laufen, sondern ich wollte etwas von meiner Umwelt sehen. Die einzigen wirklich zuverlässigen Navigationspunkte im Nábár sind definitiv die grösseren Seen. Auch wenn man nicht genau dem Kompasskurs entlangläuft, besteht die Möglichkeit irgendwie ans Wasser zu gelangen. Die Hügel sind kaum erwähnenswert und zum navigieren kaum brauchbar. Für den ersten Tag hatte ich mir den grösseren Mollejusgobejávri See ausgesucht, welcher im Schatten des 970 Meter hohen Mollejus liegt.

Nach dem kleinen anvisierten Tal stehen wir in der Steinwüste des Niárgaluoppal. An dem kleinen See sind am Ostende noch ein paar Sami Hütten zu sehen und die grossen Rentierzäune treffen hier zu Gehegen zusammen. Dies scheint der letzte Sami Posten vor dem leeren Nábár zu sein.

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Niárgaluoppal

 

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Niárgaluoppal Sami Hütten

 

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Sivravatnet Seen

Stundenlang stolpern wir über die Geröllfelder des Niárgaluoppal. Doch die Pause hat gut getan und die Energie ist wieder zurückgekommen. Zum Glück ist es hier trocken, denn über die total mit Flechten überzogenen Steine, wäre es bei Nässe wohl halb so lustig zu laufen. Es ist späterer Nachmittag als wir an den Westhang des Mollejus kommen. Die Aussicht ist einfach nur gewaltig und atemberaubend schön. Ein weiterer recht neuer Rentierzaun ist zu überqueren, als wir auf der anderen Seite endlich den Mollejusgobejávri See sehen. In leuchtendem Hellblau liegt der See vor uns und wartet wohl nur auf unser Nachtlager.

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Mollejusgobejávri

 

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„Nachtlager“ am Mollejusgobejávri

Wir sind nun schon über zehn Stunden unterwegs und die Uhr zeigt 19:00 an, als wir uns einen wunderschönen Platz am See auswählen. Ein kurzes und erfrischendes Bad, Nachtessen und vor dem Zelt abhängen und den Tag Revue passieren lassen. Mehr liegt heute nicht mehr drin, der Tag war lange und anstrengend. Doch dass ich es bis zum Mollejus geschafft habe, freut mich riesig. Ich bin perfekt im Plan und alles läuft wie am Schnürrchen.

Ich liege schon im Schlafsack, als mich zum erneuten Male eine grosse Dankbarkeit, Zufriedenheit und Demut überwältigt. Es ist einfach ein unglaubliches Abenteuer dass ich da gerade erlebe, schon nur der Gedanke daran, wo ich mich gerade befinde, lässt mich erzittern !!

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Sommertraum im Nábár

 

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Nachbarn die stören ?  Gibt`s nicht !

Der Morgen übertrifft wieder mal alle Erwartungen. Schon um 5:00 weckt mich die Wärme der Sonne im Zelt. Während dem Frühstück zeige ich Christoph meinen Tagesplan. Das Ziel ist die Landbrücke zwischen den beiden Spaltenseen Gálggojávri und Suoikkátjávri zu treffen. Dies ist wichtig, um nicht einen viele Kilometer langen Umweg um den grossen Suoikkátjávri zu riskieren. Einer der grossen Nachteile bei der Navigation im Nábár, sind die zum Teil sehr langen Spaltenseen, welche exakt in Laufrichtung Nord liegen. Diese liegen praktisch alle erst noch etwas tiefer in der Landschaft und sind so oftmals kaum zu erkennen. Es ist sehr dienlich, immer wieder auf einen kleinen Hügel zu steigen um die Seen rechtzeitig zu erkennen. So hatten wir gestern den Vorteil, den Gálggojávri vom Mollejus Hügel zu sehen und die Richtung am Kompass abzulesen. Christoph zeigt sich sehr interessiert an der Kompass Navigation und so erkläre ich ihm die Grundbegriffe der Navigation. Ich überlasse ihm nach ein paar Übungen nun die fortschreitende Navigation durch das Nábár. Zu meiner Sicherheit hatte ich in Kilpisjärvi einige Landkacheln der Google Maps Karten vom Nábár als Offline Karten auf mein Handy abgespeichert.

Tip !  Offline Karten von Google Maps abspeichern

Mit Hilfe des GPS des Smartphones konnte ich nun die Laufrichtung perfekt kontrollieren. Vom Mollejusgobejávri halten wir nordwärts in das Rávdogohpi Becken. Dort führen viele Bachläufe zusammen, die allerdings praktisch alle ausgetrocknet sind. Der Weg durch das Becken ist sehr anstrengend, da es immer wieder über Steinhügel rauf und runter geht. Es ist eine Gletschermoränenlandschaft welche sich noch kaum verfestigt hat. Erstaunlich, denn hier waren schon viele tausend Jahre keine Gletscher mehr, aber die Erosion scheint sich hier im Zeitlupenmodus zu entwickeln.

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Kurze Grasabschnitte im Rávdogohpi Becken

Schon nach zwei Stunden erblicken wir den Gálggojávri See. Christoph hat das navigieren mittlerweile bestens im Griff und führt uns genau auf die Landbrücke hin.

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Rechterhand die Landbrücke am Suoikkátjávri

Am Suoikkátjávri setzen wir uns für eine kleine Pause hin, als plötzlich mein Handy in der Beintasche zu vibrieren anfängt. Hääähhh ??? Ich hatte das Ding vor kurzem noch für ein Foto angemacht und vergessen abzustellen und nun ?? Ich nehme es sehr erstaunt hervor und traue meinen Augen nicht. Ich habe hier den bestmöglichsten Empfang und das mitten im Niemansland. Auch Christoph schaut ungläubig auf sein Handy, wie kann das sein ? Ein etwas genauerer Blick auf die Karte gibt uns aber dann doch eine Antwort. Wir sind zwar mittlerweile c.a. sechzig Kilometer Luftlinie von Alta entfernt, doch von dort kann das Signal nicht kommen. Wir sitzen doch tatsächlich an einem Stausee ! Der Suoikkátjávri ist in der Tat ein Stausee ! Rund fünfzehn Kilometer entfernt liegt die kleine Staumauer, die auf der Karte kaum zu erkennen ist und ein Weg führt von dort an die Küste runter. Es muss also irgendwo bei der Staumauer eine Antenne haben. Unglaublich ! Ich habe das total übersehen bei der Planung. Dies würde nun bedeuten, dass dies ein optimaler „Fluchtweg“ aus dem Nábár wäre ! Nach einem Telefonat nach Hause zu einer extrem überraschten Partnerin (sie hatte damit gerechnet mehrere Tage nichts von mir zu hören), gehen wir weiter. Wir laufen nun weiter zu meinem nächsten Navigationspunkt, dem Heisojávri See. Vorbei am Gálggoaivi, kommt der See schon bald in Sicht.

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An den Hängen des Gálggoaivi

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Die Weite des Jalges Nábár

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Heisojávri

Nach einer langen Pause am Heisojávri halten wir nun wieder Nordwärts zum nächsten Spaltensee, dem Baðajávri. Dieser See ist nun kaum zu erkennen und wir laufen komplett nach Kompass ( das Ganze ist hier sicher sehr spannend bei stockdickem Nebel ).

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Baðajávri

Eigentlich sind wir kaum eine Stunde unterwegs seit der Pause und es ist erst knapp 17:00. Doch als wir am Südende des Baðajávri See ankommen, erblicken wir die wohl sensationellsten Camp Plätze überhaupt in diesem Gebiet. Danach folgt für rund zwei bis drei Stunden ein Sumpfgebiet in dem campieren wohl nicht möglich sein wird, also lassen wir uns hier nieder und geniessen einen Wahnsinnsabend am Baðdjávri.

Östlich von uns erstreckt sich nun ein grösseres Sumpfgebiet, dass wir entlang des Baðajávris nordwärts umgehen wollen. Doch am nächsten Tag zeigt sich nun der Vorteil der Trockenheit. Das Sumpfgebiet ist trocken wie ein Löschpapier und von Mücken ist kaum etwas zu sehen und fühlen !

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Entlang des Baðajávri See

Das Gelände ist nun sehr abgeflacht und wir kommen perfekt vorwärts. Zeit um Christoph etwas zu testen. Ich weise ihm eine Landbrücke zwischen zwei Seen als Navigationspunkt zu, welche kaum ein paar Meter breit ist und sich etwas mehr als sechs Kilometer entfernt befindet. Dies ist nun schon einiges schwieriger zu navigieren, denn die beiden kleinen Seen sind nicht zu sehen.

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Lyngen Alpen am Horizont

Während im Westen schon die ersten Ausläufer der schneebedeckten Lyngen Alpen in Sichtweite kommen, navigiert Christoph perfekt auf die Landbrücke zu.

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Erfolgreich navigierte Landbrücke am Guhkes Hoalloluoppal

Als wir auf der Landbrücke eine Pause einlegen, erkenne ich tatsächlich schon wieder eine Empfangsmöglichkeit auf dem Handy. So langsam glaub ich das Nábár will uns etwas hinters Licht führen, von wegen einsam und verlassen ! Dies könnten nun aber schon langsam die Antennen von Alta sein. Ein weiters untrügerisches Anzeichen auf die Nähe der Stadt, sind die zwei Passagierflugzeuge, welche relativ tief im Landeanflug auf Alta sind und über uns hinweg fliegen.

Unser Ziel heisst heute Sandåsvannet oder in Samisprache, Stuora Cuorvunjávri. Dieser kleine runde See hat eine sehr grosse Bedeutung für mich, denn von dort führt ein Track nordwärts bis zur Strasse nach Alta. Dieser Track ist in der Karte eingezeichnet und schon lange in meinem Blickfeld.

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Seen des Hoallovárri

Vorbei an den dutzenden Seen des Hoallovárri, erblicken wir schon bald die ersten Rentierzäune.

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Rentierzaun im Hoallovárri

 

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Namensloser See auf dem Cáhcesuohpa

 

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Gänse Défilé

 

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Kleiner und grosser Cuorvunjávri See

Exakt auf Kurs erblicken wir von einem Hügel die Cuorvunjávri Seen !

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Geschafft !!

 

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Das erste  Nábár Rentier seit Reisadalen

 

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Cuorvunjávri

 

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Ein erfrischendes Bad, bei mittlerweile 25 °C !!

Kurz bevor ich den See erblicke, merke ich ein leichtes Ziehen im rechten Oberschenkel. Es war wohl doch etwas anstrengend in den letzten Tagen seit Kilpisjärvi. Das waren doch immerhin um die hundertvierzig Kilometer in knapp sechs Tagen und zwei Drittel Off Track. Das Tempo war auch enorm hoch. Doch dies lag in der Natur von Christoph seinen fast zwei Metern Körpergrösse. Mit seinen langen Beinen war er natürlich viel schneller als ich und es liegt bei mir im Kopf, dass ich immer das Tempo eines Mitwanderers mitgehe. Eigentlich hatte ich ihm gesagt, dass er unabhängig von mir sein Tempo gehen soll und ich meines, aber eben. Die Abkühlung im See ist einfach nur perfekt ! Doch sie hat auch einen Nachteil, denn die beginnende Muskelverhärtung im Oberschenkel wird durch die starke Abkühlung noch verstärkt. Nachdem wir uns wieder auf den Weg machen, merke ich bei jedem Schritt ein immer stärker werdendes  Stechen im Oberschenkel. Ich teile das Christoph mit und sage ihm, er soll nun sein eigenes Tempo auf dem nun guten Weg gehen. Spätestens in Alta werden wir uns auf dem Camping wieder treffen. Und so bin ich bald schon alleine auf weiter Flur. Christoph geht ab wie eine Rakete, während dem ich immer langsamer werde.

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Track zurück in die Zivilisation

Im Topfebenen Fjelbmáláhku werde ich nun wohl ein Nachtlager aufschlagen. Der Schmerz wird immer heftiger und ich komme kaum noch vorwärts. Ich weiss dass eine Verhärtung nur ein kurzes Problem ist. Eine Nacht Ruhe, einsalben und abkühlen und dann wird das am nächsten Tag wieder weitergehen. Ich halte nach einem Wasserlauf Ausschau, denn mein Vorrat ist schon wieder praktisch zur Neige. Der Wasserverbrauch bei dieser Wärme ist enorm hoch und ich bin es mir nicht mehr gewohnt darauf ein Auge zu werfen. Doch da ist alles trocken ! Eine Möglichkeit besteht, dass ich es bis zum Gironvárri Hügel schaffe, dort könnte es Wasser haben, doch das sind nochmals gut zehn Kilometer.

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Gironvárri am Horizont

Dieser vermaledeite Hügel will einfach nicht näher kommen. Ich beisse auf die Zähne, mache immer wieder Pause, doch es wird immer brutaler, doch da……… sitzt plötzlich Christoph auf einem Hügel neben dem Weg und wartet auf mich. Er war schon weit weg von mir, hat sich nun aber doch entschieden auf mich zu warten und zu schauen ob es geht. Dies gibt mir nochmals einen Motivationsschub und ich kämpfe mich die restlichen Kilometer weiter, bis es endlich etwas bergauf geht am Gironvárri. Doch bergauf geht nun gar nicht mehr, jetzt ist definitiv Schluss.

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Road to nowhere am Gironvárri

 

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„Magic Bus “ ( in Anlehnung an Christopher McCandles / Into the wild )

Da steht er also, der ominöse „Magic Bus“ vom Nábár. Samis haben hier einen ausrangierten Oberteil eines alten VW Buses als Wetterschutz deponiert. Nicht wirklich einladend zum übernachten, aber als Fotosujet erfüllt er seinen Zweck allemal. Vis a vis sehen wir einen kleinen Bach, das könnte doch ein Platz für das Nachtlager sein ?

Ich schleppe mich noch gerade rüber zum Wasserlauf und traue meinen Augen nicht, hier muss das Paradies sein !

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See am Gironvárri

 

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See am Gironvárri

 

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Badewanne am Gironvárri

 

Dieser kleine Sandplatz an diesem wunderschönen kleinen See und die Aussicht…..einfach genial ! Ich geniesse das kühlende Bad im See, esse den Rucksack leer, behandle mein Bein und lege mich tiefenentspannt in meine Penntüte.

Am Morgen ist die Verhärtung weg und ich bin wieder schmerzfrei. Der wunderschöne Tag lädt nun aber auch ein, definitiv ein sehr gemächliches Tempo anzuschlagen. Der Weg nach Øvre Alta ist zwar noch fast 30 Kilometer, doch heute lasse ich mir sehr viel Zeit um nicht nochmal solche Probleme zu bekommen. Mit Christoph mache ich ab, dass wir uns auf dem Camping in Øvre Alta wieder treffen werden, falls er sein Tempo gehen möchte. Doch auch er will es heute mal so richtig gemütlich angehen.

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Blick zurück Fjelbmáláhku

Die Sonne brennt schon wieder in voller Sommerstärke vom Himmel und ich geniesse den kleinen Anstieg auf den Gironvárri. Doch als wir oben ankommen, bleibe ich wie angewurzelt stehen. Mein Blick geht Richtung Nordosten wo ich die Bucht und die ersten Häuser von Alta sehe. Mir schiessen die Tränen in die Augen und ich werde gehörig von meinem Gefühlen durchgerüttelt……… ich habe es geschafft !!!

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Am Horizont ist die Bucht von Alta sichtbar ……. geschafft !

Ein ungeschriebenes Gesetz von Norge på langs besagt, wer die ersten Häuser von Alta sieht, hat die Tour geschafft. Dies aus dem Grund, dass von hier das Nordkap auch über Strassen erreichbar ist. Die Schwierigkeiten sind vorbei und die Verhältnisse spielen eigentlich keine Rolle mehr. Diese Tatsache wird mir jetzt sehr bewusst und ich kann es kaum fassen. Ich schreie in den Himmel und bin überglücklich !

Der Weg ans Nordkap ist zwar immer noch über 250 Kilometer weit, doch zuerst kommen mal noch die rund 25 Kilometer bis nach Alta.

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Blick östlich zum parallel verlaufenden Mattisdalen

Der Track vom Cuornvujávri See bis zur Strasse nach Alta gleicht für uns schon fast wie eine Autobahn. Bei herrlichstem Sommerwetter geht`s gemütlich die rund 700 Höhenmeter kontinuierlich runter an die Strasse. Auf halbem Weg riche ich plötzlich etwas, was ich seit vielen Wochen vermisst habe, Nadelholz !  Wir stehen vor einem Gürtel aus Föhren, Fichten und Arven. Der süssliche Geruch der Nadeln, der Geruch des Harzes welches in der Sonne weich wird, das Knistern der Zapfen wenn sie sich unter der Wärme öffnen…… ein Paradies für einen Holzliebhaber wie mich. Christoph scheint mich wohl für total durchgeknallt zu halten, als ich die erste Föhre innig umarme und die Gerüche tief einatme. Ich liebe Birken in allen Formen und Farben, doch irgendwann ist auch genug davon.

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Eiby

Fast eine Stunde laufen wir so durch den wunderschönen Waldgürtel zur Strasse runter. Immer öfter begegnen wir nun Bikern und Joggern, welche aus dem Gebiet um Alta an diesem schönen Tag unterwegs sind. Immer wieder werden wir erstaunt angesprochen und gefragt, von wo wir den kommen. Die Antwort “ Reisadalen “ wird dann doch des öfteren mit grossen Augen quittiert, dies scheint wirklich nicht ganz üblich zu sein.

Endlich kommen wir nahe Eiby an die Strasse mit der Nummer 93 . Diese Strasse kommt von Kautokeino über Maze und führt nach Alta. Es ist genau die Strasse, über welche die meisten Norge på langs Läufer kommen, wenn sie den riesigen Umweg über Kautokeino machen. Über hundert Kilometer zusätzlich nur Strasse, im Vergleich zu den vier wunderschönen Tagen im Nábár, für mich im Moment kaum fassbar.

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E 93 Kautokeino – Alta

Ich bin nicht ganz unglücklich, dass wir entlang der Strasse viele Alternativwege abseits des Asphalts finden. Wanderwege, Bikewege und auch einige Reiterwege schlängeln sich der E 93 entlang durch das schöne Eibydalen. Die zehn Kilometer nach Alta sind schnell zurückgelegt, wobei wir vier Kilometer vor Alta, nach Øvre Alta abbiegen. Øvre Alta liegt wunderschön an dem Altaelva Fluss und besitzt  drei Campingplätze. Am grössten Camping, dem Alta Strand Camping hatte ich mich schon vor Wochen über die Öffnungszeiten erkundigt. Dieser Platz hat das ganze Jahr offen und besitzt auch einen kleinen Laden, was nach den langen Tagen unterwegs nicht ganz unwichtig ist, den die Rucksäcke werden ziemlich leer sein. Ich spendiere uns beiden gleich ein kleines Häuschen auf dem Platz, dies hat den Vorteil, die ganze Ausrüstung mal wieder auszubreiten, zu lüften und ein Bett unter dem Hintern kann auch ganz erholsam sein.

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Alta Strand Camping

An der Reception kaufen wir uns je eine Familienpackung Chips und je eine 1 1/2 Liter Cola Flasche, setzen uns vor die Hütte an die Sonne und vertilgen gleich die ganze Ration in einem Putz. Der enorme Verlust an Zucker und Salz führt immer wieder zu richtigen „Fressorgien“ und hat mit Normalität überhaupt nichts mehr zu tun. Ich staune selber immer wieder Bauklötze was da im Körper so passiert, obwohl man eigentlich “ nur “ etwas am laufen ist.

Ernährung

Anfangs 2013 hatte ich bei einem befreundeten Ernährungsspezialisten an einer Sporthochschule aus Neugier abklären lassen, wie das mit dem ungefähren Verbrauch auf der Tour aussieht. Ich erschrak doch ziemlich, als dieser von 4000 – 5000 Kalorien täglich sprach, bei einer Laufleistung von rund dreissig Kilometer an einem zwölf Stunden – Tag. Diese Menge ist schlicht nicht aufzunehmen, denn man hat natürlich nur eine beschränkte Ladekapazität am Rücken und vierzig Kilogramm durch die Pampa tragen will ja sowieso niemand. Also muss es eine gut durchdachte Möglichkeit geben, dem Körper soviel Kalorien und Fett zuzuführen ohne dabei träge und ineffizient zu werden. Die Werbebranche überhäuft uns mittlerweile mit tausenden  Produkten zu diesem Thema, doch sinnvoll sind nur die wenigsten, denn jeder reagiert anders darauf. Böse gesagt, war für mich der Schlüssel der Lösung, genau jene Sachen im Übermass zu konsumieren, bei welchen ich zuhause rationiert vorgehe. Gerade beim Zucker war ein enormer Konsum notwendig um meine Energie einigermassen im Lot zu halten. Doch bis Alta waren trotzdem auch schon wieder neun Kilogramm weg und dies wirkte sich zum Teil vehement aus. „Fressattacken“ waren mitunter das einzige Mittel um wieder in Fahrt zu kommen. Diese hatte ich allerdings konsequent auf die immens wertvollen Ruhetage gesetzt, um nicht gleich wieder alles zu verbrennen. Ruhetage waren mitunter der Schlüssel zum Erfolg meiner Tour. Nicht nur die Erholung vom Laufen war enorm wichtig, sondern auch die Nahrungsaufnahme im Ruhezustand zeigt Wunder. Doch alles in allem, bleibt doch ein relativ erschreckendes Bild was die Nahrungsaufnahme angeht. Zum Morgenessen schon eine Tafel Schokolade, mit heisser Schokolade und vier Scheiben Knäckebrot mit ein Zentimeter dick bestrichenem Nutella ist definitiv nicht jedermanns / frau Sache !! Grundsächlich ist es aber sehr wichtig auf solch einer Tour, jede sich nur bietende Möglichkeit zu packen, Essen zu organisieren und einzukaufen. Der Rucksackinhalt sollte konsequent als Reserve angesehen werden. Auch Frischeprodukte sind enorm wichtig. Der Apfel oder Salat bringt zwar kein Fett- oder Energieschub, aber Vitamine und Nährstoffe, welche in rauhen Mengen verloren gehen. Wer es nicht dringend braucht, soll aber vor irgendwelchen Ersatzstoffen die Finger lassen und das mitgeschleppte Gewicht besser durch etwas nahrhaftes ersetzen. Drei oder vier Monate sind nicht eine Ewigkeit und wenn der Körper bis zur Tour hin richtig und gesund ernährt wurde, wird er die „kleine“ Absenz gut wegstecken können.

Nach dem ersten Stillen unserer Gelüste kommt die Frage auf…… was gibt es zum Nachtessen ? Und ein grosses Bier zur Feier des Tages musste natürlich auch auf den Tisch.

Doch die Nachfrage an der Reception lief ins Leere. Den beiden jungen Kroaten, welche den Laden führten, war es sehr unangenehm, uns weder Fleisch noch Bier verkaufen zu können ( Lizenz ) . Die einzige Möglichkeit ist ein Supermarkt am Rande von Alta, vier Kilometer entfernt !! Puhh…….. vier hin, vier Kilometer zurück nach diesen Tagen, ist doch fast eine halbe Weltreise und ich bin einfach nur platt und habe keine Lust sowas noch abzureissen. Doch Christoph fackelt nicht lange und bietet sich an einkaufen zu gehen, die Lust auf ein fürstliches Nachtessen ist definitiv grösser als das Leiden beim laufen und vielleicht klappt es ja mit Autostop. Ich biete dafür die komplette Kleiderwäsche an und will mich etwas häuslich revanchieren. Unglaubliche eineinhalb Stunden später steht Christoph mit einem prall gefüllten Rucksack wieder auf dem Platz (die acht Kilometer musste er allesamt laufen….. CHRISTOPH, DAS WERDE ICH DIR NIE VERGESSEN !!! ). Die Wäsche war auch fertig, somit konnte es ans kochen gehen………….

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Eineinhalb Kilo Entrecôte, eine riesige Gemüsepfanne und zwei Sixpacks Isbjørn Bier später, ist die Welt absolut in Ordnung ! Die Leute auf dem Camping bringen die Mäuler nicht mehr zu und staunen nur noch was da abgeht.

Während des Abendessens ( -fressens ) besprechen wir das weiter Vorgehen. Christoph will am nächsten Tag gleich weitergehen, für mich ist allerdings ein Ruhetag angesagt. Die nächste Etappe bedeutet rund fünfundachtzig Kilometer der Hauptstrasse E6 entlang, über das Sennalandet nach Skaidi hoch. Christoph auf der Strasse zu folgen, ist für mich nicht möglich, obwohl ich ein relativ schneller Läufer bin, bin ich ihm absolut unterlegen. Doch unser Plan ist, gemeinsam am Nordkap einzulaufen. Wir einigen uns darauf, uns unterwegs dann irgendwo wieder zu treffen, wenn er dann vielleicht mal ein oder zwei Tage ruht. Und so verabschieden wir uns, nach einem Frühstück der Sonderklasse und dem Wissen, uns in den nächsten Tagen wieder zu treffen.

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Christoph wieder sprichwörtlich „on the road“

Demnächst…………… 12. und letzter Teil : Nordkap !

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