Pilgerleben in Norwegens Mitte


In Rørvik kann ich aber trotzdem noch meine Wäsche machen und Hilde verwöhnt mich mit einer riesigen Portion Rentierlapskaus nach Limingen Art und als Dessert, eine frisch gemachte Moltebeercreme mit Marzipanstangen. Danach ist aber dringend Bettruhe angesagt…ich kann mich mit dem vollen Bauch kaum mehr bewegen!

Tag 56 / Røyrvik (Grøndalselv)-Harran

Der nächste Tag beginnt früh. Der Wecker geht um 4.45, da mein Bus um 6.00 abfährt. Ich packe meine Sachen und Hilde dachte wieder an alles. Ein grosses Sandwich liegt bereit und die Kaffeemaschine ist schon aufgewärmt. Einem Earlybird Frühstück liegt nichts im Weg.

Punkt 6.00 stehe ich an der Bushaltestelle bereit als der Chauffeur mit seinem kleinen Bus vorfährt. Rasch steige ich ein und los geht’s. Ich fühle mich nicht gut, denn ich bin doch hier um durch das Land zu laufen. Doch ich weiss, diese Strecke würde mir gesundheitlich den Garaus machen, darum versuche ich die Fahrt trotzdem zu geniessen. Es ist genau diese Art von Strasse die ich 2013 hunderte Kilometer gesehen und gelaufen bin. Schmal, unübersichtlich und ein ewiges auf und ab. Ein Rhythmus der mich mürbe macht, der langweilig und nichtssagend ist. Ich bin froh, kann ich das so hinter mir lassen!

Als ich in Grøndalselva ankomme, steige ich aus und befinde mich auf einem mehrspurigen Bus Parkplatz im Nirgendwo. Es ist ein Verkehrsknotenpunkt an der neuen E6 Hauptstrasse, an welchem nur umgestiegen wird. Der Chauffeur schaut mich fragend an als ich verneine, dass ich hier auf den nächsten Bus umsteigen möchte. Von hier läuft wohl kaum je jemand weg!

Ich sattle meinen Rucksack auf die Schultern und gehe von dannen. Neben mir ist ein riesiger Haufen alter Asphalt der alten E6, der hier vor Ort geschreddert wird. Als ich 200 Meter gelaufen bin bleibt mir das Herz fast stehen… Wo sind meine Stöcke? Ich drehe mich schlagartig um und sehe noch wie mein Bus langsam wegfährt und auf die E6 einbiegt. Ich renne, ich schreie und fuchtle mit meinen Armen, doch der Chauffeur sieht mich nicht. Meine Stöcke sind nun unterwegs nach Namsskogan.

Ohhh Maaannn!!! Ich bin fuchsteufelswild und schreie vor Wut, lauter als die Schredermaschine neben mir Krach macht. Was bin ich doch für eine Schnarchtüte, ein Riesenross…wie dumm bin ich denn? Ich kriege mich kaum mehr ein, denn seit Beginn der Tour habe ich mir eine frühmorgendliche Checkliste im Kopf bereitgelegt, damit ich die wichtigsten Dinge zusammenkriege und nichts vergesse. Die Stöcke gehören dazu. Nie habe ich jemals etwas gesondert transportiert. Auch die Stöcke waren immer am Rucksack befestigt, denn diesen zu vergessen, das traue ich mir selber nicht mal zu! Und heute habe ich die Stöcke mal nicht am Rucksack befestigt, mit der Konsequenz: weg sind sie!

Vor lauter Frust verschlinge ich die halbe Tüte süsssaure Gummidrops. Und die Tüte war ziemlich voll! Selbst die Tatsache dass ich fünf Kilometer auf der alten E6 ohne Asphalt laufen kann, lässt meinen Blutdruck nicht sinken.

Die alte, belagslose E6

Aber hadern bringt nichts, also muss ich vorausschauen. Gut, die Stöcke sind nicht das wichtigste und die nächsten Tage bräuchte ich sie auch nicht. In zwei Tagen bin ich in Grong, da hat es einen Intersport Laden der sicher Stöcke hat. Mein Zelt könnte ich im Moment nur als wasserdichte Bettdecke nutzen, da meine Stöcke auch die Zeltstangen sind. Zeltnächte sind auch nicht geplant. Aber es wurmt mich doch, denn dies sind die besten Stöcke die ich je hatte. Der Leki Micro Vario Stick hat mich auch auf dieser Tour schon ein paar Mal vor Bauchlandungen bewahrt. Sie haben mein Zelt im Gewittersturm stabil gehalten und meine Gelenke geschont…Mann!!!

Doch der Tag geht weiter und es wird sich schon eine Lösung finden.

Neu und alt nebeneinander.

Das kurze Teil alte E6 ist schnell zurückgelegt, danach geht es an die Westseite des Namsental. Wieder erwarten kann ich hier über unterschiedliche Wege laufen. Zum einen Forststrassen, mehrere Kilometer der Eisenbahnlinie entlang. Immer im Wald oder durch Moorgebiete. Ich geniesse es gerade aus vollen Zügen und bin positiv überrascht.

Die Umgebung beruhigt mich und langsam fängt mein Gehirn wieder an rational zu denken. Ich rufe die Support Hotline des Busunternehmens ATB an, doch da quasselt mich bloss eine KI generierte Computerstimme zu. Dann kommt mir die Idee mit Hilde in Røyrvik. Das Dorf ist klein und vielleicht kennt sie ja den Chauffeur?
„Aber ja doch, seine Frau arbeitet vis a vis an der Tankstelle, ich gehe schnell zu ihr“ sagt mir Hilde und will mich zurückrufen wenn alles organisiert ist.

Ich war heute morgen der einzige Fahrgast im ersten und einzigen täglichen Kurs des Schulbusses. Die Fahrt war nur möglich, da heute der erste Schultag ist und während der Ferienzeit ist der Busbetrieb eingestellt. Doch scheinbar hat es im Moment keine schulpflichtigen Kinder in dieser Ecke des Landes und so genoss ich die Privatfahrt.

Mir ist nämlich die Idee gekommen, dass der Buschauffeur morgen meine Stöcke wieder nach Grøndalselv mitnehmen kann, sie dort dem Buschauffeur der nach Grong fährt übergibt und ich am Morgen in Harran, was am Weg nach Grong liegt, diese in Empfang nehmen könnte. Etwa drei Stunden später ruft mich Hilde an und sagt mir, dass alles organisiert sei und die Stöcke morgen kommen.

Es ist wieder mal unglaublich was Hilde da abliefert. Die Bude rappelvoll mit Gästen, alleine im Service und organisiert noch alles ringsum. Sie ist echt ein Engel und was ich nicht schon alles von anderen Wandern gehört habe, was sie für sie Gutes gemacht hat. Einfach grossartig liebe Hilde, du bist meine Heldin!

Mittlerweile bin ich im Harran Gjestegård angekommen. Ein ehemaliges grosses Altersheim das ein Privatier gekauft hat und nun selber renoviert. Eine riesige Küche, Aufenthaltsräume, grosse Zimmer, alles zur freien Benützung. Der Eigner hätte sogar noch meine Wäsche gewaschen, doch das habe ich ja schon erledigt.

Die Planung auf dieser Seite des Landes braucht gerade wieder viel Umstellung. Hier ist viel Infrastruktur vorhanden. Es hat Restaurants, Läden, Hotels, daher muss man kaum etwas mitnehmen für unterwegs. Zum Glück kann mir Katharina da viele Infos weitergeben, das hilft sehr viel!

Dir ganze Nacht giesst es wie aus Kübeln und der Wind rüttelt gehörig an den Fensterläden. Ich wälze mich genüsslich im Bett und geniesse die Wärme.
Doch jetzt muss ich aufstehen und zur Bushaltestelle.

Tag 57 / Harran-Grong

Als der Bus heranrollt, sehe ich schon das fragende Gesicht des Chauffeurs. Er hält und streckt mir meine geliebten Stöcke entgegen. Puhh…ich könnte heulen vor Glück und das „nur“ wegen Trekking Stöcke.

Happy me💯🍀

So, meine Welt ist wieder in Ordnung und ich bin echt froh wieder „bestockt“ zu sein.

Der Regen hört um 9.00 wie angekündigt auf und so ziehe ich weiter Richtung Grong. Ein kleines Stück E6 am Anfang bereitet mir aber noch Sorgen. Der Verkehr ist haarsträubend und es ist nur möglich im Strassengraben zu laufen.

Doch es macht Sinn gerade in solchen Momenten mehrere Kartenvarianten in Betracht zu ziehen. Denn plötzlich tut sich unerwartet eine Tür auf. Während Hvor, Goggle Maps und Gaia GPS keinerlei Alternativen anzeigen, ist auf ut.no eine kleine feine rote Linie eines Weges entlang des Flusses eingezeichnet.

Zwar ein 4 Kilometer langer Umweg, dafür umso schöner!

Entlang des grossen Flusses Namsen, der äusserst fischreich ist, komme ich meinem ersten Tagesetappenziel näher. Denn heute beginnt mein Pilgerleben auf NPL😇

Gløshaugen Pilgerkirche

Schon von weitem sehe ich die kleine Holzkirche Gløshaugen am Hang stehen. Obwohl nicht direkt an meinem Weg, mache ich einen kurzen Abstecher zum Beginn des Nordleden Pilgerweges.

Namsen
🐑🐑🐑🐑
Dies ist übrigens kein Kalauer. Hier gibt es behindertengerechte Lifte für Rollstühle ans Wasser zum fischen!👍

Ich habe nun definitiv nichts am Hut mit dem christlichen Pilgern. Und doch ist es nicht unbedingt weithergeholt mit der Fernwanderei. Pilgern wir nicht alle auch irgendwie? Sind wir nicht auch auf der Suche nach Antworten? Wollen wir nicht auch Zeit für uns rausnehmen? Bei den wenigsten hat es wohl mit dem Glauben zu tun, so wie bei mir auch, aber der Grundgedanke hat irgendwie doch eine Ähnlichkeit.

Ich werde mich aber nicht strikt an den Pilgerrouten festhalten. Diese sind dann doch ab und zu etwas zu wirr im Gelände verteilt, als dass sie nützlich für NPLer sind. Doch zeigen sie mir auch Gegenden, an welchen ich kaum vorbeigekommen wäre aus eigener Planung.

Der Nordleden Pilgerstart

Leider ist die kleine Kirche mit Baujahr 1685 verschlossen. Erste nachweisliche Kirchenbauten stammen aus dem Jahr 1155!

Dafür geniesse ich die Aussicht nach Grong runter.

Und dann pilgere ich mal los, oder wie meinte Obercouchpotato Kerkeling: Ich bin dann mal weg!

Auch die Rentiere sehen nach dem Seitenwechsel anders aus

Es sind romantische und gemütliche Waldwege, vorbei an riesigen Elchfjells. Drei Stück waren aus der Ferne zu erkennen. Es kommt so richtig Lauffreude auf nach all der Planung und Ungewissheit. Natürlich fehlt etwas das Fjellfeeling. Doch das hatte ich jetzt schon mehrere Wochen und werde es zum Schluss wieder längere Zeit haben. So kann Abwechslung nicht schaden.

Die alte E6 wird wieder von der Natur zurückgeholt

Immer wieder treffe ich auf Überreste der alten E6. Es ist kaum mehr vorstellbar dass ich hier schon durchgefahren bin und notabene 2013 auch nordwärts gelaufen bin. Meine Erinnerung an diesen Strassenpart 2013 ist wie ausgelöscht, verdrängt und verblasst.

Dann geht es vor Grong nochmals steil hoch. Ich folge den etwas abgewetterten Pilgersymbolen und bemerke nicht, dass ich wohl einen alten Weg erwischt habe. Gaia GPS zeigt mir zwar an dass ich richtig bin, doch wo ist da bitte ein Weg?

Pilgerherberge?😉
Tyttebær/Preiselbeeren in voller Pracht
Die Plakette hängt noch am Baum
Weg?
Hmm….

Es wird ein ziemlich heftiger Kampf mit brusthohem Grünzeugs. Ein kaum erkennbarer, sehr rutschiger Pfad geht in einem Graben runter. Also für Leute die das Gelände nicht etwas lesen können und trittsicher sind, ist das definitiv nichts! Wahrscheinlich bin ich hier auf einen alten, nicht mehr genutzten Pfad gekommen.

Doch alles hat ein Ende und ich bin froh, aus diesem Urwald rauszukommen.

Überall Rentiere…oder eher Stehtiere!

Der Weg runter nach Grong ist Formsache und schnell erledigt. Naja, dann war das jetzt noch etwas Action auf dem eher besinnlichen Pilgertag!

Das blaue „Tor“ nach Grong

Als ich in das Dorf einbiege, erblicke ich eine Strassentafel und bleibe gerade etwas konsterniert stehen…

Narvik 700 Km

Narvik ist mittlerweile 700 Km entfernt und ich habe das Gefühl, gerade eben noch dort gewesen zu sein…Wahnsinn!

Auf meiner GPS Uhr, die im zwei Minuten Rhythmus aufzeichnet, stehen mittlerweile 1320 Km. Kaum zu glauben! Distanzen die ich so gar nicht wahrnehme und doch sind sie Realität.

Nach 10 Tagen ohne Pause ist jetzt hier in Grong mal eine angesagt und zwar im gemütlichen Dorfhotel.

Hotel Grong

Tag 58 / Grong Ruhetag

Es hat sich ein ein guter Laufrhythmus entwickelt und eigentlich wären mehr Kilometer möglich. Ich weiss aber, dass ich bei meinem hohen Tempo auch mehr Belastung auf meinen Gehapparat ausübe und längere Distanzen wohl Probleme geben könnten. Ich probiere zwar andauernd das Tempo runterzudrücken, aber es ist mein Takt wenn ich alleine unterwegs bin. Daher ist gegen das anzukämpfen kaum sinnvoll. Ich nehm‘ s wie es ist!

Mittlerweile habe ich mir eine ungefähre Route bis nach Oppdal ausgesucht. Eine breite Mischung aus Nebenstrassen, Forststrassen und Wanderwegen. Mein Gepäck bleibt leicht da es genug Einkaufsmöglichkeiten unterwegs gibt. Auch Übernachtungen sind problemlos möglich, sei es in Herbergen, Hotels oder auf Campingplätzen. Das wird allerdings mein Budget arg strapazieren und mein unbezahlter Monat steht noch vor mir, aber irgendwie wird das schon hinhauen. Natürlich spüre ich auch, wie effektiv durch solche Stopps die Erholung ist und ich kann durch das auch sehr viel profitieren.

Der Herbst kündigt sich schon langsam an und die Dämmerung beginnt sich zu trennen zwischen Morgen- und Abenddämmerung, die Nacht kommt nun dazwischen.

Ruhetage soll man geniessen und für die Regeneration brauchen, also….stillhalten! Wenn man aber wochenlang unterwegs ist und der Rhythmus auf Tourmodus schlägt, dann ist das oft schwer einzuhalten. Man fühlt den Drang weiterzugehen, voranzukommen und den Stillstand zu  vermeiden. Disziplin heisst das Wort. Aber hier in Grong zieh ich das jetzt auch durch, denn ich weiss ja, dass es mir gut tut.

Ich spüre aber auch langsam den urbaneren Charakter der Landschaft. Während das nördliche und südliche Trøndelag an seiner Ostseite nur ganz spärlich bewohnt ist und mehrheitlich aus sumpfiger und karger Landschaft besteht, ist die Mitte bewohnter und hat viel Landwirtschaft. Ganz im Westen überwiegt wieder die Kargheit der Küste.

Tag 59 / Grong-Snåsa

Gut erholt starte ich in die nächste Etappe und pendle mich wieder auf dem Nordleden Pilgerweg ein. Wieder erwarten treffe ich hier auf viele Kieswege durch dichte Wälder, durchzogen mit Weitblick auf landwirtschaftlich genutzte Flächen. Es ist durchwegs ein sehr angenehmes Laufen in einer schönen Landschaft, ohne grössere Highlights.

Und doch gibt es immer wieder diese kleinen Details, die man im grossen Ganzen oft gar nicht erwartet. Eine spannende Abwechslung zum Fjellwandern.

Einfach diese komischen Rentiere hier….

Dann gibt es wieder diese Passagen, in denen Kilometer abgewandert werden, damit es vorwärts geht.

Ab und zu hilft dann auch mal eine Langlaufloipe aus…

Der Pilgerweg ist nur noch sehr spärlich markiert. Die Pflöcke mit dem Pilgerwegzeichen sind wohl schon 20- 30 Jahre alt. Oftmals führt der Weg über die Ruinen der alten E6 hinweg. Die alte Strasse hat man nicht ganz urbarisiert, sondern um ein Drittel verengt und einfach stehen lassen. Für was auch immer!

Kaum vorstellbar, dass hier mal Autos durchfuhren. Alte E6

Dass dem Nordleden nicht mehr so viel nachgefragt wird, sieht man am besten ein paar Kilometer vor Snåsa. Da gibt es schlicht gar keinen Weg, man hat ihn einfach auf der Karte zur neuen E6 hinzugeführt, oder er verlief unter der neuen Strasse und man hat die Karte nicht angepasst.

Pilgerweg E6!

Definitiv ziemlich unverständlich, da laut norwegischem Strassenverkehrsgesetz eigentlich das begehen der ausgewiesenen E-Strassen untersagt ist! Und es ist auch nicht viel Spass dabei, wenn zum Teil 60 Tönner mit 80 Kmh. im ein oder zwei Meter Abstand an einem vorbeidonnern. Zum Glück geht das nur für sechs Kilometer so und danach kann ich wieder auf eine Kiess Strasse abzweigen.

Snåsa

Nach rund 30 Km erreiche ich Snåsa. D.h. noch nicht ganz, denn das einzige Hotel liegt etwas ausserhalb des Ortes. Ein riesen Kasten und man fragt sich schon gerade etwas…wer soll da alles übernachten? Riesige Säle, eine Hotelbar, dutzende Zimmer und eine Lobby in welcher vor allem zwei Sachen auffallen, nämlich er oder sie…

Snåsa Braunbär

Das Snåsafjell im Skjæckerfjela ist bekannt für seine Braunbären. Es hat einige hier zwischen Gressamoen, Gaundalen und Snåsa. Ab und zu gelangt halt einer etwas zu Nahe an die Zivilisation und dann ist sein Ende besiegelt.

Das andere was sofort ins Auge sticht ist er hier..der Snåsamannen.

Joralf Gierstad

Joralf Gierstad war ein selbsternannter Hellseher und Wunderheiler. Bekannt für seine immer sehr warmen Hände die angeblich sehr viele Kranke heilten, wurde er schon fast als Heiliger gepriesen.

Lobby Hotel Snåsa

Fotos von Joralf Gierstad mit dem Papst, dem König und der Königin, diversen Präsidenten Norwegens, zeigen den Kultstatus dieses Menschen.

Doch nicht genug, Gierstad wurde schlussendlich noch zum Nationalhelden, als er unweit seines Hauses in Snåsa, den legendären Stein des 17. Mai im Wald völlig überwuchert fand. Der Stein der vom Priestersohn und Autoren Ole Rynning erschaffen und am Lysthusberget 1835 aufgestellt wurde, galt in seiner Zeit als norwegische Revolution. Rynning wollte mit dem 17.Mai (heutiger norwegischer Nationalfeiertag), ein Tag, ein Zeichen setzen für Völkerverbundenheit unter den Norwegern mit den Schweden zusammen. Etwas was die Konservativen strikte ablehnten und ihrerseits den 4.November, der Tag der Trennung beider Reiche, als Nationalfeiertag feierten und manifestierten. Der Stein wurde weggenommen und im Wald versteckt, bis….Joralf Gierstad ihn fand und er ihn als ältestes Manifest für Norwegens Unabhängigkeit, wieder an seinen Platz am Lysthusberget zurückbrachte.

Und so kann ich plötzlich auch noch etwas Geschichte Norwegens lernen auf meiner Tour.
So hat Snåsa, als unscheinbares Dorf, seinen Platz in der Geschichte Norwegens gefunden.

Hotel Snåsa

Tag 60 / Snåsa-Strindmo

Ab Snåsa verlasse ich den Pilgerweg und nehme die Direttissima nach Steinkjer. Mein heutiges Ziel liegt aber „bloss“ 22 Km entfernt. Da mich nun die Strasse 763 bis nach Steinkjer „begleitet“, unterteile ich diese Strecke und mache kürzere Etappen. Mal schauen was meine Beine dazu sagen…ich habe ihnen nichts davon erzählt!

Kirche von Snåsa
Bekannte Namen, die aber nun 2024 auf meiner Tour keine Rolle mehr spielen

Landwirtschaft ist vorherrschend in dieser Gegend und bestimmt das Bild insgesamt. Der Hauptverkehr wälzt sich auf der anderen Seeseite des Snåsavatnet durch. Hier ist zum Glück deutlich weniger los und vor allem sind es norwegische PWs und LKWs. Fast ausnahmslos fahren alle einen grossen Bogen um mich herum, setzen sogar den Blinker, was ich immer mit einem Handheben verdanke. Ein Gruss und oftmals ein Lächeln zurück ist die nette Antwort. So verliert die Strasse gerade etwas von ihrer Hässlichkeit. Doch Aufmerksamkeit ist unabdingbar und bitter nötig. Ich weiss seit 2015 was die Konsequenz sein kann!

Wie akkurat ist das denn gestapelt 👍

Landschaftlich hat es immer wieder reizvolle Details und oftmals sieht man nun auch vermehrt schöne Häuser, gepflegte Gärten.

Ich muss gerade etwas über mein neuerliches Wetterglück schmunzeln. Nicht etwa dass die Meteorologen sich gewaltig geirrt hätten wenn man meine Bilder sieht und ich noch vor kurzem von schlechtem Wetter geschrieben habe. Das schlechte Wetter ist schon da…nur nicht über mir!

Links von mir im Blåfjell und Skjækerfjell, ziehen die ganze Zeit die schwärzesten Wolken mit Regengüssen vorbei und rechts von mir im Kvamsfjellet ebenso. So war es auch schon im Namsdal Tage zuvor. Meine Wetterglückssträhne geht unvermindert weiter!

Hütte in Strindmoen

Auf dem kleinen Campingplatz in Strindmoen, übernachte ich in einer kleinen Hütte und kann auch noch gleich meine Kleider waschen.

Tag 61 / Strindmo-Steinkjer

Ich starte früh, denn mein Tag nach Steinkjer wird lang, 38 Km lang und vorallem Strasse.

Schlechte Laune bringt nichts…also lächeln!

Der Verkehr hält sich in Grenzen und die Lenker/innen sind sehr rücksichtsvoll. Was besonders auffällt hier in Norwegen…nur ganz selten sieht man jemanden am Handy rumfummeln. Alle sind sehr konzentriert, was mir ein deutlich besseres Gefühl gibt. Absolut kein Vergleich zur Schweiz!

Während ich so vor mich hin laufe und nachdenke, schiesst es mir plötzlich kalt den Rücken runter. Das falsche Datum in der Hotelbuchung! Wenn man so lange unterwegs ist, verliert man irgendwann die Beziehung zum Kalender oder Uhr. Es spielt da draussen auch keine Rolle. Erst wenn es um Einkaufstage geht, die man tunlichst nicht auf den Sonntag timen will, oder eben….Buchungen. Da wird es wieder wichtig und es braucht wieder mehr Disziplin in die Agenda zu schauen.

Mein Hotel in Steinkjer ist einen Tag zu spät gebucht und heute Abend habe ich noch nichts. Ich Depp! Ich telefoniere ins Hotel um die Buchung vorzuschieben, doch leider ist das über Booking.com gelaufen und somit kann das Hotel nicht viel machen. Das Ganze ist auch noch nicht stornierbar und somit muss ich die Nacht wohl beziehen oder sie dem Hotel schenken! Auf Booking.com ist heute Abend aber auch schon alles ausgebucht…was mach ich jetzt? Der Hotelmanager gibt aber alles und kann noch ein Zimmer für mich freischlagen!

Nun habe ich also zwei Übernachtungen in Steinkjer und je länger ich darüber nachdenke, umso besser wird die Situation. Natürlich, zwischen Steinkjer und Verdal fahren alle halbe Stunde Züge. So kann ich morgen gemütlich nach Verdal laufen, mit dem Zug zurück nach Steinkjer und am folgenden Tag wieder nach Verdal um dort die Tour fortzuführen.

Je länger der Tag dauert, umso schöner wird es. Die Landschaft wird wieder etwas weiter und grosse Kornfelder überwiegen im Bild.

Meine Beine halten den Strassenstress gut durch und so erreiche ich Steinkjer relativ gut am späteren Nachmittag.

Tag 62 / Steinkjer-Verdal

Die Nacht schlafe ich wie ein Murmeltier durch und am Morgen geht’s ausgeruht ans Frühstücksbuffet.

Draussen hängen die Wolken tief und es regnet. Die Prognose ist schauderhaft und bei mir stehen etwas über 30 Km auf dem Plan.
Ich packe meinen Rucksack da….höre ich gleich sofort wieder auf damit, denn warum sollte ich denn meinen Rucksack nach Verdal mitnehmen wenn ich am Abend wieder hier bin? Einen kurzen Moment zweifle ich etwas an meinem Verstand. Da hatte ich doch tatsächlich gerade etwas ein schlechtes Gewissen, so ohne grossen Rucksack auf eine NPL-Tagesetappe zu gehen…köstlich!

Kaum losgelaufen, beginnt es wie aus Kübeln zu schütten. Ich laufe gerade an einem Baumarkt vorbei, da kommt mir eine Idee. Und zwei Minuten später stehe ich wieder draussen, bewaffnet mit einem Knirps, einem kleinen Regenschirm! Soll es doch schütten, mir egal.

NPL Ultrahyperlight😉

Und wie wenn es mich noch etwas positiver stimmen will heute Morgen, stehe ich nach zwei Stunden vor einer wunderschön eingerichteten Gårdsbuttik (Bauernhofladen).

Gårdsbuttik
Unterschreibe ich sofort!

Am Automaten lasse ich mir einen leckeren Cappuccino heraus und nehme mir aus dem Kühler leckeres Schaumgebäck dazu. So könnten Kaffeepausen immer aussehen. Das tut bei diesem „Schiitwetter“ so richtig gut.

Es giesst seit Stunde wie aus vollen Kübeln, das Terrain ist matschig und tief. Doch meine Laune könnte nicht besser sein! Mit Knirps in der Hand, dem leichten Tagesrucksack singe ich vor mich her und geniesse sogar das Geplätscher auf meinem Schirm.

Noch bevor ich von der Strasse wegkomme, spüre ich schon Wasser an meinen Zehenspitzen, was sich schnell ausbreitet. Ein paar sumpfige Wanderwege weiter, sind meine Füsse klitschnass und das bei nicht sonderlich schlimmen Verhältnissen. Nun ist es wohl soweit, die Gore Tex Membranen haben den Geist aufgegeben. Ausgerechnet jetzt wo der Schuhwechsel in zweieinhalb Wochen vor der Türe steht!

Ich bin konsterniert und enttäuscht. Aber mir ist auch klar, dass Schuhe bei all den Verhältnissen wie man sie hier oben antrifft, nicht allzu lange herhalten. Gore Tex ist ein Wundermittel, aber kein Allerheilmittel. Die ständige Belastung mit viel Wasser, das ewige brutale trocknen, bringt auch dieses Material an seine Grenzen. Zuhause kann man die Schuhe langsamer trocknen lassen, sind sie mal ein oder zwei Wochen nicht gebraucht. Hier zieht man sie aus und ein paar Stunden später sollten sie wieder möglichst trocken sein. Da sind auch die besten Materialien gefordert und manchmal überfordert. Doch bei mir von viel Wasser und übermässiger Belastung zu sprechen wäre sprichwörtlich gesagt, Wasser in den See getragen. Es wäre nicht das erste Mal dass ich auf eine defekte Membrane stosse und hier scheint dies definitiv der Fall zu sein. Da die Membrane oft die gleiche in beiden Schuhe ist, spricht dies auch für diesen Fall. Ärgerlich aber halt nicht unmöglich!
Die Schuhe sind komplett mit Wasser vollgesogen und werden so nicht mehr zu trocknen sein. Mein Schuhtyp ist aber in Norwegen nicht erhältlich und ein Markenwechsel kommt für mich nicht in Frage, da jede Marke eine eigenständige Philosophie und Linie hat. Ein falscher Schuh am Fuss kann sich desaströs auswirken. Doch ich bin froh dass La Sportiva gut vertreten ist hier und so werde ich sicher etwas finden.

Aha….Nummer 5+6 heute 🫎
Verdal kommt in Sicht
Verdals Hauptgeschäft: Bau von Ölplattformen

Als ich in Verdal an den Bahnhof komme, fährt gerade ein Zug nach Steinkjer ein. Und schon eine halbe Stunde später, bin ich zurück in meinem Hotelzimmer. Ab unter die heisse Dusche und dann Richtung Intersport.

Ab und zu muss man dann auch noch etwas Glück haben und so steht tatsächlich ein mir Altbekannter im Schuhregal. Ein La Sportiva aus der Trango Familie kommt mir gerade wie gerufen. Den Schuh kenn ich gut und weiss dass er Top Qualitäten hat. Schon beim anprobieren ist klar, den nehme ich. Der Preis ist zwar astronomisch hoch, doch ich habe keine Wahl. Nun werde ich den Schuh mal tragen und je nachdem wie es sich damit verhält, wird mein dritter Aequilibrium als Reserve in der Schweiz bleiben. Falls es nicht so passt, werde ich den Trango als Reserve nach Haukeliseter schicken und Anja wird den Aequilibrium mitbringen.

La Sportiva Trango Trek GTX

So, diese Sorge ist zu 50% mal gelöst, jetzt müssen sie nur noch problemlos funktionieren. Der Test steht gleich an mit zwei Tagesetappen á 35 Km!

Süsssaures Dopping für den Schuhtest

Tag 63 / Verdal-Markabygda

Nach dem Frühstück geht es vis á vis zum Bahnhof und mit dem 8.00 Zug nach Verdal, dieses Mal wieder mit Vollgepäck.

Doch zuvor muss ich meine alten Schuhe entsorgen, etwas dass mir sehr schwer fällt. Beim Anblick des Paares treibt es mir Wasser in die Augen, denn sie waren ein spezielles Paar. Vor etwas über einem Monat hat sie mir Anja persönlich nach Narvik gebracht, nachdem ich eine Woche darauf gewartet habe. Sie haben mich etwas über 1000 Km zuverlässig über Stock und Stein getragen und haben mir die Sicherheit gegeben, die ich bei Schuhen haben möchte. Schuhe sind sehr wichtig für mich und ich schätze solch gute Qualität. Darum tut es mir sehr leid, sie einfach in einen Abfalleimer zu werfen! Den eine Reparatur kommt definitiv nicht mehr in Frage.

Als ich in Verdal vor dem Bahnhof stehe und die Taxis dort sehe, kommen mir sofort die Erinnerungen von 2015 hoch. Hier startete am 25.Juni mein zweiter Teil zu Norge på langs, mit einem Taxi, dass mich an den Ausgangspunkt im Skjækerfjell brachte.

Taxistand am Bahnhof Verdal

Damals noch nichtsahnend, was für eine grossartige Tour vor mir stand, mit einer erfolgreichen Ankunft am 28.August 2015 am Nordkap.

Ich atme tief ein und ein grosser Seufzer weht über den Bahnhofplatz. Jetzt werde ich wieder losziehen von hier, dieses Mal aber südwärts.

Es dauert etwas bis ich aus der Stadt raus bin. Allerdings ist der Pilgerweg hier schon fast übertrieben gut markiert. An jedem Lichtmast, fast an jedem Zaunpfahl prangt ein Schild oder Kleber. Ein Wunder haben die Kühe und Schafe nicht auch noch ein Kleber auf der Stirn. Also verlaufen werde ich mich heute wohl nicht.

Hoffentlich ist Trondheim jetzt nicht alle 5 Km angeschrieben!
Das tönt aber wahnsinnig schwedisch 🇸🇪

Nach dem Stadtrand übernimmt wieder die Landwirtschaft das Bild. Trøndelag, die Kornkammer Norwegens.

Die Bauern haben mittlerweile einen Grossteil des Korns, Weizen, Hirse, Hafers und Gerste eingebracht. Ein untrügliches Zeichen, dass der Herbst vor der Türe steht.

Lazy day…😴
Es fehlt noch etwas Unterlage ⛷️

Der Pilgerweg zieht mehrheitlich über Kiess Strassen durch die Landschaft. Es ist ein entspanntes aber auch schnelles Laufen. Die Schuhe passen wie eine 1 und ich bin megafroh dass ich beim Wechsel soviel Glück hatte.

Ab 20 Km heisst es: Füsse runterkühlen
See Tomtvatnet
Cumulus Lenticularis oder Föhnschiffe genannt

Als ich die Hälfte des Sees Tomtavatnet erreiche, führt der Pilgerweg hoch in den Wald und dann via Wanderweg zum Etappenziel Markabygda. Doch als ich die Höhe erreiche, befindet sich der Weg unterhalb einer Starkstromleitung und es herrscht ein unglaublicher Matsch und Sumpf.

See Tomtavatnet
Kein idyllischer Wanderweg

Nee, aber nicht nach 25 Km tue ich mir das an, wenn ich weiss dass 300 Meter neben mir eine gute Kiess Strasse ist. So nehme ich gleich wieder die Ausfahrt und gehe zurück auf die Strasse. Dies wird mir zwar nochmals etwa drei zusätzliche Kilometer garnieren, aber es sind ja eh über 30.

Doch die Strasse zieht sich….32, 33, 34, 35 Kilometer und noch immer nicht am Ziel. Ich rufe schnell in der Pilgerherberge in Markabygda an ob es noch ein Plätzchen für mich hat. Hat es, allerdings nur im Esssaal auf einer Matratze, da es diese Nacht eine kleine Gruppe Kinder hat. Uff…nichts gegen Kinder, aber heute habe ich echt keine Lust auf eine wilde und laute Kinderschaar in meinem Schlafzimmer.

Hmm….was könnte ich machen? Hier gibt es nur einen Schulbus der am Morgen früh und nach dem Mittag fährt. Nützt mir nichts. Der nächste Bahnhof ist im 10 Kilometer entfernten Skogn. Ich schaue schnell im Internet nach einem Taxi und tatsächlich…Trønder Taxi hat sogar eine App. Start und Ziel eingeben, wann soll das Taxi da sein und schon kriegt man eine Preisofferte. Wow, cool! So einfach geht das und nur noch einen Wisch später und das Taxi ist bestellt. Ich will nach Skogn und dann nehm ich den Zug nach Stjørdal. Denn jetzt ist mir eine klasse Idee gekommen!

Stjørdal liegt genau in der Mitte meiner nächsten drei Wandertage. Dort habe ich im Flughafenhotel ein kleines Zimmer für drei Nächte gebucht, kaum teurer als die kleinste Hütte auf dem Camping! Inklusive Frühstück und Bahnhofsnähe. Und so sieht mein Plan aus:

Heute nach Stjørdal zum übernachten, morgen mit Zug und Taxi wieder nach Markabygda. Am Abend komme ich wandernd in Stjørdal an zum übernachten und am dritten Tag laufe ich von Stjørdal nach Vikhammer und mit dem Zug zurück zum übernachten. Am vierten und letzten Tag vor Trondheim, fahr ich dann mit dem Zug zurück nach Vikhammer und laufe nach Trondheim. Das heisst ich kann zwei sehr lange Etappen von 35 Km nur mit dem kleinen Tagesrucksack machen und die Übernachtung ist schon organisiert. Perfekt, so mache ich es!

Tag 64 / Markabygda-Stjørdal

Die erste Runde verläuft problemlos mit Zug und Taxi und so stehe ich am nächsten Tag wieder in Markabygda an der Pilgerkirche.

Kirche Markabygda
Pilgerheim

Als ich neben dem Pilgerheim vorbeilaufe, höre ich den Sound von Küchengeschirr und Kindergeschrei…“gut gemacht Martin“ klopfe ich mir selber auf die Schulter. Die Nacht wäre wohl kaum erholsam gewesen hier.

Kraniche
See Bulandsvatnet

Heute kürze ich den Anfang etwas ab, da der Pilgerweg ein paar Zusatzschleifen macht und ich eh schon mit etwa 35 Km rechne. Mehrheitlich sind alles Kiess Strassen und nur leicht hügeliges Gelände. Vorwärtskommen ist hier unproblematisch.

Mittagspause am idyllischen See Ausetvatnet

Das laufen macht echt Spass und die Kilometer rinnen mir nur so zwischen den Füssen weg. Mittlerweile scheint die Sonne von einem wolkenlosen Himmel, doch das soll sich bald ändern, darum gebe ich etwas Gas.

Golfplatz von Stjørdal

Nach rund 35 Km kommt es noch zu einer Norge på langs Premiere für mich…der Durchschreitung eines Golfplatzes 😉

Fast pünktlich beim Eintreffen im Hotel fängt es an heftig zu regnen. Ein schon fast sinnbildliches Ereignis in den letzten Tagen. Ich bin definitiv sehr glücklich dass es mit einer Ausnahme immer in der Nacht heftig schüttet und stürmt und nicht am Tag. Beim erwachen ist es oft noch haarsträubend gruselig draussen. Beim Frühstück klart es auf und über den Tag habe ich meist trocken, Wolken und Sonne wechseln sich ab. Kaum komme ich an, beginnt es wieder zu regnen.

Tag 65 / Stjørdal-Vikhammer

Der Tag heute beginnt gleich vom Hotel aus. Mein Weg führt mich nach Vikhammer, knappe 15 Km vor Trondheim. Heute soll es auch ein paar Abschnitte Wanderwege haben und da freue ich mich sehr drauf.

Zuerst kommt aber eine nächste Premiere. Norge på langs geht unter der Start- und Landebahn von Trondheim Værnes hindurch.

Kaum im Loch, startet über mir eine SAS Maschine nach Oslo

Danach folgt die Hölle!👹

Nein, natürlich nicht. Die „Hellianer“sind alles andere als dämonisch und teuflisch. Hell hat definitiv nichts mit der Hölle zu tun, der Ortsname Hell, bedeutet nämlich auf norwegisch „Glück“🍀

Vorbei am Airport Værnes, ziehe ich langsam wieder ruhigeren Ecken entgegen.

Leider nicht meiner….

Schnell ist der Pilgerweg gefunden und ab geht es in den Wald und….Matsch!

Aber echt….🙈

Der Waldweg ist ein einziges Sumpfland und mit jedem Schritt, stehe ich knöcheltief im Wasser.

Noch heute Morgen habe ich auf der hydrologischen Seite von SeNorge.no nachgeschaut wie es mit dem Wasser aussieht. Diese schweren Regenfälle in den Nächten der letzten Tage müssen ja langsam den Boden auffüllen. Und tatsächlich zeigt die Karte einen hohen bis sehr hohen Grundwasserspiegel und gleichzeitig einen grossen „Run off“. Das heisst, es fliesst viel Wasser ab weil der Boden zu gesättigt ist und kein Wasser mehr aufnehmen kann. Naja, den praktischen Beweis habe ich gerade vor der Nase und unter meinen Füssen.

Ich bin ziemlich froh, dass der Weg wieder auf eine Kiess Strasse zurückkehrt.

Furan Gård

Als der Weg wieder zurück in den Wald geht, sehe ich mir das mal auf der Karte genau an. Der Pilgerweg macht da einen grossen Umweg um Hommelvik herum und der Weg führt durch das Stormyra. Ja, der Name wird wohl jetzt Programm sein, Stormyra=Grosses Moor. Schade, aber das macht sicher bei dem Wasser kaum Sinn. Auf der Karte sehe ich eine Abkürzung nach Hommelvik rüber, die werd ich wohl nehmen.

Ich will gerade das Handy einpacken, als es laut in der Nähe knackst…ups, was ist das? Ein Reh, oder sogar ein Elch? Ich dreh mich sachte nach rechts und sehe keine 10 Meter von mir weg, ein bekanntes Fell im Gebüsch…

Das Fell kenn ich doch!

Tatsächlich, da frisst ein Elch…nein, zwei Elche, so nah neben mir und ich hab die beiden beim Kartenstudium gar nicht bemerkt, so wie sie auch mich nicht. Ganz langsam und mucksmäuschenstill mache ich zwei Schritte zur Seite an einen Holzstapel heran. Ich will die beiden nicht erschrecken, aber mir trotzdem einen Fluchtweg offen halten. Zwei Elche könnten Mutter und Kind sein, da heisst es etwas vorsichtig zu sein.

Kuckuck…

Da hebt einer den Kopf und bemerkt jetzt auch mich. Der andere schaut auch auf und in meine Richtung. So wie ich es einschätzen kann, sind das zwei „Halbstarke“ der Grösse nach. Sie beobachten mich eine Zeit lang und scheinen sich zu fragen, ob es Sinn macht abzuhauen. Dann beginnen sie ruhig und gemächlich mit dem Rückzug. Keine Panik, kein Stress und immer wieder zurückblickend.

Ich beobachte, wie sie langsam im Unterholz verschwinden und bin gerade tief beeindruckt. So nahe habe ich noch nie Elche beobachten können, ausser im Zoo. Was für ein grandioses Erlebnis!

Dann ziehe ich weiter auf dem noch verbleibenden ATV Track, der immer matschiger und sumpfiger wird. Immer wieder knackt es im Wald und ab und zu, sehe ich noch einen Elch im Dickicht verschwinden. Hier muss es nur so wimmeln davon.

Dann komme ich an die Abkürzung durch das kleine Tal, das Gammelåsdalen. Der erste Eindruck des Pfades ist zwar überdeutlich feucht und nass, aber den einen Kilometer bis zum Track danach, wird es wohl machbar sein.

Weg oder Bach?

Der Pfad ist mittlerweile unter dem Wasser verschwunden und ich kämpfe mich entlang des Baches durch dichtes Gebüsch. Ich stehe permanent bis zur Schuhkante im Wasser und denke mir gerade….die neuen Schuhe müssen heute wohl ihre Dichtheit beweisen!

Es wird nicht besser…

Solange das Tal etwas Gefälle hat, solang läuft das Wasser zumindest ab. Ich hoffe inständig, das bleibt so! Bleibt es nicht und schon bald stehe ich vor einem See, inmitten von kniehohem Gras….Mist! Was tun? Es bleibt nur eines, einfach hoch, raus aus diesem Sumpf. Links ist eine Felswand, rechts geht es steil durch Buschwerk hoch. Da muss es gehen. Ich ziehe mich am Gebüsch empor und stehe schon bald auf dem Hügel in der Sonne. Am Boden sind Wege von Elchen zu sehen, da komme ich gut vorwärts. Ich hoffe einfach, da vorne kommt keine Felswand und ich muss wieder zurück. Nach 15 Minuten sehe ich eine Möglichkeit wieder runterzukommen und auf der Topo-Karte sehe ich, dass der Track unmittelbar vor mir ist.

Geschafft…pfff! Manchmal kann ein Kilometer wahnsinnig lange gehen. Ich muss schmunzeln, aber immerhin, das Stormyra kriegt mich heute nicht!

Endlich wieder ein Weg

Ich komme beim Tunnelportal der E6 raus und kann durch eine Unterführung, rüber nach Hommelvik laufen. Jetzt brauch ich mal eine Pause!

Das hab ich mir verdient🍨

Da ich jetzt vom Pilgerweg weg bin, bleibt mir als Alternative, der Fuss-und Fahrradweg nach Vikhamer. Nicht wirklich idyllisch der Strasse entlang, dafür mit Weitblick über den Trondheimfjord, die Halbinseln Frosta und Skatvat.

Das Meer ist jetzt auch mal wieder Begleiter

Die 10 Km bis Vikhammer sind schnell absolviert und schlussendlich geht es mit dem Zug zurück nach Stjørdal. Von wo aus es morgen mit dem Zug wieder zurück nach Vikhammer geht, für die letzten 17 Km nach Trondheim.

Die letzten zwei Tage ohne grossen Rucksack, waren richtig toll zum laufen. Auch wenn dieser im Moment nur knapp 13 Kg auf die Waage bringt, sind dem gegenüber zwei Kg halt doch noch mal ein Unterschied. Der Entscheid, Stjørdal als „Basecamp“ zu nutzen war perfekt. Mit dem Best Western Hotel gab es ein gutes, aber billiges Zimmer mit Frühstück und jeden Abend für 270 Kronen ein „All you can eat“-Buffet. Perfekt für einen hungrigen NPL-Wanderer😉

Tag 66 / Vikhammer-Trondheim

Der letzte Tag bis Trondheim wird kürzer und mit 17 Km auch gut machbar. Als ich den Zug in Vikhammer verlasse, mache ich mich auf, um wieder aus der urbanen Welt hinauszukommen. Lustigerweise führt der Pilgerweg gerade gegenteilig zurück in die bewohntere Welt, daher habe ich mir das Stück bis Stadtnähe selber zusammengebastelt.

Die Aussicht auf den Trondheimfjord ist gewaltig schön und das Wetter tut das seine dazu! Doch mein Plan geht heute nicht auf und so stehe ich schon nach vier Kilometern vor einem hohen Zaun mit der Aufschrift „Durchgang verboten“! Häähhh…ich bin doch nicht in der Schweiz, wo eh praktisch alles verboten ist. Naja, hier endet wohl langsam auch das Jedermannsrecht/ Allemansretten, wonach alle überall hin können, wenn sie den Platz so verlassen wie sie ihn angetroffen haben. Dann gehe ich halt zurück zum Pilgerweg und folge ihm runter zum Fjord…auch schön.

Trondheimfjord
Am Horizont taucht die Stadt auf

Der Weg ist wieder kaum mehr gekennzeichnet und so folge ich einfach dem Schild zum Nidarosdomen.

Der Weg führt mich an der brandneu erstellten Marina Bay in Grillstad vorbei. Einem Stadtteil der völlig neu konzipiert und der komplett aus einem Guss erstellt wurde. Hier zu wohnen ist echt ein Privileg und ich staune über die Art und Weise wie hier gestaltet wurde. Städteplaner bei uns würden sich wohl die Haare raufen wenn sie das hier sehen würden. Kaum mehr als 3,4 stöckig und komplett in die Breite gebaut. Aber hier ist halt auch Platz vorhanden und wenn nicht, macht man sich den in den Fjord hinaus.

Grillstad

Die letzten fünf Kilometer spurte ich durch die Stadt. Diese Hektik, der Lärm und Verkehr gehen mir ziemlich gegen den Strich. Zum Glück hatte ich die letzten Tage wieder etwas Eingewöhnungszeit für diese Art von Leben.

Nidarosdomen Trondheim

Dann ist er also erreicht, der Nidaros Dom. 2013 war ich das letzte Mal hier, als ich nach meinem Schlammtauchgang im Skjækerfjell, hier eine Lösung für das weitere Vorgehen suchte.

Trondheim ist erreicht und damit auch mein nächster Ruhetag. Das pilgern geht dann zwar noch etwas weiter bis nach Oppdal, aber halt dann vom heiligen Olav weg.

Vor 10 Tagen habe ich Røyrvik mit viel Ungewissheit verlassen. Ich hatte kaum Ahnung ob das funktionieren würde mit dieser „Pilgeralternative“. Jetzt, 280 Kilometer später weiss ich, es hat funktioniert und das gar nicht mal so schlecht. Ich habe das Trøndelag mal von einer ganz anderen Seite kennengelernt. Einer Seite wie man sie bei uns auch finden kann, hier halt einfach weiter und grösser. Die unendlichen Kornfelder waren wunderschön und haben mich stark an Südschweden / Skåne erinnert, nur ein bisschen hügeliger. Die Wege waren gut zu laufen und es hat deutlich weniger Asphalt gehabt als ich vermutet hatte. Meine Beine haben super mitgemacht und die doch fast täglich über 30 Km, gut „erlaufen“. Absolut keine Selbstverständlichkeit mit der Vorgeschichte!

Pilgerwege. Naja, wer sich hier schöne Wald- und Wiesenwege vorstellt, gut markiert und einfach zu erkennen, wird sicher enttäuscht werden. Der Nordleden war wohl vor 20, 30 Jahren aktuell und danach hat kaum mehr jemand etwas daran gemacht. Da hilft auch ein interaktives Routenplanungstool auf der Pilgrimwebseite nicht viel. Wohl hat der Olavsweg Oslo-Trondheim die Ressourcen gebündelt und der Nordleden ging in Vergessenheit.

Als Weitwanderer, der in einem Gebiet relativ schnell vorankommen möchte, kann der Nordleden hilfreich sein, mehr aber auch nicht. Schade, der Weg hätte Potential in dieser Landschaft.

Das Trøndelag hätte auch sehr viel Potential für Fahradfahrer/innen. Gerade das eher einfache Fahrradwandern wäre hier perfekt möglich. Wenig befahrene Nebenstrassen, Forststrassen ohne Verkehr und immer in der Nähe von Infrastruktur. Mit Sicherheit eine touristische Marktlücke.

Nach meinem Ruhetag, wird es nun auf dem Olavsweg, dem Abschnitt Gudbrandsdalsleden, südwärts nach Oppdal gehen. Die fünf Tage nach Oppdal sind schon organisiert mit Übernachtungen in Herbergen und einem Camping. In Oppdal wird es den nächsten Ruhetag geben und dann wird auch Anja für zwei Wochen zu mir stossen. Ich freue mich sehr auf diese zwei Wochen, denn es werden für uns zwei Wanderferienwochen sein und vorwärtskommen auf NPL, wird für mich sekundär sein. Für uns stehen dann Trollheimen, die National Pärke Reinheimen und Breheimen an. Ab Grotli wird es dann aber zum Schlussspurt kommen und es warten noch Jotunheimen, Skarvheimen und die Hardangervidda auf mich.

Mit dem Beginn des Septembers schliessen praktisch alle bedienten Fjellhütten und stellen auf Selbstbedienungshütten um. Das heisst, ich habe nur mit dem DNT Schlüssel Zutritt. Auch beginnt die Jagd in den Fjells und bis Mitte, Ende September wird die Zeit sein, wo viele Norweger/innen nochmals zum wandern unterwegs sein werden. Ich werde mich dann fast ausschliesslich in Höhen um die 1000 MüM oder mehr befinden. Daher hoffe ich noch nicht auf einen zu stürmischen und kalten Herbst. 🍂🍁🍂

Es folgt das nächste Kapitel: Oppdal und ausgepilgert