Teil 1/13 : Der Start

Nach einer turbulenten von Streiks betroffenen Flugreise, lande ich am 9. Mai in Kristiansand. Von dort gelange ich durch Hilfe von Freunden am 10. Mai mit dem Auto ans Kap Lindesnes. Die Ankunft dort ist in vielerlei Sicht stürmisch, ich werde durch das ganze Leuchtturm – Team sehr herzlich empfangen und das Wetter zeigt mir doch gleich auch seinen stürmischen Charakter. Nach viel Kuchen und Kaffee, dem einschreiben ins Turmbuch und dem obligaten Bild und Glückwunschspruch im „Norge på langs“ – Buch von Lindesnes, ziehe ich nun los, die ersten 3 Kilometer zum Myra Camping nahe dem Leuchtturm.

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Start am 10.Mai 2013, Kap Lindesnes

 

 

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Eintrag Turmbuch

 

 

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Leuchtturm Kap Lindesnes, Beginn einer ganz grossen Geschichte

 

Dies ist auch der erste Tag seit über 8 Wochen ! , an dem sich die Wetterverhältnisse deutlich verschlechtern. Nach über einem vierteljahrhundert Skandinavienreisen weiss ich mittlerweile, dass sich auf eine langfristige Wetterlage meist eine eben solange gegenteilige Wetterphase einstellen wird, dies scheint wohl eine skandinavische Eigenheit zu sein. Was ich an diesem Tag aber noch nicht weiss, ist, dass ich die nächsten 6 Wochen in einer Schlechtwetterlage gen Norden ziehen werde, eine Wettersituation die mit den heftigsten Niederschlägen im Süden einhergeht seit es meteorologische Aufzeichnungen gibt. Zusätzlich wird eine Schneeschmelze einsetzen, welche zudem die ganzen Fjells noch tiefer unter Wasser setzt. Die Temperaturunterschiede schwanken innerhalb von 2-3 Tagen von 2-3 Grad hinauf auf 20-25 Grad und wieder zurück. Südnorwegen erlebte durch den Februar bis in den April hindurch perfektes aber auch sehr kaltes Wetter, bis zu Minus 20 Grad und mehr, dadurch sind die Böden auch sehr tief gefroren und das Wasser kann durch diesen Umstand auch nicht versickern und läuft ab.

Doch dies weiss ich ja zu diesem Zeitpunkt nicht, und ich kümmere mich aus lauter Vorfreude auch nicht gross darum ……………..ich bin nun endlich unterwegs!

Am Myra Camping habe ich eine kleine Hütte gebucht um meinen Rucksack umzukrempeln, von flugtauglich auf lauftauglich. Die ersten paar Kilometer lassen mich aber nun schon erahnen, was mir die nächsten 2700 Kilometer wohl bieten werden. An das Gewicht muss man sich wohl schon gewöhnen müssen. Nach einer hervorragenden Nacht im warmen Haus und dem umorganisieren meines Gepäcks, laufe ich nun los Richtung Vigeland. Ich weiss schon im Vorfeld der Tour, dass mein früher Startzeitpunkt Mitte Mai ein gewisses Risiko bergen wird, was die Wege anbelangt. Und es ist mir auch bewusst, dass ich wohl viele Routenänderungen unterwegs machen müsste, falls sich z. B. die Schneesituation nicht frühzeitig entschärft. Aus diesen Gründen wähle ich meine Südroute auch östlicher als „normal“. Die Setesdal Heja lasse ich schon von Anfang an aus, werde aber noch weiter östlicher gehen um einen Besuch in Nissedal zu machen, einem Ort welchen ich in den letzten Jahren immer wieder besuchte. Auch ist die Hardangervidda zu diesem frühen Zeitpunkt höchstens auf der Ostroute ab Rjukan – Geilo zu machen, und Jotunheimen ist mit seinen über 1500 Höhenmetern auch schon fraglich. Da ich keinerlei Winterausrüstung mitnehmen wollte ( Ski, Schneeschuhe usw.) ist mir klar, dass die Schneeverhältnisse gut sein müssen, um diese Gegenden durchqueren zu können. Die Route ist also sehr offen und lässt mir viel Spielraum zum improvisieren, deshalb lege ich auch nur sehr wenige Depotstellen an. Das erste Depot ist in Nissedal / Telemark.

Der erste richtige Lauftag meiner Tour am 11. Mai, begeht also auf dem kleinen Camping in Myra und führe mich über Spangereid der Küste entlang nach Vigeland. Die ersten 2 Stunden verlaufen noch trocken, bevor es dann den Rest des Tages z.T. wie aus Kübeln giesst. Mich stört dies aber nicht allzu heftig, kann ich doch so die Ausrüstung hervorragend auf Nässe testen, ich kann es auch vorwegnehmen, sie hält perfekt! Wenn aber auf dieser Strecke der Strasse entlang nun einer bei strömenden Regen, mit einem riesigen, schweren Rucksack, komplett verhüllt daherkommt, gibt es für die Norweger in Spangereid nun 2 Möglichkeiten. Erstens, der Typ spinnt komplett oder zweitens, es ist ein NPL- Läufer ! Ich fühle mich doch sehr geehrt in die zweite Kategorie eingeteilt zu werden 🙂 Die Leute welche ich antreffe applaudieren am Strassenrand, rufen mir Glückwünsche entgegen, eine Horde von 12 Fahrradfahrern (die fahren dort auch bei solchem Wetter Fahrrad !) welche mir entgegenkommen, halten an und machen eine La Ola Welle. Ich gebe es gerne zu, mein Rucksack wird dabei etwas leichter und meine Brust drückt schon etwas vorne raus, es ist wirklich herzlich und motiviert hervorragend bei diesem Wetter!

Einen Kilometer nach Spangereid verlasse ich die Strasse in Remasvik ins Landesinnere. An dieser Weggabelung setze ich mich noch etwas länger an den Strand und schaue auf das Meer hinaus. Ich weiss jetzt, wenn alles klappt werde ich das Meer das nächste Mal in 3 Monaten am Nordkap wieder sehen. Ein sehr emotionaler Moment!

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Der letzte Blick auf das Meer in Remasvik

 

Über eine Kiesstrasse geht es nun durch eine wunderschöne Landschaft nach Vigeland hoch. Trotz den heftigen Regenfällen, komme ich gut voran und bin positiv auf die rund 27 Kilometer eingestellt, welche da kommen.

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Have a break……..

 

Einen Vorteil hat der Süden, es gibt immer wieder die Möglichkeit irgendwo unterzustehen, wenn es mal so richtig runterlässt.

Nach Vigeland laufe ich am nächsten Tag entlang der Strasse 460 dem Roland Valle Tal bis nach Spilling hoch. Dort halte ich rechts hinauf auf die Kjellings Heia welcher ich gen Norden folgen will um dann nach Øvre Laudal weglos hinunterzusteigen. Der Morgen begrüsst mich mit etwas Sonne und doch auch wärmeren 10 Grad, perfekt um die nächsten 35 Kilometer zu bewältigen.

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Roland Valle Tal

 

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Kjellings Heja

 

Auf der Kjellings Heia geniesse ich die Stille und das zunächst auch trockene Wetter. Hingegen kann ich mich auch nicht verwehren im linken Bein schon jetzt einen brennenden Schmerz festzustellen. Ich habe in 40 Jahren noch nie irgendwelche Probleme mit meinen Beinen oder Füssen, bin top trainiert und fit, weiss aber aus Erfahrungen von früheren Läufern dass eine Überbelastung schnell zu einer Entzündung führen kann. Aber schon jetzt, nach nur 70 Kilometern ? Es ist mir klar das sich das Problem schnell einstellen wird, wenn ich runter von den Strassen komme. Asphalt ist definitiv Gift für die Beine ! Doch der Süden lässt zu Beginn keine andere Wahl und so lasse ich es über mich ergehen und versuche den Schmerz zu ignorieren. Die Abkürzung durch den Wald nach Øvre Laudal lasse ich aber bleiben, da die Bodenverhältnisse sehr nach Sumpf aussehen, und ich hier auf 300 Höhenmetern auch auf erste Schneeresten treffe. In Stokkeland nehme ich nun eine Nebenstrasse, welche hinunter ins Marnardal führt, an den Lachsreichsten Fluss in Südnorwegen dem Mandalselva. Auf dem noch geschlossenen Camping in Fuglestveit campiere ich das erste Mal im Zelt und kann auch gleich dessen Standhaftigkeit testen, als ein Sturm am Morgen früh darüber hinwegfegt.

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Camp am Mandalselva

 

Mein Plan ist nun dem Mandalselva und der Hauptstrasse nach Norden zu folgen, um dann in Bjelland nach Osten Richtung Hælgeland abzuzweigen. Viele schnurgerade Kilometer folgen nun der Strasse nach, und immer wieder halten Autos an, dessen Fahrer mich gerne mitnehmen wollen, “ ist doch zu langweilig der Strasse nach“ ! Als ich ihnen erkläre dass ich Norge på langs laufe, haben sie nur ein mitleidiges Lächeln übrig, wünschen mir Glück und denken sich wohl das ihre dabei! Und es zieht sich. Auf der Karte sind die Fortschritte kaum zu sehen, aber ich weiss hier muss ich durch und mit jedem Tag komme ich den Wanderwegen näher, die mich von der Strasse wegbringen.

 

Nach über 100 Kilometern habe ich es nun auch geschafft meinen Rucksack perfekt einzustellen. Ein absolutes Top Produkt, dass mir das Gewicht viel leichter erscheinen lässt als es ist. Ich bin sogar erstaunt wie unproblematisch die ersten Tage vergehen. Die Kombination Rucksack und Rückentraining haben sich super ausbezahlt.

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Der sensationelle EXPED Expedition 80 Liter Rucksack

 

Vor den vielen Strassenkilometern entlang der Route 9 bis nach Evje graut mir nun in Anbetracht meiner Entzündung im linken Bein. Trotz guter Salben, lässt der Schmerz nicht nach und ich „kämpfe“ mich Meile für Meile weiter. Es muss ja weitergehen, denn in Nissedal ist dann auch ein mindestens 2 tägiger Aufenthalt geplant, wo ich mich erholen und neuen Proviant aufnehmen kann.

Doch es kommt ganz anders…………….. Teil 2/13 : Die Fortsetzung

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