Teil 5/13 : Jotunheimen oder Gudbrandsdalen

Nun, diese Frage hat sich nach den „Schneetests“ in der Hardangervidda eigentlich schon erledigt. Jotunheimen würde mich bis fast auf 1700 Meter über Meer führen und dort ist noch mit viel Schnee zu rechnen, Schnee welcher vom Regen komplett durchweicht ist. Auch die Strasse hoch nach Gjendesheim, um dann nach Vågåmo zu kommen, überzeugt mich nicht, wären dass doch wieder viele Kilometer auf der Strasse. Doch das Gudbrandsdalen ist mittlerweile ziemlich vom Hochwasser betroffen, aber ich kann mir noch keinen wirklich guten Überblick verschaffen, die Infos sind immer wieder sehr widersprüchlich. Obwohl während der Vorbereitung Tausend mal auf die Karte geschaut, obwohl Zehntausendmal auf die Karte geschaut in den letzten Tagen, entdecke ich plötzlich diese kleine Naturstrasse welche vom Jotunheimen Südzipfel rüber ins Gudbrandsdalen führt. Das muss es wohl sein, denn querfeldein war mir zu unsicher, und tagelang im Matsch rumlaufen, nein da habe ich schon genug davon, ich will auf der sicheren Seite sein.
Ich entscheide mich am Abend, hinüber nah Fagernes zu gehen, dort werde ich alle Dinge bekommen die ich auf dem weiteren Weg noch brauche, und ich werde dort mit Sicherheit die Infos bekommen, um meinen weiteren Weg im Detail planen zu können. Nach Fagernes will ich hoch nach Beitostølen und von dort via Bygdin, dem Jotunheimenvegen entlang, Richtung Skåbu und Vinstra im Gudbrandsdalen.

Am nächsten Tag werde ich wie erwartet wieder vom eintönigen Grau empfangen, doch da es alles Naturstrassen entlang geht wird das halb so wild.

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Trübe Aussichten im Storefjell

Nachdem ich mir an einen c.a. zwölf Meter langen Frühstücksbuffet den Bauch vollgeschlagen habe (ich kann definitiv kaum mehr laufen) , trapse ich los und mache mich auf den Weg nach Fagernes. Dieses will ich in zwei Tagen erreichen, sind es doch fast 50 Kilometer. Ich habe kaum mehr Schmerzen und will dies nicht gleich wieder auf`s Spiel setzen, es scheint tatsächlich eine Heilung eingesetzt zu haben!

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Kleine Stabkapelle in Oset

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Staudamm des Tisleifjorden

An einer Weggabelung komme ich an ein grosses Schild welches mich darauf hinwiest, dass der Oset-Damm der den Tisleifjorden staut,  komplett neu aufgebaut wird. Es herrscht ein Fahrverbot aber nirgends ist ein Hinweis, dass man da nicht rüber laufen kann. Nach drei Kilometern komme ich dann an eine Barriere am Damm, und sehe dass da tatsächlich der halbe Damm abgebaut ist. Was ich allerdings lieber nicht sehen will, ist das Fussgängerverbotsschild! Ich gehe zum Ingenieursbüro um nachzufragen, ob ich trotzdem irgendwie über den Damm komme, ein zurücklaufen kommt für mich nun wirklich nicht in Frage. Doch ich muss den verantwortlichen „Inschinjör“ wohl definitiv am falschen Tag erwischt haben, ein kurzes aber prägnantes „Njet“ ist seine Antwort, das sei gar nicht möglich, da sei schliesslich auch kein Weg mehr rüber! Was zum Teu…. denke ich, und erkläre dem Herrn in aller Freundlichkeit, was ich mache und was das für mich bedeuten würde, wenn er mich nun nicht über den Damm lässt. Die Anwesenden im Büro schüttelen schon den Kopf ab der Sturheit des Chefs (es scheint sehr wahrscheinlich doch zu gehen),  doch nicht für mich und nicht heute, Punkt!
Was bleibt mir anderes übrig, ich muss tatsächlich die drei Kilometer zurücklaufen und was mich noch mehr ärgert, ich muss eine neue Route nach Fagernes suchen, welche wieder einmal ausserhalb all meiner Karten ist! Ich bin schon etwa einen Kilometer zurückgelaufen als von hinten ein Auto angefahren kommt, es ist einer aus dem Büro dem die ganze Geschichte scheinbar mehr als peinlich ist. Er will mich zurück an die Weggabelung fahren und er wird mir dann helfen einen alternativen Weg zu finden. Huch….. mein Glauben an die Norweger ist wieder zurückgekehrt. Was für ein toller Zug, ich bin total froh um diesen Dienst, denn wenn es waagerecht regnet, ist nicht viel Reserve für solche Spässe vorhanden, und es regnet waagerecht!

Auf der Karte die Kjell (so heisst mein Chauffeur) bei sich hat, sehen wir eine Alternative dem Tisleifjorden entlang nach Lykkia und von dort via Storfjorden nach Vaset, was schon in der Nähe von Fagernes ist. Von Vaset aus will ich dann per Anhalter nach Fagernes fahren. Ich habe zu diesem Zeitpunkt wohl kaum geglaubt, dass ich am Abend spät in Fagernes ankommen werde. Ich habe ja schon einige Kilometer in den Beinen von vorhin und der geplante Weg rechne ich mit c.a. 50 Kilometer aus. Dies werde ich wohl kaum noch schaffen heute…………. Denkste!

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Tisleifjorden

Entlang dem Tisleifjorden führt eine Schotterstrasse bis hinauf zum letzten Drittel, dort ist ein Pfad eingezeichnet, ich weiss aber nicht, ob der noch existiert.

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Alles ist heute etwas krumm….

Trauerbirken? Der Winter ist hier noch nicht weit, die Schneelast kaum von den Bäumen. (Aber der Weg ist da !)

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Lykkja

Immer wieder kommen grössere Regenzellen vorbei, zum Glück nehmen sie von mir dieses Mal nicht gross Kenntnis.

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Nora

Am Nordende des Tisleifjorden angekommen treffe ich aber auf einen reissenden Bach, die Nora. Hinüberzuwaten ist nicht möglich und der Steg der rüber nach Lykkia führt, ist noch nicht montiert. Das heisst nun dem Bach für zwei Kilometer folgen, um dann über die Strassenbrücke zu gehen, und dann danach die zwei Kilometer wieder zurückzulaufen……….! Was für ein Auto oder ein Fahrrad ein Klacks ist, kann zu Fuss doch etwas zermürbend werden, vor allem wenn man schon über 20 Kilometer in den Beinen hat.

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Lykkja

Blick zurück über den Tisleifjorden. Geradeaus sieht man noch den höchsten Punkt vom Golsfjell, den Golsfjelltoppen. Direkt hinunter zu steigen wäre auf jedenfall die kürzere Variante gewesen, hätte man die Situation am Damm gekannt, tja auch das kann Norge på langs sein !

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Storfjorden

Am Storfjorden treffe ich auf den Panoramavegen der hinüber nach Vaset führt. Eine Schotterstrasse in einer einsamen aber gewaltig schönen Landschaft, immer wieder durch heranziehende Regenzellen untermalt. Zwischendurch tritt sogar mal ab und zu die Sonne hervor und verleiht dem Tag einen ganz speziellen Touch. Meine Beine tragen mich ohne Beschwerden über die Wege, und nun zahlt sich auch die gute Kondition und das Training aus………. ich habe so richtig Lust zu laufen, Forrest Gump lässt grüssen !

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Storfjorden

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Storfjorden mit dem Reinsennvatnet

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Panoramavegen

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Immer schön der Nase nach…..

Bei Kilometer 50, es ist schon 20.00 Uhr, ist dann aber langsam Feierabend. Es sind noch knapp sechs Kilometer bis nach Vaset runter, die werde ich wohl noch schaffen, aber danach ist nur noch Essen und Schlaf angesagt.

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Abendstimmung in Vaset

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Vaset

Endlich Vaset in Sicht. Doch Vaset ist wie ausgestorben, ein paar Häuser, ein Restaurant dass schon geschlossen ist und sonst nichts. Ich laufe noch einen Kilometer über den Weiler hinaus, hinunter an die Hauptstrasse bei Sundheim und was sehen meine kleinen Äuglein da……..ein Taxi! Zelt aufstellen, kochen und eine kalte Nacht (2 ° C sind es nun auch schon wieder) ? Nein, nicht nach diesem Tag. Der junge Mann im Taxi ist sofort bereit mich in das 20 Minuten entfernte Fagernes zu fahren, er gibt mir auch gleich noch eine Telefonnummer vom Camping, es ist ja schon 21.30 Uhr, und tatsächlich nimmt jemand den Hörer ab. Selbstverständlich könne ich jederzeit vorbeikommen, Hütte sei frei und Essen und Bier bereit. Hach…. die lieben Leute in Norwegen können meine Gedanken lesen, wunderbar.
Auf der kurzen  Fahrt nach Fagernes erzähle ich Svein dem Chauffeur, was ich hier mache. Dies fordert aber beinahe einen Unfall heraus, er kann kaum glauben, dass da jemand bis ans Npordkap hochlaufen will. Er muss am nächsten Tag ein Auto nach Honningsvåg überführen, aber zu Fuss?????

Kurz darauf kommen wir bei dem Camping an, und ich werde schon erwartet. Der Empfang ist sehr herzlich! Die Chefin stellt mir die Dusche auf frei und so kann ich duschen solange ich will. Bier und ein paar Hamburger sind auch schon bereit, Herz was willst Du mehr nach c.a. 58 Kilometer laufen!

Am nächsten Tag entschliesse ich mich, zwei Nächte zu bleiben. Seit ich von Geilo losgelaufen bin, habe ich eine riesige Distanz zurückgelegt und mir die Pause wirklich verdient. In Fagernes wird mir aber nun zum ersten Mal richtig bewusst, dass der ganze Südosten von Norwegen wirklich ein grosses Wasserproblem hat. Hier scheint der Frühling definitiv ins Wasser zu fallen.

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Hochwasser wohin man schaut!

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Die Lage an den Bächen und Flüssen ist dramatisch geworden…….

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Das Gudbrandsdalen ist unter Wasser, viele Leute wurden evakuiert, Häuser und Strassen sind von Sturzfluten weggerissen worden und Verkehrswege nur noch eingeschränkt offen. Sogar aus Oslos Innenstadt kommen Nachrichten, über wassergefüllte Keller und Verkehrs-einschränkungen. Ich maile Morten und Simon im Süden an, und frage nach, wie es den beiden Norge på langsern dort unten wohl ergeht. Doch die zwei sonnen sich bei frühsommerlichen Temperaturen, bei schönstem Wetter! Auch im Norden spielt sich ungewöhnliches ab. Die Lofoten glänzen bei schönstem Wetter, Tromsø feiert seinen x `ten Tag über 20 ° C ! Es ist absolut wahnsinnig was da abgeht, es scheint als dass ich mitten in einem Tiefdruckwirbel sitze und dieser schön langsam mit mir nach Norden pilgert.

Ich halte an meiner Routenwahl fest und besorge mir die notwendigen Karten. Bis nach Beitostølen muss ich wohl oder übel der Strasse nach laufen, danach werde ich dann wohl etwas freier werden was die Route angeht. Die Herberge in Bygdin ist schon geschlossen, auch Haugseter am Vinstresee ist zu. Ich hoffe dass das Wetter und vor allem die Temperaturen etwas mitmachen, denn es geht nun doch für ein paar Tage auf über 1000 Meter über Meer, die Nullgradgrenze ist nicht weit weg.

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Think positiv 🙂

„Norgi“ und ich tanken beide unsere Tanks auf und sind gespannt, was die nächsten Tage wohl bringen werden.

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Fagernes unter Wasser…

Ich entschliesse mich gleich von Fagernes aus weiterzulaufen, die paar Kilometer mit dem Taxi zurück schenke ich mir. Über Melby und Heggenes geht es nach Beitostølen, etwas unspektakulär den kleinen Ortschaften entlang nordwärts.

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Am Volbufjorden

Beitostølen gilt ein wenig als das Gstaad oder Kitzbühl Norwegens, und man sieht das auch von weitem. Hinzu kommt die wunderschöne Nachsaisonidylle mit all seinem Dreck und Wohlstandsmüll. Hier kann mich kaum etwas länger aufhalten und so gehe ich gleich weiter nach Bygdin.

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Beitostølen

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Tristesse im Skiort

In Bygdin bin ich im Winter angekommen. Die Seen noch mehrheitlich zugefroren, das Fährschiff MS Bitihorn liegt noch auf dem Stappel und die Temperaturen werden langsam etwas eisig. Doch die Niederschläge lassen mich etwas in Ruhe und die Sonne lugt immer wieder hervor und macht die kalte Bise erträglicher. Die Stimmung ist unbeschreiblich, diese Ruhe findet man hier sicher nur zu dieser Jahreszeit. Wohl schon in einem Monat werden sich wieder viele Touristen über diesen Platz ergiessen und die Landschaft in Beschlag nehmen. Ich hingegen sehe keine Menschenseele, nicht mal Autos auf der Strasse nach Gjendesheim sind anzutreffen.

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Bygdin Hotel und im Hintergrund das Bitihorn

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Fährschiff MS Bitihorn

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Einsamkeit auf der Strasse nach Gjendesheim

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Ein Schweizer in den Bergen 😉

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Unendliche Weite am Jotunheimenvegen

Der Jotunheimenvegen ist zum grossen Teil schon schneefrei. Den Spuren nach, hat man hier schon mit grossem Gerät Vorschub geleistet um dem nahenden Sommer entgegenzukommen. Das Laufen macht riesigen Spass, ich sauge die klare und kalte Luft ein und bin in jeder Sekunde tief beeindruckt was sich da vor meinen Augen abspielt. Ich verspüre eine grosse Demut über diese Landschaft, die Natur und die Möglichkeit diese auch so wahrnehmen zu dürfen. Egal was in den nächsten Tagen und Wochen passieren wird, was schlussendlich das Ziel sein wird, es ist jede Sekunde Wert dies zu erleben!

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Weite….

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Melbystølen

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Haugseter Fjellstue

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Haugseter Fjellstue

Leider noch geschlossen, Waffel und Kaffee wären da doch angebracht gewesen.

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Und dann das………. Teil 6/13 : Der Rückschlag

 

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