Narvikfjell/Hinnøya Vesterålen 2019

Da stehe ich also wieder, auf der 671 Meter über Meer gelegenen Fløya oberhalb Tromsø. Knapp ein Jahr ist her, seit ich diesen Berg verlassen habe und keine Ahnung hatte, wann ich wieder hierhin zurückkehren würde. Dass es nicht allzu lange dauern würde, war mir allerdings schon sehr bewusst!

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Ich bin eben erst mit dem Flugzeug gelandet, auf dem Weg zum Hotel noch schnell die Einkäufe für die nächsten Tage erledigt, mein Zimmer bezogen und so schnell als möglich über die grosse Brücke zur Eismeerkathedrale gewetzt, wo in der Nähe der Fjellheisen die Menschen auf die Aussichtsterrasse von Tromsø bringt. Kurze dreissig Minuten später, stehe ich beim Steinmann auf der Fløya und bin wieder mal sprachlos über dieses phantastische Panorama. Ich bin wieder zurück!

Doch warum Tromsø? Schon wieder? Dafür gibt es mittlerweile drei gute Gründe für mich:

  • Während der Sommermonate bis Mitte August gibt es jeden Samstag einen Direktflug von Zürich nach Tromsø. In etwas mehr als dreieinhalb Stunden erreiche ich Nordnorwegen, was auf dem Landweg satte drei Tage dauert. Mehr Infos über die Direktflüge auch beim Nordlandexperten Kontiki/Schweiz
  • Tromsø, obwohl auf der Landkarte etwas abseits plaziert, verfügt über hervorragende Verkehrsanbindungen ringsum. Mehrere Busse am Tag nach Alta, in drei Stunden fährt der tägliche Bus von Eskelisen Lapin ins finnische Kilpisjärvi, das Tor zur Finnmark oder dem nördlichen Dividalen National Park und mehrere Busse (Nordland) fahren jeden Tag in knapp vier Stunden nach Narvik. Die Narvikbusse bedienen dabei auch Bardu und Setermoen, welche wiederum Möglichkeiten im südlichen Dividalen bieten. Hinzu kommt noch die Schnellfähre die in drei Stunden nach Harstad/Vesterålen rüberfährt.
  • Und last but not least, Tromsø bekommt Jahr für Jahr mehr Charme einer gemütlichen, traditionsbewussten aber modernen Kleinstadt. Die enorme Bautätigkeit geht langsam zurück und hervor kommen viele neue Gebäude, renovierte geschichtsträchtige Häuser, gute Esslokale, nette Bars + Pubs und für alle die es brauchen….. eine Shoppingmeile!

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Kurz und gut, drei gute Gründe für mich, mein Abenteuer von Tromsø aus zu starten!

Nun sitze ich da an der Sonne auf diesem Hügel und habe wie letztes Jahr den Plan, keinen Plan zu haben…… nur ein paar Ideen. Ob es mir wieder gelingt einen solch super Hike wie 2018 zu erleben, wo alles zusammengepasst hat, das Wetter stimmte und alles wie am Schnürchen lief? Ich bin gespannt wie ein Flitzbogen und weiss natürlich, dass alles irgendwie von der Wetterprognose der nächsten Tage abhängt.

Diese sieht praktisch identisch aus wie 2018, was es definitiv nicht einfacher macht, nur das es dieses Jahr noch viel komplexer ist, da es auf alle Seiten etwa gleich aussieht, nämlich gut! Doch irgendwie muss ich mich in den nächsten Stunden entscheiden wohin es geht, wenn ich nicht hierbleiben will. Es dauert bis in den Abend hinein, bis mein Ziel feststeht und sich auch die Wetterprognosen langsam aber sicher auf eine Variante einigen können. Wieder wird die Finnmark wie 2018 das nachsehen haben, da es südwärts ein klitzekleines Stück stabiler aussieht und ich schon seit drei Jahren auf ein gutes Wetterfenster im südlichen Narvikfjell hoffe! Ironie des Schicksals, wäre ich eine Woche früher hier gewesen, hätte ich in der Finnmark/Nábár die exakt gleichen super Bedingungen gehabt wie 2015 auf meiner NPL Wanderung. Aber „wäre, hätte“ nützen mir nichts und so nehme ich den 10.00 Uhr Bus nach Narvik am nächsten Tag ins Auge. Dieser Bus hat auch noch den Vorteil, mit minimaler Warterei gleich den Zug nach Katterat hoch zu kriegen, der mich an den Ausgangspunkt meiner Wanderung bringen wird.

Eine meiner Ideen, das Narvikfjell zu „umrunden“, wird spätestens während der Busfahrt nach Narvik immer realistischer. So oder so habe ich für zehn Tage Proviant bei mir und bin voll ausgerüstet, also somit auch unabhängig. Die Karte im Kopf wird konkret:

Von Katterat aus, soll es über das Oallavággi nach Cáihnavággi gehen, (mein Herz springt schon jetzt voller Vorfreude, dass es wieder in mein geliebtes Cáihna geht) und dann dem Nordkalotleden runter nach Røysvatn folgen. Dort werde ich auf den Gränsleden einbiegen und in zwei Tagen Ritsem erreichen. In Ritsem kann ich Proviant aufnehmen und dann Richtung Sitasjaure nordwärts ziehen, wo ich weglos entlang dem Sitassee zurück nach Skoaddejávre und von dort über das Skjomdalen nach Narvik gelange. Ein kleiner Haken hat das Ganze, der Bus vom Skjomdalen zurück nach Narvik am Schluss der Tour, fährt nur am Freitag. Doch meine Berechnung würde dies mit einem Reservetag vorsehen.

Zwölf Tage sind vorgesehen, drei Wochen habe ich Zeit, also kann ich es gelassen und gemütlich angehen.

Sonntag 4.August (15 Km)

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Während der Busfahrt erfreue ich mich an den stabilen und guten Wetterprognosen, die für dieses Gebiet alles andere als gewöhnlich sind!

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Katterat

Nach einer halben Stunde Zugfahrt spuckt mich der Zug am verlassenen Bahnhof von Katterat aus. Ich komme mir schon fast wie Zuhause vor an diesem kleinen Ort, der eigentlich gar keiner mehr ist. Ich stehe noch einen Moment da und höre wie das quietschen der Räder des Zuges langsam am Horizont verschwindet, dann…. ist es wieder ruhig, als ob hier nie Lärm entstehen könnte.

Ich schwinge meinen Rucksack auf den Rücken und mache mich auf den Weg ins Hunddalen.

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Blick Richtung Katterat

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Hunddalen

Nach gut einer Stunde entlang der Kraftwerksstrasse, zweigt ein kaum mehr sichtbarer Wanderweg ab Richtung Oallavággi. Schon jetzt wird ganz deutlich wie enorm trocken das Ganze hier ist. Seit Wochen hat es keinen oder nur noch spärlichen Niederschlag gegeben in Nordnorwegen. Dies sieht man ganz speziell bei Fluss- und Bachquerungen gut, die Pegel sind extrem tief. Das stört mich natürlich nicht wirklich und macht alles beim Furten etwas einfacher.

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Oallavággi

Schon bald lasse ich das Hunddalen hinter mir und steige langsam ins Oallavággi Hochtal hinauf. Die vierhundert Höhenmeter lasse ich relativ schnell hinter mir und nach drei Stunden kommt schon die Oallavággi Nothütte des DNT in Sicht. Die zwei Bett- Hütte ist eigentlich als Notunterkunft gedacht, kann aber auch so zur Übernachtung genutzt werden.

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Oallavággi

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Oallavággi

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Oallavággi Nødbu DNT

Obwohl die Hütte leer und gemütlich ist, stelle ich mein Zelt unten am See auf. Der Platz ist herrlich und wunderbar zum campieren. Ein eisiger Wind pfeift durch das Tal und ich freue mich trotzdem auf die „letzte“ kalte Erfrischung für mehrere Tage.

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Camp am Oallavággi 850 MüM

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Zeit für Erfrischung und Dinner!

Ums Zelt „hühnern“ noch ein paar Rypen herum und auch Rentiere beäugen mich sorgfältig, neugierig und vorsichtig….

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Gut getarnt ist halb überlebt, Rype (Schneehuhn)

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Ein paar Prachtskerle und Damen als Zaungäste, Ren

Ich schlafe wie ein Murmeltier. Die kühle, frische Luft, das leise flattern des Zelts und die erste kleine Anstrengung wirken wahre Wunder. Es ist wohl das erste Mal seit Norge på langs 2015, dass ich mir am Morgen mal keine Gedanken über das Wetter machen muss. Die Aussichten sind so stabil für die nächsten Tage (herzlichen Dank #thomaskleiber für die super Wetterseiten www1.wetter3.de die Du mir empfohlen hast!), dass ich mich zurücklehnen und einfach den Tag geniessen kann.

Montag 5. August (24 Km)

Schon früh habe ich meine Sachen zusammengepackt und mache mich auf den langen Weg nach Cáihnavággi. Was ich in den letzten Jahren oft in zwei Tagen zurückgelegt habe, will ich heute in einem Tag machen. Es gibt ausser dem letzten Anstieg zu den Hütten kaum Steigungen, der Weg ist super zu laufen und die rund 27 Kilometer kann ich sogar durch eine Abkürzung noch verringern, falls es der Kalikselva-Bach erlaubt.

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Oallavággi

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Oallavággipass

Ich hole tief Luft und lasse mich an diesem wunderschönen Morgen treiben. Die Gegend ist menschenleer und die Landschaft lässt mich schlicht einfach nur staunen. Es ist staubtrocken und in den Bergen liegen noch immer grosse Schneefelder. Der äussere Norden hat 18/19 einen sehr schneereichen Winter erlebt und anders als im Süden, sind die Temperaturen dieses Jahr im Sommer nicht allzu hoch gewesen.

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Sealggajohkka

Nach dem Pass liegt das riesige Tal des Sealggajohka vor mir. In der Ferne sehe ich die Sealggagletscher hellblau leuchten, hinter deren der Lossipass liegt, welchen ich vom letzten Jahr noch sehr gut in Erinnerung habe. Nach gut zweieinhalb Stunden erreiche ich schon die DNT Hütten von Cunojávri.

„Wow…. heute ist scheinbar ziemlich viel Energie bei mir drin, das geht ja ab wie die Post“ denke ich mir als ich in Cunojávri ankomme. Ich habe nie das Gefühl brutal schnell unterwegs zu sein und doch treibt mich die Motivation mit einem hohen Tempo vorwärts. Doch mittlerweile habe ich auch gelernt, immer wieder stehen zu bleiben und die Landschaft in mich einfliessen zu lassen, zu beobachten und zu geniessen. Etwas was für einen der mit einem Fernwanderervirus infiziert ist manchmal gar nicht so einfach ist. Der Drang immer weiter zu kommen sitzt im Nacken und lässt oft den Verstand etwas hinten nachhinken.

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Cunojávri DNT

Die Hängebrücke vor den Hütten braucht es zur Zeit definitiv nicht….es ist kein Wasser im Bachbett und so hüpfe ich von Stein zu Stein und stehe schon bald bei den Hütten. Ein älteres schwedisches Paar steht etwas verloren da und es sind die einzigen Leute die überhaupt da sind. „Komisch…“ denke ich, normalerweise ist hier ziemlich was los und….. die Mücken fehlen komplett!!! Das habe ich nun definitiv in dieser Mückenhölle noch nie erlebt. Den Biestern ist es wahrscheinlich definitiv zu trocken dieses Jahr, was für ein Glück! Ich unterhalte mich länger mit den beiden und sie bestätigen, dass im Moment tatsächlich kaum was los ist hier. Sie zeigen sich sehr erfreut als ich ihnen mitteilen kann, dass das Wetter weiterhin gut bleibt und so entschliessen sich die zwei gleich noch eine Nacht hier anzuhängen.

Mich treibt es aber weiter zur nächsten Hängebrücke, dort will ich dann endlich mal eine Pause machen. Die Brücke über den Cunojohka ist in einem erbärmlichen Zustand und es kostet sogar mich etwas Überwindung da rüber zu gehen. Die Planken sind an einigen Orten durchgebrochen, die Brücke hängt schief und die seitlichen Seile wabern schlaff herunter und sind als Halteseile nicht mehr brauchbar. Hier in den Bach zu fallen, wäre allerdings keine gute Idee, denn dieser führt viel Wasser und die Strömung ist sehr stark.

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Tal des Cunojohka

Nach der verdienten Pause ziehe ich weiter und durchquere das Tal des Cunojohkas. An der Nordseite ist schon das Storsteinsfjellet mit seinem immer kleiner werdenden Gletscher zu sehen.

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Storsteinsfjellet

Die Abkürzung über den Kalikselva ist absolut problemlos zu machen, da auch hier der Bach sehr wenig Wasser führt. Jedoch genug um die Schuhe auszuziehen, was bei diesem Kaiserwetter und den milden Temperaturen mehr ein Genuss als ein Muss ist!

Die Abkürzung bedeutet zwar „nur“ rund 2.6 Km weniger zu laufen, doch davon ist 1 Km in Hüft- bis Brusthohem Strauchwerk zu absolvieren, nicht gerade toll, wenn es auch noch nass ist!

Die letzten dreihundert Höhenmeter absolviere ich im Laufschritt. Cáihnavággi ruft und ich bin zur Stelle. Ich kann es kaum erwarten hier anzukommen, an dem Ort wo ich zutiefst Verbundenheit fühle, wo ich die ganze Kraft des Narvikfjells spüre.

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Der erste der drei namenlosen Seen im Vággi

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Cáihnavággi DNT

Da stehe ich nun vor den drei Hütten des DNT Cáihnavággi und peile sofort eine der zwei kleinen Hütten an. Und…. sie ist tatsächlich leer, ich habe meinen Platz gesichert! Wohl kaum jemand der diese Hütte kennt, wird sich anders verhalten als ich. Es ist einfach ein Kleinod in einer grandiosen, wilden Landschaft.

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Es ist das vierte Mal in fünf Jahren dass ich hier zurückkomme und jedesmal frage ich mich, was ist die Faszination die mich und auch andere Menschen immer wieder hier fesselt. Mittlerweile bin ich überzeugt dass es ein Kraftort sein muss. Ein Kraftort der mich am nächsten Tag noch mehr in den Bann ziehen wird, als alles was ich zuvor schon erlebt habe.

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Cáihnavággi

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Cáihnavággi

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Cáihnavággi

Doch eines wird sich dieses Jahr ändern und dies beschliesse ich am heutigen Abend. Ich werde morgen nicht weiterziehen, obwohl ich dieses deutliche reissen verspüre loszugehen. Nein, ich werde morgen endlich genau das machen, wovon ich schon lange geträumt habe, nämlich hier bleiben und die Umgebung ins Auge nehmen. Das Wetter wird mir einen tollen Tag bescheren und dies will ich nun endlich ausnützen.

Den Abend verbringe ich beinahe alleine im Tal. Nur in der grossen Hütte sind noch zwei Frauen einquartiert, die sich aber ziemlich früh in die Koje werfen.

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Abendstimmung in Cáihna

Dienstag 6.August (8 Km)

Schon um 7.00 bin ich heute unterwegs. Ein langer Grat auf der Westseite des Tales stach mir schon lange ins Auge, heute muss er dran glauben, obwohl der obere Teil ziemlich steil aussieht.

Kaum habe ich den Einstieg geschafft, sehe ich unweit von mir sechs Rentiere und… es sind tatsächlich die ersten wilden Rentiere die ich hier im Narvikfjell sehe, eine Seltenheit!

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Diese Tiere hier zu sehen ist für mich schon eine Sensation, doch die Jungs und Mädels scheinen alles andere als scheu zu sein, was völlig untypisch für die Tiere ist. Sie folgen mir tatsächlich über den Grat hinauf bis zum Gipfelaufbau, Wahnsinn!!

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Aufbau zum 2. Grat links des Gletschers

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Blick über den 1. Grat zurück

Der steile Aufbau zum 2. Grat besteht aus Granitplatten welche perfekt gestuft sind und so keinerlei Probleme zum begehen darstellen.

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Namenloser See im Cáihnajávrrit

Der Rundblick haut mich definitiv aus den Socken. Auf alle Seiten kann ich mich kaum satt sehen. Ich laufe über den langen 2. Grat Richtung der beiden Dulbbot Gipfel.

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Dulbbot 1 und Dulbbot 2

Zuerst steige ich auf den ersten Dulbbotgipfel, deponiere dort den Rucksack und die Stöcke und mache mich dann auf den kurzen Grat rüber zum ein Meter höheren Dulbbot Hauptgipfel.

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Gipfelglück am Dulbbot 1589 MüM

Fast zwei Stunden verbringe ich dort oben und kann mein Glück kaum fassen. Was für ein Tag und definitiv hätte die Entscheidung zu bleiben, kaum besser sein können. Die Berge hier sind praktisch alle relativ einfach zu besteigen. Man muss Blockfelder und lange Wege lieben, dann eröffnen sich hier unglaubliche Weitsichten, die über das ganze Narvikfjell bis hin zum Kebnekaise, dem höchsten Berg Schwedens, reichen.

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Die drei Seen im Tal des Cáihnavággi

Kurz mache ich noch einen Abstecher zur Gratkante des 2. Grats wo ich endlich mein langersehntes Bild des ganzen Tales mit seinen drei Seen machen kann. Dann geht es auf den zwei stündigen Abstieg.

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Diese Gelbflechte hat einen Durchmesser von rund 90 cm. Bei einem Wachstum von 0.1 mm im Jahr, kann man sich das ungefähre Alter ausrechnen!

Ein wunderbarer Tag geht zu Ende und ich kann ihn nicht hoch genug loben. Einmal mehr ein Beweis, dass es sich unbedingt lohnt, ab und zu mal einen stationären Tag einzulegen um die Umgebung unter die Lupe zu nehmen.

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Tusen takk for opphold 🙂

Mittwoch 7.August (23 km)

Der nächste Tag hat dann mal ein paar Wolken mehr im Angebot. Doch dies stört mich keineswegs, denn die Etappe bis zum Gautelisstaudamm bin ich mittlerweile schon drei Mal gelaufen.

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Gautelispass 1200 MüM

Die Wolkendecke kommt dem Pass schon ziemlich nahe. Doch zumindest bleibt mir die Sicht erhalten und so kann ich schon bald das Gautelisvatnet am Horizont erkennen.

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Stein der Entscheidung

Eine kurze Pause lege ich an „meinem“ Stein der Entscheidung ein. Hier habe ich noch jedesmal irgendeine Entscheidung betreffs des Weiterverlaufs der Tour gefällt. Wieso gerade hier….? Ich weiss es nicht, aber es muss wohl so sein!

Am Stein kann ich schon den Staudamm des Gautelisvatnet erkennen und vis a vis den Wegverlauf nach Skoaddejávre, mein heutiges Etappenziel. Doch was ist das in einiger Entfernung vor mir? Irgendetwas bewegt sich die ganze Zeit in meinem Augenwinkel, doch ich kann es nicht erkennen, es muss wohl in Tier sein. Ich nehme mein kleines Fernglas hervor und…. tatsächlich, zwei Järvs (Vielfrasse) sind gerade damit beschäftigt irgendetwas zu zerteilen. Ich kann es wegen der Distanz nicht erkennen, aber es scheint wohl Aas zu sein. Die Viecher gehen definitiv nicht gerade sanft damit um und ich bin doch froh, das mit einiger Entfernung beobachten zu können.

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Gautelisvatnet

Als ich vor einem Jahr, auf meinem Weg von der Gautelishütte ins Skjomdalen hinunter an dieser Stelle vorbei kam, erwischte mich eine gewaltige Kaltfront direkt von vorne. Der Sturm hat mich damals fast von den Beinen geholt und ich hatte grösste Mühe auf der Strasse zu bleiben. Danach folgte einer meiner grössten Schlammschlachten im norwegischen Fjell ever! Was für Erinnerungen! Heute säuselt mir eine frische Brise ins Gesicht und ich kann das ganze mit einem süffisanten Lächeln abtun.

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Die DNT Sektion Narvik og Omegn hat auf ihrem ganzen Gebiet neue Tafeln montiert. Die Distanzangabe von A nach B ist aber meist eine andere als von B nach A! Dies fast bei allen Wegweisern! Was immer auch der Grund dafür ist 😉

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Der Gipfelvorbau des Frostisengletschers

Ich habe mittlerweile schon Lehnstühle, Jeeps, Kleidungsstücke oder Wandschränke mitten im Niemansland des Fjells gefunden, abseits von jeglicher Zivilisation….doch das ist nun wirklich eine Premiere!!

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Wie und warum der auch immer hierhin kam……..

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Blick zum Gautelisvatnet und links davon der Dulbbot, dessen Gipfel im Nebel versteckt ist.

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Skoaddejávre und Sitassee im Hintergrund

Nach sechs Stunden erkenne ich den kleinen Skoaddejavresee am Horizont. Dahinter der Sitassee und die Berge um Sitas. Seit dem Damm am Gautelisvatnet war Geröll in Reinkultur angesagt, doch der Weg ist perfekt zum laufen und mittlerweile bin ich auch wieder auf 1000 MüM angekommen, nachdem das Gautelisvatnet knapp 200 Meter tiefer liegt.

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Skoaddejávre DNT

Die Skoaddejávre Hütte liegt direkt am See in dessen Mitte die norwegisch-schwedische Grenze verläuft. Eine Grenze, welche ich in den nächsten Tage wohl so c.a. 824 Mal überqueren werde!

Wie erwartet ist trotz der gehissten Fahne niemand da und so kann ich mich in der urgemütlichen Hütte einrichten, ein gemütliches Feuer machen und mir einen tollen Kaffee zubereiten. Danach fläze ich mich auf das weiche Sofa und höre noch ein wenig dem gebollere des Jøtul Ofens zu, bevor meine Augenlieder immer schwerer werden und ich einschlafe. Doch öhä….. schon stehen drei deutsche Wanderer in der Hütte, ein junger Mann eine junge Frau und eine Seniorin welche ziemlich fertig wirkt. Er ist der Guide und führt die zwei Damen von Hellemobotn, wo sie mit dem Fährboot hinkamen, bis nach Abisko hoch. Die erste Fjellwanderung, in schmächtigen Trekkingschuhen, ohne DNT Schlüssel und komplett überfordert. Ich bin etwas ratlos bei den dreien, denn sie wirken mir alle etwas durch den Wind geschossen, überanstrengt und wollen nun noch nach Absiko rauf! Na viel Spass wünsch ich da! Doch kaum sind die drei im Sofa, knallt schon die Türe auf und vier fröhliche Kinder stehen etwas entsetzt unter der Türe. Sie haben wohl mit einer leeren Hütte gerechnet……ich ja auch. „Da kommt noch ein Kind und die Eltern“ rufen sie im Chor „hat es noch Platz für alle?“ Jou, exakt den Platz haben wir noch, ich hätte kaum daran geglaubt, dass diese Hütte heute noch voll wird.

Es ist eine Bauernfamilie aus dem Skjomdalen die ab und zu hierherkommen um zu fischen und 2,3 Tage in der Hütte verbringen. Die Kraftwerkstrasse zum Sitassee verläuft eine Wegstunde an der Hütte vorbei, daher ist sie relativ gut erreichbar, auch für Tagestouristen. Und so gibt es einen unterhaltsamen Abend bei Kerzenlicht, während die Kinder bis 23.00 alle paar Minuten mit Fischen unter der Türe stehen und Mutti die ganze Zeit leckere Sachen auf den Tisch stellt!

Donnerstag 8.August (23 Km)

Wenn es eine Etappe auf diesem Teil des Nordkalotleden gibt, der als eher „langweilig“ bezeichnet wird, dann ist es der Abschnitt von Skoadde nach Sitas. Dies hat nichts mit der Landschaft zu tun, vielmehr führt der Weg zu 2/3 der Sitas-Kraftwerksstrasse entlang und daher ist heute viel Kiesweg angesagt.

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Blick zum Sitassee südwärts. Auf dieser Seite des Sees sollte ich nach meinem Plan in c.a. 7-8 Tagen wieder hier auf die Skoaddejávrehütte treffen.

Die Wolkendecke des gestrigen Tages löst sich mittlerweile auf und die Sonne wärmt das mit leichtem Reif überzogene Fjell wieder auf.

Rund sieben Kilometer führt der Weg über ein wunderschönes Hochfjell, bevor es dann ziemlich steil, vierhundert Höhenmeter runter zur Strasse geht. Ich bin eigentlich nicht ganz unglücklich hier runter zu müssen und nicht rauf.

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Das Westende des Jarkkajavrisee und die angesprochene Kraftwerkstrasse

Das Gebiet hier wird intensiv für die Stromproduktion genutzt. Die beiden grössten Stauseen sind der Sitas- und der Gautelissee. Beide Seen sind über die gleiche Strasse erschlossen, die vom Skjomdalen aus hier hin führt und auch für den Publikumsverkehr geöffnet ist (Strassenbenutzung auf eigens Risiko!). Vor einem Jahr bei diesem Sturm,  wäre ich so was von froh gewesen auch nur ein Auto zu sehen dass mich ins Tal mitnimmt, doch da war nichts! Heute rauschen schon nach den ersten zehn Minuten etwa zwanzig Autos neben mir vorbei, alle beladen mit Fahrrädern und allerlei Freizeitgerümpel auf dem Dach. „Oh Mann“ denke ich mir, da wird ja ein gehöriger Trubel in Sitas sein! Es ist noch Ferienzeit und die Narviker halten grosse Stücke auf dieses Gebiet hier. Es ist leicht zu erreichen und ist trotz allem etwas vom Schuss und ruhig.

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Der Grenzlauf beginnt……..

Schon heute beginnt nun das Grenzwandern. Kaum auf der Strasse, wechsle ich rüber nach Schweden um dann gleich wieder in Norwegen zu landen. Das Ganze wiederholt sich insgesamt vier Mal.

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Filtinden und Tjardavatnet

Es ist ein angenehmer und milder Tag. Die Sonne brennt zwar runter, doch es geht eine schöne Brise Wind. Die Schrittgeräusche auf der Kiessstrasse wiederholen sich perfekt im Takt und können manchmal richtig meditativ ins Unterbewusstsein schleichen. Die Taktzahl ist wieder sehr hoch und ich komme extrem schnell vorwärts, so schnell dass ich mich immer wieder bremse, ins Gras setze und einfach den Ausblick geniesse.

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Tjardavatnet Stausee

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Sitassee oder korrekt in Sami Sijdasjavrre

Am südwestlichen Ende des Tjardavatnet ist dann aber fertig mit Strassenbenützung. Eine Barriere verhindert das weiterfahren und das erklärt nun auch all die Fahrräder auf den Autos, die an mir vorbeigefahren sind. Tatsächlich sind nun einige Leute anzutreffen, die der Strasse zum Sitassee entlang in die Pedale treten. Die Umrundung des Bergs Stuor Riida, um auf die Sitasseite zu kommen, zieht sich hin, doch der Ausblick auf den über fünfzig Kilometer langen Sitassee entschädigt für alle Mühen. Die verbleibenden vier Kilometer bis zu den Sitashütten, werden dann wieder mal mit einem Grenzübertritt nach Norwegen dekoriert.

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Sitashütten DNT

Die Sitashütten DNT wurden vor einigen Jahren etwas näher an den See gezügelt, weil sie am alten Standort davonrutschten. Daher sind sie relativ modern mit grossen Solaranlagen ausgerüstet und weisen wieder eine der typisch urgemütlichen Standards aus. Der Standort ist fast am Nordende des Sees, am Südende befindet sich die schwedische STF Hütte Sitasjaure, welche ich auch schon mehrere Male in der Vergangenheit besucht habe.

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Sitas

Wieder erwarten bin ich einziger Besucher der Hütte. Einzig ein Hubschrauber der Material und Leute zu einer höhergelegenen Baustelle fliegt, durchschneidet die unglaubliche Ruhe hier. Kaum ist es Abend, übernimmt die Stille aber das Zepter und einzig ein leichter Wind erzeugt kleine Wellen im See, die der ganzen Stimmung die Krone aufsetzen.

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Freitag 9.August ( 23 Km)

Schon auf der Karte ist mir aufgefallen, dass der nächste Abschnitt wohl einer der abwechslungsreichsten sein muss auf dem Nordkalotleden. Die Topographie wechselt permanent ihr Gesicht, ebenso die Botanik und Geologie. Es erwartet mich abermals Kaiserwetter und ich denke immer wieder daran, wie oft ich mir das hier gewünscht habe. Diese Seite am norwegischen Gebirge ist deutlich unsicherer in Sachen Wetter als die schwedische Seite. Ich kann mich gut an 2017 erinnern, als ich entschied über Hukejaure und Gautelis zu gehen und diese Seite hier aus Gründen der Schlechtwetterprognosen aussen vor lies. Während ich drei Tage gegen Sonnenbrand ankämpfen musste, beobachtete ich die dunklen Wolken und die Niederschläge auf dieser Seite hier.

Aber heute kann ich aus dem vollen schöpfen und den Tag geniessen!

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Mit etwas Hubschrauber“musik“ steige ich die erste Etage hoch und gelange auf das zweihundert Höhenmeter höher gelegene Fjell hoch, das mich zum Baugevatnet ins nächste Tal führt. Hier sehe ich nun auch den Grund des Arbeitslärms. Eine Stütze der Hochspannungsleitung wurde im Winter von einer Lawine zerstört und muss neu aufgebaut werden.

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Gebirgsbaustelle im Fjell

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Es fällt nun auch deutlich auf, dass der Restschnee des vergangenen Winters zunimmt. Die Berge sind noch gut eingepackt und die angrenzenden Gletscher auch noch gut eingeschneit. Das Narvikfjell hat einen der schneereichsten Winter hinter sich. So berichtete mir die Bauernfamilie aus dem Skjomdalen, dass am Gautelisdamm über sechs Meter Schnee auf freiem Feld gemessen wurden!

Das Baugefjellet ist eine Hochebene wie sie in Norwegen sehr viel vorkommt. Anders als in den Alpen wo man ansteigt, einen Pass überquert und dann ins nächste Tal hinuntersteigt, ist der „Pass“ hier meist ein Hochfjell auf dem oft viele Seen vorhanden sind.

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Baugefjellet

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Baugefjellet

Die Landschaft ist atemberaubend schön, zugegebenermassen habe ich auch das perfekte Wetter dazu! Nach dem Hochplateau folgt der Abstieg zum Baugevatnet. Doch die Aussicht von hier oben verschlägt mir definitiv die Sprache!

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Baugevatnet

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Baugevatnet

Der türkisfarbene See, der Schnee in den Bergen und das Azur des Himmels, lässt keine Wünsche mehr offen. Der Weg führt nun direkt runter an den See, wo er für drei Kilometer der Wasserlinie folgt. An dessen östlichen Ende treffe ich auf einen perfekten Camp Platz, doch ich bin ja erst gerade losgelaufen und mein Weg nach Pauro ist noch weit.

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Seeende des Baugevatnet

Einen Kilometer vom Seeende entfernt sticht schon bald die neue Baugebua Hütte des DNT ins Auge. Vor ein paar Jahren ist die alte Hütte abgebrannt und auch die daneben gelegene Hängebrücke war im Eimer.

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Hängebrücke bei der Baugebua

Der Baugejohkka ist normalerweise ein relativ ungemütlicher Bach und wenn hier die Brücke fehlt, dann kann das ganz schön ärgerlich werden. In den Hüttenbüchern von Sitas und Pauro ist denn auch zu lesen, dass in dieser Zeit die Leute tatsächlich den Rückweg antreten mussten, da der Bach viel Wasser führte……. und der Rückweg ist auf beide Seiten lang, Richtung Süden brutal lang!! Ein queren des Baches wäre heute bei dem tiefen Wasserstand wohl möglich gewesen, aber sicher mit gemischten Gefühlen.

Ich bin jedenfalls sehr froh, nach einer kurzen Pause, gemütlich über die Brücke zu laufen um meinen Weiterweg ohne Probleme fortsetzen zu können. Der Weg führt nun in einem grossen, fünf Kilometer langen Bogen, 180° um das grosse Paurofjellet herum, steigt an und passiert dabei wieder mal die Grenze nach Schweden und gleich wieder zurück.

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VIele namenlose Seen in Schweden, nur zuhinterst ist noch der Sitassee zu sehen

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Kåbtåjaure, Márggo Gebirge

Ich steige immer mehr an, erreiche schon wieder neunhundert Höhenmeter, als mir die Sicht auf das Paurogebiet freigegeben wird! Ich bleibe eine ganze Zeit stehen und atme tief ein. Ich habe bisher viele tolle Landstriche in Norwegen und Schweden gesehen, aber das toppt alles.

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Pauro

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Pauro

Über eine Stunde verbringe ich auf diesem Übergang und kann gar nicht genug bekommen. Mit dem Fernglas sind die Paurohütten am Nordwestende des Paurosees schon zu sehen, keine vier Kilometer trennen mich vom heutigen Etappenziel.

Auf der gegenüberliegenden Seite liegt das grosse Gihtsejiegna Eisfeld über welches sich gerade riesige Wolken ergiessen und den Gletscher verschwinden lassen. Wolken..?? Innert kurzer Zeit sind unter den Wolken auch schon die für heftige Regenschauer typischen Schleier zu erkennen. Das heisst wohl langsam in die Gänge kommen und zur Hütte rübergehen, bevor hier noch was nass wird! Doch die Wahnsinnslandschaft lässt mich immer wieder anhalten, Bilder machen, staunen und………schlussendlich auch nass werden. Naja, einen Kilometer vor der Hütte werde ich so richtig im Hauptwaschgang durchgespült, aber was soll`s…..die Hütte ist ja schon da.

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Paurohütten DNT

Wiederum werde ich hier wohl alleine bleiben in den Hütten von Pauro. So richte ich mich gemütlich ein, mache ein Feuerchen im Ofen um alles zu trocken, setze Kaffee auf und lege mich geschafft auf das weiche Sofa und ….. nicke ein. Als ich erwache ist der Regen vorüber und der Himmel färbt sich langsam wieder blau. Die Lage der Hütten ist sensationell, von hier hat man einen wunderbaren Blick über den See und auf den gegenüberliegenden Berg Noajdde. Nach dem Nachtessen widme ich mich wie gewohnt der Hüttenlektüre, Hüttenbücher, Ordner mit Wegtipps, Tourenvorschläge usw. Ein Thema ist aber sehr präsent hier, die Wegführung nach Røysvatn.

Zum einen liegt kurz nach der Hütte ein etwa fünfzig Meter breiter Wasserabschnitt, den man mit einem Ruderboot bewältigen muss, dann folgt ein Streckenabschnitt der über viele Jahre falsch in den offiziellen Landkarten markiert war, eine Hängebrücke die so oft nicht brauchbar war und zu guter letzt, die doch ansehnliche Distanz von rund neunundzwanzig Kilometer zur nächsten Hütte in Røysvatn. Doch ich bin über alles bestens informiert und gespannt wie der morgige Tag wird, vor allem auch wettermässig, da dieser Tag in den Prognosen eher durchzogen war.

Doch jetzt geniesse ich zuerst diesen tollen Ort, diese unglaubliche Stille und Einsammkeit….

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Abendstimmung am Paurosee

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Gihtsejiegna Eisfeld

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Beeindruckt!!

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Abendstille in Pauro

Ich muss mich schon fast zwingen ins Bett zu gehen, doch die Müdigkeit übernimmt langsam die Macht über mich. Die letzten Tage seit Narvik waren happig, aber ich kann mich definitiv nicht beklagen. Die Verhältnisse sind ein purer Traum und ich merke wie der Fernwanderer Groove in meinen Gliedern steckt und raus will. Die lange Etappe morgen sehe ich als willkommene Herausforderung an und freue mich diese anzunehmen!

Samstag 10.August (29 Km)

Als ich nach einem wahren Murmeltierschlaf erwache, blinzle ich vorsichtig durch`s Fenster hinaus und lasse ein lautstarkes „Au backe“ durch die Hütte schallen.

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Besser geht es nicht!

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Pauromorgenstimmung

Wenn das jetzt ein Traum sein sollte, beiss ich mich, aber ehrlich! Ich hüpfe wie ein junges Reh aus dem Bett, schnappe meine Kamera und fliege nach draussen. Mann oh Mann, was für ein Tag, das ist ja Weihnachten, Geburtstag und Lottogewinn auf einmal!

Es vergeht kaum eine Stunde, da schliesse ich die Türe der Hütte hinter mir und mache mich auf den Weg. Dieser Tag soll zu einhundert Prozent ausgekostet werden.

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Abflugbereit

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Landzunge zum Bootsübergang

Lange einlaufen kann ich mich aber nicht, denn schon nach einer viertel Stunde stehe ich am Ende der Landzunge und sehe ( zum Glück) ein Boot auf meiner Seite! Was wurde nicht schon über diesen Bootsübergang in Pauro erzählt, geschrieben und auch geflucht. Das Prozedere ist eigentlich relativ einfach, aber scheinbar für einige Menschen doch nicht so logisch, oder es ist ihnen egal. Schon in der Hütte hatte ein Wanderer das ganze auf einem Blatt Papier deutlich gezeichnet und an die Wand gehängt und doch kommt es immer wieder vor dass beide Boote am gleichen Ufer sind. Wenn`s blöd geht….am anderen Ufer!

Früher stand hier eine Brücke, doch diese wurde immer und immer wieder weggeweht oder war defekt, daher hat sich der DNT diesen Trick einfallen lassen:

  • Der Wanderer kommt zum Übergang und hat auf beiden Seiten je ein Boot.
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Je ein Boot auf beiden Seiten

  • Man nimmt das Boot, fährt rüber und nimmt das andere Boot in Schlepp und zieht es wieder mit auf die Seite von der man kam.
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Beide Boote auf einer Seite

  • Nun fixiert man das eine Boot wieder am Boden fest, damit es nicht weggeweht wird und rudert mit dem zweiten Boot rüber und macht es dort auch wieder fest.
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Dritte und letzte Fahrt zum Zielufer zurück

  • Und der ganze Zauber ist vorbei, auf jeder Seite ist wieder ein Boot und die nächsten Wanderer müssen sich nicht ärgern!
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Alles wieder an seinem Ort!

„Ist doch ganz einfach, wo liegt das Problem?“ denken jetzt wohl die meisten, aber es scheint definitiv ein riesiges Problem für ein paar Leute zu sein, denn die Hüttenbücher und Tourberichte sind voll von verärgerten Wanderern, denen ein solcher Ablauf nicht möglich war. Es hat scheinbar soviel Ärger gegeben, dass der DNT 2020 offensichtlich wieder einen Hängebrücke montieren will.

Und was ist, wenn man es eben doch nicht so antrifft wie es sein sollte? Da gibt es eigentlich nur zwei Lösungen, abgesehen vom Rückzug.

  • Schwimmen! Machbar, aber doch eher kalt….

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  • Um den See herum laufen, c.a. 7.5 Kilometer!

Mit dem niedrigen Wasserstand den ich hier antreffe, wäre es wohl möglich durch die Enge rüberzulaufen. Wasserstand am tiefsten Punkt c.a. 1.5 Meter während zehn Metern, danach etwa fünfzig bis sechzig Zentimeter tiefes Wasser. Doch ich gebe zu, so war es einiges einfacher und angenehmer!

Doch der nächste „Take“ folgt sogleich. Über viele Jahre ist in den schwedischen Topokarten der Weiterweg nach dieser Seeenge falsch eingezeichnet gewesen, erst auf den letzten, neugedruckten Karten ist es korrigiert worden:

Zwischenablage01

Die blaue Linie markiert den falschen Weg und der gelbe Kreis wird dann zum grossen Problem, denn dort gibt es keine Brücke und der Bach ist ziemlich heftig! Doch dieser Fehler hat sich über all die Jahre herumgesprochen und mittlerweile stehen auf dem richtigen Weg so viele Steinmänner, dass man schon von einem zum anderen hüpfen könnte!

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Der Fonntinden im Spiegelbild

Und der letzte „Take“ folgt schon kurz danach in Form einer Hängebrücke, die eben hängen sollte und nicht zerstört am Boden liegen, wie sie das scheinbar oft tut! Ich habe heute ein Stück Glück……sie hängt tatsächlich noch, wenn auch etwas wackelig und windschief und der Abstieg ist auch nicht mehr gerade vertrauenswürdig, aber sie hält.

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Naja………..!

Es war mir lange ein Rätsel warum das die norwegischen Brücken oft so baufällig und nicht ganz problemlos sind, während die schwedischen meistens grundsolide Metallkonstruktionen aufweisen. Das hat nichts damit zu tun dass die Norweger keine Brücken bauen können, es sind schlicht deren Gesetze, die es nur in Ausnahmefällen erlauben fix montierte Bachübergänge zu bauen. Ein Supervisor des DNTs den ich getroffen hatte in Narvik, hat mir dies so erklärt. Ich hatte ihn auf das Problem vieler Brücken angesprochen und er zeigte grosses Verständnis dafür, doch es sind ihnen ganz einfach die Hände gebunden. Die „Dugnads“ (Freiwillige des DNT) versuchen wirklich alles um die Brücken sicher zu machen, (was sie auch in den meisten Fällen sind!), doch das raue Klima setzt diesen Holzkonstruktionen immer wieder heftig zu.

Nachdem ich nun auch dieses „Problem“ hinter mich gebracht habe, kann ich definitiv Fahrt aufnehmen. Ab hier ist die Wegmarkierung für viele Kilometer eher etwas bescheiden, doch die Topographie spricht für sich und so habe ich auch nicht mehr lange nach roten Ts oder Punkten gesucht, sondern bin einfach der Geländelinie gefolgt.

Erst der schwedische Grenzkern Rr252 ist wiederum von weitem sichtbar, auch wenn er leider etwas zusammengefallen ist. Es ist nicht einfach ein Kern, sondern er gehört zu den ältesten überhaupt in diesem Teil von Schweden.

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Schwedischer Grenzkern Rr252

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Rr252 / 1763

Ich schaue mir die Jahreszahl 1763 an und denke mir gerade…..“ was dieser Stein hier wohl schon alles gesehen hat?“ Wahnsinn….aber ja, ich muss weiter, mein Weg ist noch weit, zumindest wenn ich wirklich noch nach Røysvatn gehen will.

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Bovrojávri

Wer die Karte um Pauro studiert, wird sehr schnell auf die Flussenge von Bovrojávri stossen:

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Den Fundamenten an, stand hier mal eine Brücke die den Umweg über Pauro nicht nötig machte. Ohne Brücke hingegen kann man sich hier gewaltig verschätzen, der Übergang ist nicht möglich! Selbst jetzt wo es so trocken ist, fliesst dort ein reissender Fluss durch die Enge hindurch.

Entlang des grossen Sees Kåbtåjaure geniesse ich die Spätmorgensonne und die prachtvolle Landschaft. Es macht riesig Spass und all die Gedanken an lange Etappe oder „schaff ich das heute noch nach Røysvatn“, sind wie weggeblasen. Ich brauche mir ja auch keinerlei Gedanken wegen der Hütte zu machen, ich habe ja ein Zelt bei mir. Doch ich gebe zu, dass ich in den letzten Jahren ein totaler Fan der DNT Hütten geworden bin. So langsam gehe ich auf die hundert besuchte Hütten zu und bin jedesmal gespannt, wieder auf eine „neue“ zu treffen. Die Hütten sind oft wie offene Bücher, erzählen Geschichten und bieten den Menschen wertvollen Schutz. Immer wieder finde ich Hüttenbucheinträge von Menschen welche ich in den letzten Jahren kennengelernt oder sogar getroffen, deren Geschichte mitbekommen habe. Da hängen Bilder vom Bau der Hütte, von Menschen, die viele Stunden investiert haben, damit ich es jetzt hier gemütlich habe. Warum steht die Hütte jetzt genau hier? Und warum gerade solch eine Hütte usw…! Immer wieder spannende Geschichten.

Im Moment kommt mir aber auch die Distanz der Hütten entgegen, ich kann mich gut auf diese Etappenlänge einlassen und mit meinem Tempo werden dies auch nicht allzu lange Lauftage!

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Kåbtåjaure

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Ab und zu ein Hinweis, das ich mich auf dem Nordkalotleden befinde

Bevor es nach dem Kåbtåjaure über einen kleinen Pass geht, muss ich zuerst noch über den grossen Bach Márggojåhkå. Doch selbst da brauche ich nicht mal die Schuhe auszuziehen und finde meinen Weg über die Steine hinüber auf die andere Seite. Ich lache vor mich hin…..Genusswandern, genau so kann man das sehen!

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Skuogejávrre

Auf dem Pass blicke ich hinunter auf den See Skuogejávrre. Bei solchen Anblicken bekommt man dann plötzlich auch mal ein Gefühl für Distanzen. Der Weg geht entlang des ganzen Sees und am südlichen Ende auch noch um den See herum ins nächste Tal. Dieser Teil ist gerade mal ein knapper 1/5 der ganzen Tagesetappe!

Laut Karte wäre es auch möglich an der rechten Westseite des Sees entlangzulaufen um vielleicht 2 Kilometer abzukürzen, doch ich wähle den offiziellen Weg und bin durch den guten Track sicher genau so schnell.

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Mittagspause am Skuogejávrre

Nach einer längeren Mittagspause, mache ich mich auf den Weg Richtung Røysvatn.

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Sandy Beach am Skuogetjåhkkå

Und wieder komme ich so an einem Traum Camp Site vorbei, doch es ist noch früh und meine Beine haben noch nicht den Wunsch nach Feierabend, so lasse ich diesen wunderschönen Sandstrand im Rücken und erreiche kurz darauf die schwedische Brücke über den Bach Svártilijåhkå.

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Brücke über den Svártilijåhkå

Bei der Brücke setze ich mich kurz hin und schaue in die Karte. Einen kleinen Moment überlege ich, ob ich hier nicht gerade dem Bach entlang südwärts laufen will. Vier Kilometer von hier würde ich über einfaches Gelände auf den von mir angepeilten Weg Gränsleden treffen, könnte dort noch ein paar Kilometer gegen Ritsem laufen und wäre dann einen Tag früher dort. Das würde mir einen Umweg von gut sechzehn Kilometer ersparen. Aber ich lasse den Gedanken gleich wieder fallen, es war ja schon lange mein Wunsch mal das Gebiet um Røysvatn zu sehen und ich habe ja schliesslich mehr als genug Zeit! (Einmal mehr drückt der „ewig Ziel suchende“ Fernwanderer durch!)

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Svartijávrre

Entlang des Sees Svártijávrre führt der Weg langsam ansteigend Richtung Røysvatn. Mittlerweile sind über fünfundzwanzig Kilometer unter den Sohlen und jetzt heisst es noch mal etwas reinbeissen, denn es geht doch gleich noch eine satte Steigung von knapp dreihundert Höhenmeter steil rauf.

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Die Schneemengen nehmen langsam zu

Auf der Hochebene angekommen, suche ich mir den Weg zwischen all den Dutzenden von kleinen Seen. Immer wieder verschwindet der Track unter dem noch liegenden Schnee und es sind noch ein paar tückische Schneebrücken zu bewältigen.

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Røysvatnhütten DNT

Und da sind sie, die Hütten des DNT von Røysvatn. Die Besonderheit der Hütten ist natürlich die Sauna die hier frisch aufgebaut wurde. Aber ich muss den Hütten leider gleich einen grossen Punkteabzug geben………das immer in den Hütten anzutreffende, gemütliche Sofa fehlt!!! Die Überreste liegen noch in der Feuerstelle, da wird es wohl bald ein neues geben. Jetzt habe ich mich doch schon so gefreut nach diesem langen Tag…… 😉

Aber es geht natürlich auch ohne Sofa, dafür nehme ich am Wasserfall eine erfrischende Dusche und schlage mir den Bauch voll und geniesse die spätnachmittägliche Sonne. Dieses Mal bin ich mal nicht einzig. In der kleinen Hütte hat sich ein mexikanisches Zwillingspaar einquartiert. Die beiden jungen Frauen sind seit Tagen immer einen Tag voraus gewesen, haben aber diese Etappe zwischen Pauro und Røysvatn in zwei Tagen absolviert. Leider sind sie alles andere als gesprächig, sehen auch ziemlich nudelfertig aus und haben wohl nur noch das Bett vor den Augen.

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Was auch immer für eine Geschichte zu diesem Wegweiser am Toilettenhäuschen steckt?

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Blick zum Berg Rávdoajvve (höchster,links)

Mein Blick mit dem Fernglas geht zum Berg Rávdoajvve hinüber. An dessen rechten Seite erkenne ich das Stibokfjell welches auch dieses Jahr wieder sehr viel Schnee aufweist. 2017 wollte ich dieses durchqueren, musste es aber auch aus Gründen von zuviel Schnee streichen. Ganz kurz habe ich auch dieses Jahr daran gedacht, aber als ich den zunehmenden Schnee in den Bergen gesehen habe, war mir schon bald klar, dass es wohl auch 2019 ein Murks wäre dort durchzugehen.

So habe ich mich für den Gränsleden entschieden, der über 62 Kilometer von der Westküste bis nach Ritsem hier vorbeiführt. Dieser Weg war auch schon länger auf meiner „To do“-Liste und nun zeigen sich die Verhältnisse ja von der besten Seite. 2007 wurde der Weg angelegt und 2010 auch noch auf seine heutige Distanz verlängert. Lange haben sich der schwedische Verband STF und der norwegische DNT darüber unterhalten, in der Mitte des Weges zwischen Røysvatn und Ritsem gemeinsam eine Hütte zu bauen. Die rund 42 Kilometer sind nicht an einem Tag zu schaffen und so wäre dies komfortabel für die Wanderer gewesen, welche kein Zelt mitnehmen wollen/können. Doch leider konnte man sich nicht auf die Kostenteilung einigen und das Projekt wurde gestrichen. Dafür haben die Gränsleden Initianten nun über diese Etappe vier Rastplätze mit Windschutzhütten und WCs eingerichtet. Übernachten kann man in diesen „Hütten“ allerdings nicht oder nur sehr schlecht.

Am Abend erreicht noch ein junger Schwede Røysvatn, der allerdings noch weiterlaufen will. Er ist über den Gränsleden gekommen und berichtet von hervorragenden Verhältnissen. Allerdings weist er mich darauf hin, jede mögliche Wasserstelle zu nutzen, da es kaum Wasser hat unterwegs. Die Trockenheit lässt grüssen!

In der Nacht kommt allerdings jetzt etwas Wasser von oben und am Morgen ist es noch verhangen und nieselt leicht. Die Wetterprognosen treffen dieses Mal definitiv ins Schwarze. Ich hoffe allerdings, dass auch die vorhergesagten Aufhellungen eintreffen!

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Der erste nasse Morgen

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Die drei wichtigsten Bestandteile meines Proviants am Morgen. Das Knäckebrot ist schon verputzt!!

Sonntag 11.August (23 Km)

Um 9.00 hört es auf zu regnen und ich mache mich, dieses Mal in Regenmontur, auf den Weg. Regen liegt noch in der Luft, doch es hellt tatsächlich immer mehr auf.

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Schlechtwetter heisst nicht schlechte Laune! Und im übrigen gibt es nur schlechte Kleidung 🙂

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Sårgåjávrre

Als der See Sårgåjávrre in Sichtweite kommt, heisst es Zeit Abschied vom Nordkalotleden zu nehmen. Dieser 800 Kilometer lange Weitwanderweg von Kautokeino nach Kvikkjokk/Sulitjelma führt nun an der Südseite des mächtigen Akkajaure Stausees entlang Richtung Padjelanta National Park. Ausser zwei kleinen Teilstücken, eines am Anfang in Kautokeino und der Teil hier, von der Weggabelung bis nach Vaisaluokta rüber, habe ich nun auch diesen unter meine Sohlen gekriegt in den letzten Jahren. Das Stück hier im Narvikfjell hat mir noch gefehlt und nun konnte ich das bei besten Verhältnissen und super Wetter laufen, das freut mich riesig und erfüllt mich mit grosser Dankbarkeit!

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Die Samifarbenen Wegweiser

Ab jetzt übernehmen die Wegweiser in Sami Farben die Wegfindung. Die Farben sind auch die Grundfarben der Flagge der Samis. Rot steht für das Wärme und Licht spendende Feuer sowie die Liebe, Grün für die Natur und Pflanzen ihrer Heimat Sápmi, die entscheidend zum Überleben beitragen. Gelb repräsentiert die Sonne, die für Langlebigkeit steht, und Blau steht für das Wasser, ohne das kein Leben möglich ist.

Nach dem ersten Windschelter des Weges geht der Weg hinunter zu der Brücke des schon gestern überquerten Baches Svártilijåhkå.

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Hier wäre ich also runtergekommen wenn ich die Abkürzung genommen hätte. Nachdem ich das Hochfjell und dessen wunderschöne Kargheit verlassen habe, führt mich der Weg nun während Stunden an der Vegetationsgrenze entlang.

Ich befinde mich in riesigen Feldern von Moltebeeren und Blaubeeren. Doch leider sind die Moltes noch praktisch alle rot und unreif und die Blaubeeren sind zum Teil noch kleine, grüne stecknadelkopfgroß Pfropfen. Die Trockenheit hat die Natur in Rückstand gebracht und lässt mein Naschen leider ziemlich dezent ausfallen….!

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Wenige reife Moltebeeren

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Blick auf den Sårgåjávrre

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Sami Siedlung im Sårgåjávrre

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2. Schelter am Gálavárddo

Kurz nach dem Windschutz in Gálavárddo kommt der riesige Akkajaure in Sichtweite. Von hier geht es nun vierhundert Höhenmeter runter an das westliche Seeende und…es geht nun auch für einige Kilometer in die dichte Vegetation hinein.

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Der Blick wird frei zum See Akkajaure

Ab hier muss ich mir langsam überlegen wo ich mein Nachtlager einplanen will. Von hier führt der Weg nun zwölf Kilometer durchs Dickicht und Zeltplätze werden wohl ziemlich rar. Hinzu kommt auch noch Terrain, dass ziemlich matschig sein könnte und die eine oder andere Mücke beheimatet. Ich fühle mich aber noch top und die zwölf Kilometer sollten noch drinliegen bis ich wieder an die Vegetationsgrenze gelange. Mittlerweile pfeift mir ein stürmischer Wind entgegen, der mir die Mücken vom Leibe hält. Bis jetzt hatte ich ja kaum bis gar keine Mücken festgestellt!

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3. Schelter am Akkajaure Westende

Rassig geht es den Weg hinunter an den See. Der Schelter liegt etwas versteckt im dichten Birkenwald und an ein Nachtlager ist hier nicht zu denken. Von Ritsem aus kann man sich hier mit dem Boot hinfahren lassen um den Gränsleden etwas abzukürzen.

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Kurz hinter der Windschutzhütte ist die grosse Hängebrücke von Ubmasvárásj. Dort am Ostende der Brücke wäre zwar ein etwas schiefer Platz für das Zelt gewesen, doch ich laufe weiter und versuche mein Glück etwas weiter vorne. So langsam formieren sich grosse Niederschlagswolken am Berg Áhkká und der Wind riecht schon ziemlich heftig nach Regen. Wenn ich nicht klitschnass ins Zelt will, dann werde ich das mit der Vegetationsgrenze heute wohl nicht mehr schaffen.

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Brücke am Ubmasvárásj

Plötzlich geht es ganz schnell. Obwohl ich durch den Wald pfeife wie ein Hochgeschwindigkeitszug und mich dauernd nach einem guten Platz für das Zelt umschaue, nähern sich die Regenwolken unglaublich schnell. Da!! Das muss es sein! Ein kleiner Platz, etwas schief, aber hier stelle ich in Rekordzeit mein Zelt auf, esse noch schnell was und lege mich in meine Penntüte und………… es regnet nicht!

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Doch noch ein Platz gefunden!

Es ist gerade mal 18.00 aber es ist mir egal. Ein paar Stunden Schlaf und dann ab nach Ritsem wo ich hoffe, gegen Mittag einzutreffen. Der Wind wird immer härter, aber dank den Bäumen um mich herum bin ich etwas geschützt. Der Wind hat jetzt aber noch einen ganz anderen Vorteil, er hält mir die Mücken fern, die nur darauf warten mich zu verspeisen! Ich hoffe nur zu sehr, dass dieser Wind nicht irgendwann aufhört, sonst wird das ein lustiger Morgen!

Doch kurz nach Mitternacht ist es soweit…..Windstille! Ich bemerke wie es langsam dunkler wird im Zelt, doch es ist nicht etwa die Nacht, sondern die Mücken!! Ein riesiger Film Moskitos legt sich zwischen Innen- und Aussenzelt und freut sich auf den Moment, an dem ich mich am Morgen rausbewege.

Montag 12.August (20 Km)

Es ist knapp nach 4.30 als ich hellwach bin. Ich habe nicht auf die Uhr geschaut, aber ich glaube nicht, dass ich mehr als zehn Minuten gebraucht habe um aufzustehen, Zelt und Material einzupacken und mit Moskitonetz über dem Kopf zu flüchten. Wahnsinn…. sowas habe ich echt noch nie gesehen und ich bin heilfroh, als ich zum Akkajaure runterkomme und eine Brise Wind die Flugviecher in die Flucht schlägt!

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Göttinenmutter der Sami, der Berg Áhkká

Nun endlich kann ich gemütlich am Wasser frühstücken, mich waschen und den wunderbaren Ausblick auf die Königin Lapplands geniessen, den Berg Áhkká.

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Entlang des Gränsleden

Etwas erstaunt, aber angenehm überrascht, nehme ich zur Kenntnis, dass das Wetter gerade auf „schön“ dreht. Die Wolken verziehen sich und der auffrischende Wind hat nun wieder das Zepter übernommen.

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Grenzenlose Schönheit

Der Morgen entwickelt sich zu einem unvergesslichen Hingucker. Der Pfad ist perfekt, das Wetter immer schöner, die Vöglein pfeifen ihre Lieder, die Elche kakken den Weg voll und meine Augen streichen über die Landschaft und……….Platsch!!

Nach meinem Desaster in Sulåmoen auf meiner Norge på langs Wanderung Teil 1 / 2013 hatte ich eigentlich gehofft, dass nicht mehr wieder zu erleben. Aber der gute Martin steckt mal wieder bis zu den Hüften im Moor, die Stöcke sind im Sumpf verschwunden und mit grossem Aufwand kann ich mich gerade so wieder rausziehen (inkl Stöcke). Mann oh Mann….. gibt es denn sowas?? Da macht der Weg einen 90° Rechtsbogen und ich laufe blindlings geradeaus in den wahrscheinlich einzigen Sumpf momentan weit und breit. Was habe ich doch für ein riesiges Dusel, dass ich am Morgen dem Wetter noch nicht getraut habe und ich mich in die Regenklamotten geworfen habe! Dies zahlt sich nun aus. Obwohl die Schuhe einigermassen voll Schlamm sind, ist das Resultat noch ziemlich zufriedenstellend. Und tatsächlich kommt genau in diesem Moment die Sonne hervor, was für ein Glück.

Es ist nichts passiert und nach einer Trocknungsstunde, kann ich mit der trockenen Garnitur Kleider und nur noch etwas feuchten Schuhen den Weg wieder aufnehmen, immer schön auf den Boden schauend!

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Westseite des Akkajaure

Auch wenn Vegetation etwas reizvolles hat in Norwegen und Schweden….bin ich froh wieder oberhalb dieser anzukommen und freie Sicht auf die Landschaft zu haben! Es entwickelt sich ein absoluter Hammertag und die Aussicht von hier oben ist schlicht nur noch genial!

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4. und letzter Schelter am Stuor Sievgok

Eine kurze Pause noch am Schelter und dann mache ich mich auf den Weg nach Ritsem. Es zieht sich allerdings noch ziemlich, entlang des Stuor Sievgok, doch die eiskalte Dose Bier und etwas salziges warten auf mich!

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Áhkká

Der Áhkká lässt mich aber immer wieder stehenbleiben und es scheint so, wie wenn er eine unglaubliche Anziehungskraft hat. Ein wunderschöner Berg!

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Ritsem!

Doch dann, nach sechs Stunden Laufzeit kommt Ritsem in Sicht. Der Weg führt nun wieder steil in die Vegetation hinunter und endet, etwas unspektakulär, an einer Holzpforte.

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Eingang zum Gränsleden

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Ritsem STF Fjällstation

Duschen, waschen, Material reinigen und gemütlich bei Bier und Pizza den Tag ausklingen lassen, sind die nächsten Programmpunkte. Doch das ist noch nicht alles, den was wird die nächsten Tage passieren? Zuerst lasse ich aber mal die letzten Tage auf mich wirken, den sie waren schlicht grandios!

Gränsleden

Er führt immer noch etwas ein Schattendasein unter den grossen und bekannten Fernwanderwege wie Nordkalot, Nordlandruta oder Kungsleden. Er ist mit knapp siebzig Kilometer natürlich auch einer der kürzesten und verläuft nicht gerade an den touristischen Hauptströmungen vorbei. Hinzu kommt, dass es ein Zelt braucht und die Hin- oder Abfahrt im Sørfjord nur mit einem privaten Bootstaxi möglich ist, dass man sich dorthin bestellt. Daher wundert es auch nicht, dass ich über die gut dreiundvierzig Kilometer von Røysvatn bis nach Ritsem nicht eine einzige Person gesehen habe. Der Gränsleden steht natürlich auch in der Konkurrenz des vis a vis liegenden Nordkalotleden, der von Vaisaluokta bis nach Røysvatn führt. Diese Strecke, allgemein bekannt als eine der sumpfigsten überhaupt auf dem Nordkalot, wobei dieses Jahr wohl kaum ein grosser Sumpf geherrscht hat, verläuft praktisch immer im Birkenwald oder sonstigem Grünzeug. Hier kann meiner Meinung nach der Gränsleden deutlich mehr Punkte gewinnen. 2/3 des Wegs führen oberhalb der Baumgrenze und sind deswegen um einiges angenehmer zu gehen, auch bei Nässe.

Mein persönliches Fazit fällt definitv besser aus, als ich es mir vorgestellt habe. Der Weg unterscheidet sich in vier verschiedene Geländearten und hat über 2/3 der Strecke einen gewaltigen Ausblick auf die grossen Seen, die Berge und auch zum Teil das Hinterland. Fast permanent kann man hier mit Wind rechnen und ist so sicher auch besser geschützt vor den Schwadronen Mücken die sich hier im Sommer tummeln. Der Gränseleden ist auch bedeutend kürzer als Verbindung zwischen Ritsem und Røysvatn, in Wegkilometer gerechnet sind dies c.a. 15 Kilometer. Selbstverständlich macht das gute Wetter dass ich hatte, auch viel aus in der Gesamtbeurteilung, aber ich kann den Weg definitiv empfehlen!

Die Wetterprognosen lassen nun aber den Schluss zu, dass sich da gerade etwas zusammenbraut in den nächsten drei Tagen. Ich setze mich mit dem Fjällstation Aufseher zusammen und zeige ihm meinen Plan zurück nach Skoaddejávre zu gehen. Es gibt keinen Weg hierzu, ist aber vom Gelände her kein so grosses Problem mit einer Ausnahme, der Bach Lhitijohka kurz nach Sitasjaure. Es handelt sich um einen der grösseren Bäche in der Region da er ein riesiges Einzugsgebiet entwässert. In der Regel kann man diesen Bach nicht überqueren und es gibt auch keine Brücke. Erst viel weiter oberhalb, wo die grossen Sami Siedlungen um Kaisejaure liegen, wäre es im Normalfall möglich den Bach zu queren. Diese Strecke wird ganz selten im Sommer gemacht und auch die Hüttenbücher in Sitasjaure und Skoaddejávre weisen kaum Einträge dazu auf.

Dieses Jahr allerdings wäre dank der Trockenheit der Lhitijohka und auch all die weiteren Bäche danach wohl kaum ein grösseres Problem. Doch der Hüttenwart weist mich auch darauf hin, dass in den zwei nächsten Tagen Regenfälle mit bis zu 150 mm angesagt sind, inklusive Nebel. Da ich aber noch die 20 Kilometer bis nach Sitasjaure hochlaufen müsste, würde ich es mit diesem Wetter genau auf diese weglose Strecke treffen. Von der Navigation her wäre dies keine grosse Sache, das Gelände gibt da genug Anhaltspunkte, aber der Laufgenuss würde wohl auf sehr tiefem Niveau sein und auch eine Zeltnacht bei strömendem Regen beinhalten! Er empfiehlt mir davon abzusehen und auch meine Meinung peilt ziemlich sicher in diese Richtung, obwohl es mich gerade etwas ärgert. Doch Wetter ist Wetter und ich bin definitiv zu alt um mir noch irgendetwas anzutun, nur damit ich es gemacht habe. Diese Zeiten habe ich hinter mir. Der Spass und die Freude müssen dabei sein! Doch ein klitzekleines Fenster für den Morgen lasse ich mir noch offen.

Die Alternative ist halt dann auch nicht gerade der wahre „Wandergenuss“! Um 9.00 mit dem Bus 4 Stunden nach Gällivare und dann mit dem Zug über Kiruna 4 Stunden nach Narvik…….! Doch diese Variante würde mich immerhin in einem Tag nach Narvik bringen, wo ich für weitere Alternativen schauen könnte und ich würde nicht hier in Ritsem festsitzen.

Dienstag 13.August (0 Km)

Es ist 8.30 mein Blick wandert noch einmal auf alle Wetterkarten und Vorhersagen die ich kriegen kann, aber das Blatt wird immer schlechter, von Stunde zu Stunde. Der Entscheid ist gefallen, ich nehme den Bus!

Die Grosswetterlage in Nordskandinavien deutet ab Ende dieser Woche auf einen ziemlich drastischen Wetterwechsel hin. Mehrere Tiefdruckwirbel ziehen vom Atlantik Richtung norwegische Küste, was im Allgemeinen nicht wirklich viel positives anzeigt. Das bedeutet für mich auch, dass ich im Moment eine etwas kleinere Tour suche, und mich nicht zu fest ins Nirgendwo begeben will. Die Suche zielt vor allem auch auf eine Strecke hin die vielleicht zusammenhängend, ein paar DNT Hütten abdeckt und trotzdem nicht allzu weit von den Verkehrswegen weg ist. Da sticht mir in der Planungskarte Nordnorwegens des DNT die Vesterålen ins Auge. Diese Inselgruppe nördlich von den Lofoten gelegen ist weit weniger touristisch als die Lofoten, weist aber praktisch das gleiche Bild auf. Mehrere Inseln mit hohen Bergen die wie Vulkane aus dem Meer schauen. Weite Gebirgszüge mit steil abfallenden Flanken. Doch anders als auf den Lofoten, ist die Topographie etwas gemächlicher und so ist es möglich, zum Teil Wege über eine ganze Insel anzulegen die gut begangen werden können.

Hinnøya sticht mir besonders ins Auge mit ihrer Vielfältigkeit. Sie ist die grösste Insel vor der Küste Norwegens und hat auch eine der grösseren Ortschaften in dieser Gegend, Harstad.

Mittlerweile bin ich in Narvik eingetroffen und mein Plan steht. Eine Nacht werde ich hier in einem Hotel bleiben, bevor ich mit dem Bus nach Hinnøya rüberdüse, welcher mich dann irgendwo am Anfang eines Pfades ausspuckt.

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Bus Ritsem-Gällivare

Wie richtig meine Entscheidung an diesem wettermässig noch als Übergangstag gewerteten Dienstag ist, zeigt sich schon kurz nach der Abfahrt, als eine riesige Regenwalze über den Akkajaure Richtung Ritsem fegt. Während der ganzen Fahrt nach Gällivare regnet es immer wieder heftig und ich strecke meine trockenen Beine im Bussitz und schlürfe gemütlich an meinem Becher Kaffee.

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Der Staudamm des Akkajaure dessen Geschichte in meinem Buch „Schritt für Schritt nordwärts“ beschrieben ist. Ein seltsamer Anblick!

In Gällivare wechsle ich in den Zug, der mich in vier Stunden nach Narvik bringen wird. Während der Bus- und Zugsfahrt ist natürlich auch mehr als genug Zeit um im Internet etwas zu forschen, was es denn als nächstes sein könnte.

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Unterwegs in der Nähe von Abisko. Blick nach Lappjord

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Und wieder an Katterat vorbei, doch dieses Mal bleibe ich sitzen. (Aber es zieht mich extrem nach draussen!!)

Einige Impressionen der Zugsfahrt nach Narvik:

Narvik:

Zur Verfeinerung des Plans, setze ich mich in mein „Stammpub“ und lasse bei zwei Bier die Gedanken auf die nächsten Tage lenken.

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Mittwoch 14.August (10 Km)

So setze ich mich am nächsten Tag in den Bus und fahre knapp zwei Stunden raus nach Hinnøya. Unterwegs freunde ich mich mit zwei Frauen an, die auf dem Weg zu den Lofoten sind. Eine Holländerin welche gerade eine beruflich hektische Zeit hinter sich hat, über den Kungsleden gewetzt ist und noch ein paar Tage auf den Inseln verbringen will. Und eine etwa gleichaltrige Frau aus Stavanger, die aus einer Burn Out Behandlung kommt und gerade ihren „neuen“ Weg im Leben sucht und zum Nachdenken auf die Lofoten fährt. Es wird eine sehr unterhaltsame Fahrt, denn nach einer halben Stunde schaltet sich auch der Chauffeur in die Diskussion mit ein und wir haben viel zu lachen. Lebensgeschichten werden ausgetauscht und Gespräche von bitterem Ernst bis zu krachend lustigen Anekdoten machen die Busfahrt sehr kurzweilig.

Nach fast zwei Stunden erscheint auf dem Bildschirm im Bus meine Bushaltestelle in Kanstadbotn, mitten im Nirgendwo. Etwa zwei Kilometer vor dem Halt kommt eine grosse Baustelle und der Bus, welcher schon vierzig Minuten Verspätung hat, bleibt jetzt auch hier nochmals in der Kolonne stehen. Doch niemand regt sich auf….. das gibt es auch nicht überall! Auf meiner Karte sehe ich, dass mein Weg etwa 500 Meter von hier beginnt und ich sage dem Chauffeur, er könne mich gleich hier rauslassen, dann müsse er nicht extra wegen mir in Kanstadbotn anhalten. Er nimmt das gerne zu Kenntnis, öffnet das Gepäckfach und ich verabschiede mich herzlich von allen und wünsche diesen Menschen alles Gute. Eigenartig wie schnell man Menschen kennenlernen kann und schätzen lernt, Geschichten austauscht, über das Leben redet und von einer Sekunde auf die andere ist alles vorbei, man wird diese Menschen höchstwahrscheinlich nie mehr sehen. Mit diesen Gedanken schaue ich noch einmal mit einem Lächeln zum Bus hoch und winke zum Abschied.

Ich ziehe an der Autokolonne vorbei, an deren Beginn ein Bauarbeiter den Verkehr regelt. Er fragt mich wohin ich gehen wolle. Ich zeige ihm auf der Karte, dass ich gleich 300 Meter weiter vorne auf einen Wanderweg einbiegen werde. Er bittet mich zu warten weil der entgegenkommende Verkehr im anrollen ist. Naja, Platz hätte es genug, aber der Junge will das sicher sehr korrekt machen und so warte ich, bis das letzte Auto vorbeigefahren ist. Mittlerweile steht die Kolonne auf meiner Seite wohl schon eine halbe Stunde und ist unendlich lange. Der Bauarbeiter winkt mir dass ich jetzt gehen kann und so tripple ich gemütlich meines Weges, immer schön am Rand, damit ich den Verkehr nicht behindere. Den Verkehr????? Ich habe schon die Hälfte der Strecke zurückgelegt, aber da kommen keine Autos von hinten!! Ich drehe mich um und mich trifft fast der Schlag! Der gute Kerl hält doch tatsächlich den ganzen Verkehr auf, bis ich die Einmündung in den Wanderweg geschafft habe. Ach Du meine Güte, die werden wohl ziemlich viel Freude an diesem Wanderer haben, denke ich und gebe sofort Gas. Als ich einmünde, setzt sich diese ellenlange Kolonne in Bewegung und ich rechne schon mit einem Gewitter verärgerter Autofahrer. Doch nix passiert, im Gegenteil, die winken und grüssen zum Teil noch. Da kommt auch endlich „mein“ Bus…. Mit lautem Gehupe fährt er langsam vorbei und die beiden Frauen winken wie verrückt…..ich muss lachen….. was es nicht alles gibt!

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Der Weg ist vorgegeben…..Harstad ich komme!

Als ich meine Siebensachen wieder so verpackt habe, dass ich lauftauglich bin, marschiere ich los. Auf diesen Inseln gleicht die Topographie der Trails und Wege zu Beginn wie ein Ei dem anderen. Es geht zuerst einmal mächtig steil 400-500 Höhenmeter hinauf, bevor sich das Terrain etwas zurücklegt. Das angekündigte Schlechtwetter für die nächsten zwei Tage rückt langsam näher und der Regen und Nebel packen mich schon kurz nach dem Start ein.

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Kanstadbotn

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Irgendwo am Svartvatnet

Als ich die Höhe erreicht habe, befinde ich mich mitten in der Wolkendecke. Die Sicht sinkt zum Teil unter zehn bis zwanzig Meter und ich kann nur sporadisch erahnen, was für eine Landschaft sich dahinter verbirgt. Vorbei am Svartvatnet (vermute ich auf jedenfall), erreiche ich die beiden kleineren Seen am Midtre Kvitelvvatnet und somit der höchste Punkt. Der DNT legt mir hier auch noch kurzfristig ein Ei in dem er den Track vor zwei Wochen auf die andere Seite des einen Sees gelegt hat und ich gerade ziemlich unsicher bin wo ich eigentlich überhaupt bin. Doch von rechts kommt der Weg vom Fiskefjord hoch und so bin nun sicher, dass alles auf dem richtigen Weg für mich ist!

3Toralfsbu

Blaue Linie: Neuer Track zur Toralfsbu DNT

Nach gut drei Stunden steilem Aufstieg, erreiche ich bei strömendem Regen die Hütten von Toralfsbu DNT.

Schon von weitem sehe ich den Rauch aus dem Kamin steigen. Ein junger Vater ist mit seinem Sohn hier zum fischen. beide kommen aus Harstad und sind auch von dort über den Trail hierhergekommen. Die Hütte ist alt aber sehr gemütlich. Schnell trocknen die Kleider in der kleinen Hütte und ich bin schon bald im Gespräch mit den beiden. Draussen lässt Petrus nun alle Schleusen öffnen und es giesst in Strömen. Die ganze Nacht peitscht der Regen an die Hütte.

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Toralfsbu DNT

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Toralfsbu. Der Name ist Programm hier. Die Hütte ist einem der Gründer des DNTs gewidmet, der hier aus der Region kommt und auch geholfen hat die Hütte zu bauen.

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Toralf Lyngs Dankesschreiben für die Namenswidmung. Ein Visionär und grosses Vorbild vieler Freiwilliger (Dugnat) des DNT!

Donnerstag 15.August (7 Km)

Der nächste Tag wartet grau in grau auf mich. Doch es nieselt nur noch und die Wolkendecke ist heute etwas höher als gestern, was mir die Sicht auf meine Umgebung freigibt. Und wer sagt den, dass die Landschaften so nicht genau so schön sein können?

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Hegedalen

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Kuvaet

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Langdalen

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Langdalen

Es ist eine komplett neue Umgebung und Topographie für mich. In ganz Norwegen sieht man keine dieser für die Vesterålen und Lofoten typischen Steiltäler. Meist hat man irgend einen Meeresarm im Blickfeld und der Weg führt fast immer ohne grosse Steigungen um die scharfkantigen Bergzacken herum. Einzigartig und wunderschön!

Mein Wandertag beschränkt sich heute auf ganze sieben Kilometer, daher bin ich auch erst sehr spät am Morgen losgegangen. Mein Ziel ist die Haakansbu. Immer wenn man diesen Namen ausspricht, bekommen all jene die diese Hütte kennen, gleich wässrige Augen. Auch der Vater mit seinem Sohn gestern in der Toralfsbu haben mich „vorgewarnt“ „so etwas hast Du in ganz Norwegen noch nie gesehen!“

Die Haakansbu ist die neuste und modernste DNT Hütte und wurde gerade erst im Winter eingeweiht, von wem? Natürlich, von Kronprinz Haakon von Norwegen. Allerdings, so hat man mir gesagt, hat die Namensgebung nichts mit dem Königshaus zu tun. Es gibt mittlerweile einige über das ganze Land verteilte Prestigeobjekte des DNT. So etwa die Rabothytta im Okstindan oder die neuen, grossen Hütten im Dividalen ( Vuoma, Dærta). Doch diese soll ganz speziell sein. Na, ich bin mal gespannt und lass mich überraschen!

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Haakonsbu DNT (Links eine der alten Hütten, in der Mitte die Sauna, rechts die neue Hütte)

Und dann stehen sie vor mir, die Hütten der Haakonsbu des DNT. Zuerst etwas unspektakulär, was sich aber dann beim betreten der Hütte ganz schnell ändert!

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Ich bin schon etwas sprachlos…… ein junges Paar aus Oslo und der DNT-Supervisor der nahe Harstad gelegenen Maistua Hütte, können sich ein Lächeln nicht verkneifen “ das geht allen so die diese Hütte das erste Mal betreten“ sagt der DNT Mann Hans-Anton. Es ist nicht einfach nur das Moderne und neue, es fällt sofort ins Auge, dass man hier neues ausprobiert hat. Die riesige Fensterfront welche gegen das Fjell gerichtet ist, zeigt schon worauf man am meisten Wert gelegt hat. Die Natur so gross wie möglich in die Hütte hinein zu kriegen. Es hat wenig modernen Schnickschnack und man hat irgendwie das Gefühl, in einer DNT Wanderhütte einzukehren. Es ist eine Hütte.

Natürlich gibt es dann auch noch 2,3 Sachen die nicht jede Hütte hat, sei es schon nur der etwas spezielle Hüttenbucheintrag:

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Der Kronprinz Haakon von Norwegen geniesst beim DNT einen sehr hohen Stellenwert und wird über alles geschätzt. Er lässt es sich nicht nehmen auch mal unangemeldet in einer Hütte einzukehren und selber Hand anzulegen. Fast wie seine Mutter Königin Sonja, die ab und zu im Reisadalen in der Nedrefosshütte 2,3 Tage Auszeit nimmt, so ist die ganze Königsfamilie sehr mit dem DNT verbunden. Dies ist sicher auch ein Grund, warum „Königs“ in Norwegen sehr angesehen sind und sich einer grossen Beliebtheit erfreuen. Haakon ist übrigens ein grosser Fan des Skilaufens und Skifahrens. Die Chance ihn also im Winter in einer DNT anzutreffen, besteht 😉

Am Abend trifft dann noch ein junges Paar aus Harstad ein. Dass diese Hütte mittlerweile grossen Zulauf hat, fragt sich nicht. Harstad Turlag, also die Sektion des DNTs hier, hat seit diesem Jahr jetzt auch die Reservationsmöglichkeit eingeführt. Man kann im voraus sein Bett reservieren und hat bis 19.00 dieses auch für sich garantiert, weil es schon bezahlt ist.

„Der DNT in Norwegen kämpft von Jahr zu Jahr immer mehr mit dem Problem, dass Leute die Hütten benutzen oder deren Infrastruktur, ohne dafür zu bezahlen. Das ganze Projekt mit den Wanderhütten und deren Benutzung ist auf Basis des Vertrauens aufgebaut. Tausende Freiwilliger (Dugnat genannt), investieren Unmengen Zeit um die Hütten in Stand zu halten, Gas, Holz und sonstiges Verbrauchsmaterial zum Teil sehr umständlich im Winter zu den Hütten zu transportieren und stecken ihr ganzes Herzblut zum Wohle der Organisation und deren Funktionalität hinein.

Gerade abgelegene Hütten wie ich sie jetzt auf dem Nordkalotleden angetroffen habe (Røysvatn oder Pauro), weisen immer weniger Einträge auf, dies bei einem deutlich grösseren Aufkommen von Wanderern. Das Røysvatn gerade mal ein Dutzend!! Einträge im Sommer 2018 aufweist, wird wohl kaum daran liegen, dass nun alle mit dem Zelt unterwegs sind. Dass es in dieser Hütte diesen Winter ein paar Snowscooterfahrer auch geschafft haben den ganzen Holzvorrat mitzunehmen, um ein paar Kilometer weiter eine Party zu feiern, zeigt doch eine deutliche Geringschätzung. (Und beim Winterholz kann es dann für Leute in einer Notsituation auch gleich ziemlich schnell heikel werden, wenn kein Holz zum feuern da ist). Wenn man eine Hütte am Morgen verlässt und von zehn Übernachtungen nur deren drei im Hüttenregister eingetragen wurden, Leute im Zelt nahe der Hütte übernachten, sich gütlich am Holz und Gas in der Hütte tun und ebenfalls kein Eintrag für den Tagesbesuch eingetragen ist, dann spricht das leider gegen dieses Vertrauensprinzip.

Der DNT versucht seit Jahren eine Lösung für dieses Problem zu finden. So haben mir beide DNT-Supervisor die ich dieses Jahr getroffen habe, von Möglichkeiten erzählt, deren Erfolg leider nicht gegriffen hat. Hütten mit Freiwilligen während der Hauptsaison als Hüttenwacht zu besetzen und in der übrigen Zeit das Messingschloss das Zutritt zu unbewarteten Hütten gewährt, zu entfernen, gehört wohl zu den Radikallösungen. Leider wird gerade diese Praxis im Winter mehr und mehr ins Auge gefasst!

Das Reservationssystem scheint sich nun aber langsam auch in den anderen Sektionen durchzusetzen. Man setzt auch immer mehr auf Wandergruppen, Schulen oder Vereine die dann die Hütten praktisch als Ganzes reservieren können. Ob dies allerdings eine Lösung ist, wage ich persönlich etwas zu bezweifeln. Gerade Wanderer die kurzfristig auf einer Hütte übernachten wollen, aber keinerlei Möglichkeiten haben im voraus zu reservieren (Mobilempfang!), werden ein Einsehen haben. Es wird sicher immer ein Bett vorhanden sein, doch kann man sich in häufig benutzten Hütten dann vor 19.00 nicht mehr sicher sein wo ein Platz frei sein wird.

Mich persönlich macht die Problematik sehr traurig und der stete, steile Anstieg des Missbrauchs auch wütend! Die logische Konsequenz, irgendwann wie im schwedischen STF, bewartete Hütten zu deutlich höheren Preisen zu haben, scheint da nicht ganz utopisch zu sein. Wenn man bedenkt wie wenig ein Hüttenbesuch kostet, wie wenig es als Gast braucht um diesen Hütten im altbewährten Leben zu erhalten, dann hoffe ich, dass es irgendwann eine gegenläufige Reaktion gibt, die wieder auf Vertrauen und Respekt basiert!“

Mein Weiterweg durch das Kongvikdalen am nächsten Tag Richtung Harstad zur nächstgelegenen Hütte Björnhaugen, scheint gerade in Gefahr zu kommen. Diese von hüfthohem, vom zweitägigem Regen, nassen Farn und ziemlichem Sumpf geprägte Etappe, wird wohl der Besteigung des Snøtinden zum Opfer fallen! Die Wetterprognose für die nächsten zwei Tage ist schlicht genial und ich möchte definitiv hier noch eine Nacht anhängen und die Umgebung, von der ich ja bis jetzt noch nicht viel mehr als den Weissabgleich gesehen habe, erforschen. Der Snøtinden ist der Hausberg der Haakonsbu, einfach zu bezwingen und wird mit einer Wahnsinnsaussicht belohnt.

Freitag 16.August (9 Km)

Meine norwegischen Freunde werden wohl, wie sehr oft üblich in Norwegen, erst aufstehen, wenn ich schon wieder zurück bin. Doch der Morgen ist meine Zeit und so bin ich schon um 7.00 unterwegs. Die erste Geländeterrasse ist schnell überwunden und so kommt schon der langgezogene Buckel des Snøtinden in Sicht.

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Snøtinden

Über eine Stunde zieht sich nun sehr grossblockiges und mit Schneefeldern überzogenes Gelände hin. Doch es macht riesig Spass und sagt mir wesentlich mehr zu, als die, langsam dem Hosenbein heraufziehende Vegetationsfeuchtigkeit des Farns.

Eine Minute erlaubt mir der Gipfel eine Aussicht, bevor ich vom Nebel eingepackt werde. So steige ich schnell auf den Nachbargipfel der vom Nebel verschont bleibt und geniesse eine Aussicht, die mich nur noch staunen lässt!

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Blick ins Hegedalen

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Langdalen

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Middagsfjellet

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Am Horizont das Reinsfjellet

Ganze zwei Stunden sitze ich da auf diesem namenlosen Gipfel und bewundere die eindrückliche Welt der Vesterålen. Hier werde ich mit Sicherheit wieder zurückkommen, zu beeindruckend ist diese Landschaft.

Ich habe auch gerade guten Mobilempfang und so checke ich kurz die Wetterprognosen für meine letzte Woche in Norge. Doch da scheint sich nun mit Sicherheit eine ziemliche Verschlechterung abzuzeichnen. Einzig Tromsø wird mir bis Sonntag noch eine Gnadenfrist einräumen, danach wird das ganze Land von Tiefdruckzonen eingekesselt. Eigentlich muss ich nicht lange überlegen, den erzwingen muss ich nichts und ich hatte grandiose Tage im Narvikfjell und jetzt auch hier. So checke ich auch gleich die Rückflugmöglichkeiten ab Narvik die allerdings mehr als schlecht sind. Tromsø bietet mir eine hervorragende Möglichkeit am Montag und so buche ich gleich diesen Flug zurück in die Schweiz.

Ich werde also noch eine gemütlichen und schönen Tag in der Haakonsbu haben, kann meine Ausrüstung reinigen und verpacken und morgen dann ins Tal runterlaufen, wo ich gleich eine Bushaltestelle für Narvik vorfinden werde. Dies ist übrigens ein riesiger Vorteil, egal wohin man runtergeht, es hat Bushaltestellen noch und noch!

Als ich zur Hütte runterkomme, sind gerade alle Hüttenbewohner im Begriff zu gehen. Schön, dass ich mich noch von allen verabschieden kann, es war wirklich ein super gemütlicher Abend mit ihnen! Den Nachmittag geniesse ich aus vollen Zügen um die Hütte herum, erledige meine Arbeiten und bin nicht ganz erstaunt, als dann der erste Gast zur Hütte kommt. Es ist Wochenende, gutes Wetter und so rechne ich heute mit einer vollen Hütte. Daher habe ich auf dem nahegelegenen Hügel wo es Mobilempfang gibt, auch gleich eine Bettreservation vorgenommen, war allerdings erstaunt, dass bis jetzt auch nur ein weiteres reserviert war.

Schon von weitem sehe ich, dass der Mann eine schweren Rucksack mit allerlei Baumaterial bei sich hat und auch die blaue Jacke des DNT trägt. Es ist Kristian aus Harstad und was für ein Stück Glück, es ist der Supervisor der Haakonbu, also jener der die Aufsicht über die Hütte und dessen Bau hat. Er will das Wochenende nutzen um noch ein paar Arbeiten erledigen und gesteht mir am Abend…..“ ich weiss wirklich nicht wen  ich mittlerweile mehr sehe…meine Frau oder die Hütte!“ Aber er ist mächtig stolz und erzählt mir alles haargenau. Natürlich auch den Besuch von Haakon den er an diesen zwei Tagen „betreut“ hat (da sind nun ein paar Anekdoten drin die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind 😉 ). In der Zwischenzeit sind die beiden gute Freunde und gemeinsame Skitouren sind geplant. Ein junger Däne trifft am Abend dann auch noch ein, der mit seiner vielgereisten Vita ebenfalls für viel Unterhaltung sorgt.

Kristian erzählt uns auch, dass die alte Hütte 100 Meter weiter unten gebaut wurde, aber jeweils im Winter komplett mit Schnee überdeckt war und man sie dann öfters stundenlang suchen und ausbuddeln musste. Man wollte die Hütte versetzen und baute sie bis auf das Gerüst ab und versuchte dann dieses mit dem Hubschrauber an den neuen Standplatz hochzufliegen. Fünf Meter vor dem Ziel krachte die Hütte aber dann zu Boden und war nicht mehr zu gebrauchen…..“ als es dann mal etwas neblig war, gingen wir zur kaputten Hütte hoch und seitdem gibt es sie nicht mehr“ schmunzelt Kristian, „das Feuer hat gut gewärmt!“ Dies war der Grundstein zur Planung der neuen Hütte. Er verrät mir auch noch, dass nächstes Jahr die Toralfsbu ebenfalls durch eine neue, solche Hütte ersetzt werden soll.

Samstag 17.August (12 Km)

Bis lange in die Nacht hinein haben wir noch diskutiert und den Anekdoten von Kristian gelauscht. Wir waren allerdings ziemlich erstaunt, dass wir drei alleine bleiben an diesem Abend.

Mein Weg führt heute ins Kongsvikatal hinunter an dessen Ende eine Bushaltestelle ist. Es ist noch einmal ein prachtvoller, warmer Tag und das Tal ist unermesslich schön.

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Abschied von Haakonsbu

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Austerfordalen mit dem Jakobstinden im Hintergrund

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Kongsvikdalen

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Kongsvikdalen

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Kongsvikdalen

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Die letzten Meter auf Hinnøya

Nach einem zuerst gemächlichen Abstieg, geht es mächtig steil einer Sami Quadspur radikal runter ins Tal, auf die Kiessstrasse zum Fjord. Nach drei Stunden erreiche ich die Hauptstrasse und die Bushaltestelle. Es ist noch etwas früh und so gehe ich gleich weiter zur nächsten Haltestelle wo es eine Tankstelle mit Kiosk gibt.

Ich kaufe mir ein paar leckere Sachen ein und setze mich dann auf die Bank an der Bushaltestelle und warte auf den Bus nach Narvik. Nun, eigentlich ist es ziemlich doof fast zwei Stunden nach Narvik zu fahren und dann mit dem Bus nochmals dreieinhalb Stunden bis Tromsø hoch, doch ich hatte vor meiner Abfahrt nach Hinnøya (leider) etwas Gepäck in einem Schliessfach in Narvik deponiert, dass ich jetzt abholen muss. Von hier wäre ich in einer halben Stunde in Harstad und dann mit dem Schnellboot in drei Stunden in Tromsø. Wieder einmal zeigt sich der Nachteil einer Deponierung!

Während auf der gegenüberliegenden Seite der Bus fahrplanmässig vorbeirauscht, fünf Minuten vor meinem, kommt meiner nicht. Ich warte und warte und warte, aber mein Bus scheint nicht zu kommen. Es ist nicht ganz ungewöhnlich in Norwegen, dass ein Bus mal eine Stunde Verspätung hat oder selten auch gar nicht kommt, aber nun warte ich schon zwei Stunden und nichts passiert!! „Was zum Teufel ist da los“ murmle ich, denn dieser Bus hätte mir heute den direkten Anschluss nach Tromsø erlaubt und das ist jetzt passé! Ich habe in Tromsø ein Hotel reserviert, da es in Narvik nichts mehr gab weil da ein grosses Fahrradrennen stattfindet. Am nächsten Tag soll es auch Buslinien geben die ausfallen wegen dem Rennen, ist vielleicht schon heute so was passiert??

Ich bin leicht angesäuert und nehme die Karte hervor. Mir bleibt nichts anderes übrig als den nächsten Bus nach Harstad zu nehmen und dann das Boot nach Tromsø. Irgendwie werde ich das Zeug im Schliessfach wohl organisieren können. Doch der Grund warum ich das erzähle hat natürlich einen tiefsinnigen Grund 😉

Als ich nämlich auf die Karte schaue fällt es mir wie Äpfeln von den Augen…. ich Riesenross sitze auf der falschen Strassenseite und ich habe vor zwei Stunden genüsslich „meinem“ Bus beim vorbeifahren zugeschaut!!! Aaarrggghhh!!!

Doch warum das? Wer sich auf diesen Inseln bewegt, wird ganz schnell die Himmelsrichtung verlieren. Die Strassen gehen mal hier in einen Fjord, dann drüben wieder raus und drehen um diese Halbinsel usw. Ich bin immer in dieselbe Richtung gelaufen auf Hinnøya, immer in Richtung Harstad. Also war es eigentlich logisch, wenn ich an die Bushaltestelle komme, dass ich mit dem Bus zurück Richtung Narvik fahren muss. Falsch…. der Bus geht nämlich zuerst Richtung Harstad, dann über die grosse Tjeldsundbrücke und erst dann geht es wieder in die andere Richtung nach Narvik! Irgendwann am gestrigen Abend hat Kristian noch erwähnt, dass es selbst für die Insulaner manchmal etwas verwirrend sein kann. Jetzt weiss ich was er meinte!!

Doch so war ich viel früher in Tromsø, genoss eine tolle Bootsfahrt entlang von Senja und dem Tromsø Archipel und das Warenhaus AMFI in Narvik war sehr zuvorkommend und will mir den Inhalt des Schliessfaches in die Schweiz nachsenden, TUSEN TAKK!!

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Senja

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Grytøya

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Tromsø

In meinem Stammhotel Hotel Thon eingecheckt, das Material flugtauglich verpackt, einen kleinen Tagesrucksack für den nächsten Tag bereitgestellt, geduscht und ab in den Ausgang. Bei einem gemütlichen Abend in meinem Lieblingsrestaurant in Tromsø dem Biffhuset Skarven plane ich meine Abschiedstour in Norwegen für 2019.

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Es ist mittlerweile schon fast eine Tradition für mich, den letzten Tag in Norwegen mit einer laaannngggen Wanderung zu zelebrieren. Sei es 2015 am Ostkap Helnes Fyr auf Magerøya, 2018 auf den Steigtinden bei Bodø. Und morgen ist ein Berg eingeplant, der wie kaum ein anderer als Symbol für eine Stadt steht, der Tromsdalstinden!

Wer ein Foto der Eismeerkathedrale macht, wird ihn unweigerlich im Hintergrund mit auf dem Bild haben:

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Eismeerkathedrale und im Hintergrund der Tromsdalstinden.

Es ist der Hausberg der Tromsør und wird auch sehr viel bestiegen, sei es als Trail Runner, als Wanderer oder einfach mal schnell überschritten. Er ist mit dem Auto durch das Tromsdal schnell erreichbar. Vom Stadtzentrum aus ist es aber ein weiter Weg, hin und zurück c.a. 30 Kilometer und es sind insgesamt ziemlich genau 1200 Meter hinauf und hinunter.

Sonntag 18.August (28 Km)

Dies entspricht genau meiner Vorstellung, denn ich bin jetzt so fit wie selten und ich habe eine unheimliche Lust einfach noch einmal so richtig zu pumpen und den Fjellboden unter meinen Füssen zu spüren! So packe ich nach einem wunderbaren Frühstück meinen kleinen Rucksack und laufe über die grosse Brücke zur Eismeerkathedrale und dann über die Sherpatreppe hoch Richtung Fløya.

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Von da komm ich her…

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Da will ich hin…

Es würde mich auch wundern wenn ich den einfachsten Weg einschlagen würde und so wähle ich die weglose Variante über sämtlich Buckel der Fløya bis zum Einstieg in den Gratweg des Tromsdalstinden.

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Sørbotn

Gerade mal drei Stunden benötige ich bis an den Grateinstieg und kann das erste Mal auf die andere Seite zum Sørbotn hinunterschauen. Das Wetter ist noch etwas bewölkt und windig aber somit auch absolut perfekt zum laufen.  Der Gipfel sollte laut Prognosen mit Sonne belohnt werden.

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Matterhorn???

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Der Gipfelaufbau steigt toll an…

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Je höher man kommt umso gewaltiger wird die Aussicht! Sørbotn und Ramfjorden

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Tromsdalstindengipfel in Sonne!

Nach vier Stunden erreiche ich dann den Gipfel des Tromsdalstinden! Der Ausblick ist atemberaubend und dies auf alle Seiten! Während vier Stunden hatte ich das Gefühl irgendwo mitten im Fjell unterwegs zu sein. Kaum Leute und die Stadt war völlig in den Hintergrund getreten.

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Tønviksdalen und Storfjellet

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Tønviksdalen und Storfjellet

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Blick auf meinen Weg. Ganz rechts die Fløya, vorbei an den Litjevatnetseen zum Grat

Ich geniesse die Sonne auf dem Gipfel, als plötzlich von der anderen Seite immer mehr junge Leute den steilen Anstieg hochprusten. Ist da vielleicht ein Rennen? Ich steige langsam ab und komme mir plötzlich vor wie am Mount Everest in der Hochsaison!

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Massenandrang am Tromsdalstinden!

Ein junger Mann hält mich an und entschuldigt sich fast ein wenig. „Sorry, aber da kommen gleich etwa 250 Studenten hochgekrabbelt, es kann also etwas hektisch zu und her gehen“. Kein Problem für mich… ich glaube eher, nicht alle Studenten sind so begeistert von dieser Idee hier hochzugehen! Die Gesichtsausdrücke sind zum Teil köstlich und ich denke mir ab und zu…..“was haben die wohl alle ausgefressen, dass die am Sonntag hier hoch müssen!“ Und hier geht es wirklich extrem steil hoch und das eine ganze Weile. Da war mein Weg auf der anderen Seite ja richtig ein Spaziergang!

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Ameisen am Berg!

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Es ist steil, wirklich steil!

Die Norweger haben in Sachen Wegführung ein wesentlich anderes System als zum Beispiel die Schweizer oder Österreicher. Während es bei uns im steilen Gelände in mehreren Serpentienen und Kehren gemächlich hochgeht, zieht der Norweger einen geraden Strich den Berg hoch. Der Weg wird so kürzer aber eben….. 😉

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Tromsdalen

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Noch sind sie mehrheitlich grün, doch die gelben Farben sind nicht mehr weit bei den Birken

Im Tromsdalen angekommen wird langsam deutlich, dass der Herbst nicht mehr weit entfernt ist. Die Fjellböden verfärben sich langsam rot und die Birken ziehen langsam ihr gelbes Kleid an.

Mein Weg zurück in die Stadt ist nochmals 15 Kilometer weit, doch ich fliege nur so dahin und bin schon fast ein wenig enttäuscht als ich bei der grossen Brücke  Tromsøbrua ankomme.

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Tromsøbrua

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Rückblick auf den Tromsdalstinden nach 28 Kilometern und 8 Stunden Laufzeit

Was für ein genialer Abschlusstag am Tromsdalstinden! Auch wenn ich ein paar Tage früher als „ungeplant“ geplant nach Hause zurückkehre, ist die Tour 2019 ein kompletter Erfolg und ich empfinde einen totale Zufriedenheit. Besser geht nicht!

Zum zweiten Mal bin ich nun mit einem „One Way Ticket“ und nur der Vorgabe einer bestimmten, verfügbaren Zeit nach Norwegen gegangen. Auch dieses Mal haben sich wieder die ganzen Vorteile einer solchen „ungeplanten“ Tour gezeigt. Nirgendwo hatte ich nur einmal das Gefühl “ ich muss jetzt das und dort….“, egal wie, wo und wann, ich konnte aus dem Moment heraus entscheiden was ich tun wollte. Aber, und dies wurde mir auch dieses Jahr bewusst, es braucht etwas Organisationstalent, man muss in kurzer Zeit Entscheidungsfähig sein und es ist sicher von Vorteil, wenn die eine oder andere Idee im Kopf gespeichert ist. Gerade 2019 war es etwas schwieriger als 2018, weil ich praktisch in ganz Nordnorwegen die gleichen Verhältnisse antraf. Sich hier dann in nützlicher Frist zu entscheiden war nicht ganz einfach, denn ich wollte ja keine Tage mit rumhängen vergeuden.

Hinnøya ist der beste Beweis das aus solchen Entscheidungen wahre Perlen entstehen können. Ich glaube kaum, dass ich jemals eine Tour auf Hinnøya geplant hätte, da diese Gegend ganz einfach nie in irgendeiner Planung von mir auftauchte. Aber auch die Konsequenz zu haben, auf etwas zu verzichten obwohl man sich darauf gefreut hat, so wie bei der Etappe Ritsem-Narvik, bringt wieder andere Möglichkeiten an den Tag. Auf Norge på langs habe ich gelernt nicht übermotiviert und stur an etwas festzuhalten, nur um mir oder anderen etwas zu beweisen. Dies hat wohl viel mitgewirkt, dass ich solche Touren wie jene 2018 und 2019 auch mit einer grösseren Gelassenheit in Angriff nehmen kann. Und…… es macht einfach sehr viel Spass!

Ob es 2020 noch einmal eine „ungeplante“ Tour gibt, weiss ich noch nicht. Dass es eine gibt, da bin ich aber sicher. Gerade an langen Lauftagen gibt es viel Gelegenheit und Zeit um nachzudenken, Pläne zu schmieden, Wünsche zu realisieren. Permanent kreisen die Gedanken um „was könnte ich nächstes Mal und wie wäre es wenn ich jetzt hier und dort…“, sie begleiten mich oft den ganzen Tag und wenn ich nach Hause zurückkehre muss ich oft lachen, was für Spinnereien mir da doch durch den Kopf gingen. Aber gerade aus diesen Spinnereien sind dann oft Ideen entsprungen, die irgendwo vielleicht die Basis für all die Touren sind, ob im Norden oder Daheim, die ich mittlerweile unter die Sohlen gekriegt habe. Ich bin gespannt was da noch alles kommt…..!

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